31. Juli

Zwei Migros-Säcke hatte er gefüllt, den Campingstuhl in den Rucksack gestopft, dann war er losmarschiert. Sein Ziel: Der Bootssteg beim St. Alban-Quartier. Erleichtert stellte er fest, dass noch niemand vor ihm auf die Idee gekommen war, sich dort niederzulassen. Er markierte sein Revier, indem er die beiden Tüten über die Pfosten am Anfang des Stegs hängte, klappte den roten Stuhl auf und setzte sich. Dann betrachtete er lange den Rhein, der träge durch die Stadt floss, um kurze Zeit später die Eidgenossenschaft zu verlassen und ein deutscher Strom zu werden.

Er kramte im Rucksack, holte eine lauwarme Flasche Bier heraus, überlegte kurz, ob er diese zum Abkühlen in den Rhein stellen sollte, öffnete sie dann aber kurzentschlossen mit einer Drehbewegung. Er trank, rülpste verhalten, stellte die leere Flasche ab und band sich mit entschlossenen, oft geübten Bewegungen seinen langen Haare zu einem Dutt. Es konnte losgehen.

Noch wollte er die Vorfreude ein wenig auskosten. Nur zwei Mal im Jahr hatte er offiziell die Möglichkeit für sein Hobby. Dieses Jahr hatte er extra den Kanton gewechselt. Denn: In Basel startete der Nationalfeiertag schon einen Tag früher, nämlich am 31. Juli. Und: In seinem Kanton herrschte absolutes Feuerverbot, also auch Feuerwerksverbot. So ein Blödsinn! Als würden die paar gut überwachten Knallereien einen Brand verursachen. Also bei ihm sicher nicht.

In Gedanken stellte er sich einen Ablaufplan zusammen. Starten wollte er mit etwas Lustigen. Er verteilte die kleinen, kugelig geformten Knallteufel auf der Treppe, die von der Strasse hinunter zum Rhein führte. Beim Einnachten würde sie für Spass sorgen, da war er sich sicher.

Dann bereitete er seinen Schatz vor, einen China-Kracher, den er auf einem Markt bei seinem Tschechei-Ausflug im letzten Herbst entdeckt hatte. Er hoffte, dass er das hielt, was der Verkäufer ihm versprochen hatte. Tatsächlich, der Knall bebte über den Fluss und entlang des Uferwegs, Rauchschwaden vernebelten seinen Steg, Köpfe wandten sich ihm zu. Stolz strich er sich ein paar lose Strähnen hinter die Ohren. Das war ein guter Start. Er spähte in seine zwei prall gefüllten Tüten und grinste. Es würde eine tolle Nacht werden. Er, sein Feuerwerk und der Rhein. Er schlüpfte aus seinen Flip-Flops und stellte sich für einen Moment in das lauwarme Wasser des Rheins, das an den Steinen im Uferbereich tückisch rutschig war Dann blickte er den schick gekleideten Menschen nach, die auf einem der Rhein-Kursschiffe zu Live-Musik dinierten. Die Tische waren weiss gedeckt, er sah gebügelte Stoffservietten. So konnte man diesen 31. Juli auch verbringen. Aber das war definitiv nichts für ihn.