Begegnung mit mir

Mit einem Ruck bin ich wach. Einen Moment starre ich orientierungslos aus dem Fenster, sehe abgeernte, dürre Felder vorbeiziehen. Der Zug schaukelt sanft, gleichzeitig steigt mir der staubige Geruch des Sitzpolsters in die Nase. Erst dann bemerke ich, dass ich nicht mehr alleine bin. Ein Mädchen mit grün gefärbten Haaren steht im Abteil, sein Blick huscht unruhig umher. Zögernd kommt es auf mich zu, lässt sich lautlos in den Sitz gegenüber sinken. Ich sage «Guten Tag», doch es bleibt stumm, blickt zu Boden. Dann knüpft es langsam seine Springerstiefel auf, nimmt die Füsse in schwarzgelben Ringelsocken auf das Sitzpolster und schaut mich aufmerksam an.

«Ich hasse Rückwärtsfahren». Mit einem Knall lässt es eine Kaugummiblase platzen. Ein süsslicher Geruch breitet sich im Raum aus.

«Wir können gerne tauschen», schlage ich vor. «Oder du setzt dich neben mich».

Sie wickelt eine ihrer langen, grünen Strähnen um den Finger, die Augen sind schwarz geschminkt, sie spielt mir dem Piercing an der Lippe.

Schlagartig wird mir heiß, gleichzeitig zittere ich. Dieses Mädchen kenne ich. Nur zu gut. Doch wie ist das möglich? Wie kann mir hier und jetzt meine 25 Jahre jüngere Version gegenüber sitzen?

«Du bist ich», stammele ich. «Ja. Und ich bin du», grinst das Mädchen.

Ich streiche mechanisch über das samtig-raue Sitzpolster neben meinen Knien. Starre geradeaus. Suche verzweifelt nach einer Erklärung. «Kommst du aus der Vergangenheit? Sind Zeitreisen möglich geworden? Oder werde ich nun verrückt?»

«Weder noch», grinst mein jüngeres Ich. «Ich war neugierig und wollte dich kennen lernen. Hätte aber nicht gedacht, dass ich so eine krasse Spiesserin werden würde.» Sie lässt eine weitere Kaugummiblase platzen und wirft laut lachend den Kopf in den Nacken.

Mit einem Ruck bin ich wach. Auf meiner Stirn sind kleine Schweissperlen. Ich schaue mich rasch um. Niemand ist in meinem Abteil. Nochmal Glück gehabt.