• Grenzerfahrung

    Als ich mich aufrichte, rutscht mein linker Turnschuh die geneigte Granitplatte hinab; nur ganz wenig, höchsten ein paar Millimeter. Doch es genügt, dass sich meine Lunge verkrampft und das Adrenalin in meinen Fingerspitzen pulsiert. Nur nicht ausrutschen, nicht hier, auf keinen Fall. Ich verlagere langsam mein Gewicht auf das rechte Bein, suche für den linken Schuh einen besseren Tritt. Dann blicke ich nach unten. Mindestens zehn Meter sind es bis zum grasigen Wandfuss, die Granitplatte baut sich wie ein pockennarbiger Elefantenrücken unter und über mir auf.

    Ich beschliesse, den Rückzug anzutreten, drehe mich vorsichtig um, gehe in die Hocke. Schnell wird mir klar: Keine Chance. Ich traue mich nicht abzuklettern. Mein Blick schweift über die Felswand neben und über mir. Als sich mein Atem beruhigt, erkenne ich feine Dellen im Fels. Es könnte gehen. Ich schlüpfe vorsichtig aus meinem linken Schuh und meiner Socke. Dann belaste ich meine nackte Fusssohle, warte, bis sie nicht mehr feucht ist. Als auch mein rechter Fuss nackt ist, stopfe ich meine Socken tief in die Turnschuhe und befestige sie an meinem kleinen Tagesrucksack, in dem sich neben einer Flasche Wasser, einer Käsesemmel und einer Daunenjacke mein Telefon befindet. Doch ich werde es nicht benutzen. Auf keinen Fall. Ich lache doch immer heimlich über all die Trottel, die sich beim Wandern versteigen und die Rettung alarmieren müssen.

    Vorsichtig setzte ich meine Zehen auf eine Delle im Fels links von mir, verlagere mein Gewicht, spüre den rauen Fels unter meinem grossen Zeh. Dann greife ich nach einer winzigen, sonnenwarmen Schuppe und richte mich auf, setze meinen rechten Fuss. Schritt für Schritt geht es nach oben, ich atme und schaue, blicke nicht mehr nach unten. Am Ende der geneigten Platte folgt die Erlösung: Nach rechts verläuft ein schmaler Streifen Gras, der in flacheres Gelände führt. Ich gehe in die Hocke und bewege mich wie eine Spinne auf die Handflächen gestützt hinab. Bald stehe ich wieder in der Ebene, die ich keine zehn Minuten vorher verlassen habe. Ich setzte mich erschöpft ins Gras und trinke durstig. Den Gedanken, warum ich einfach drauflos geklettert bin, schiebe ich zur Seite. Ich bin mir selber doch keine Rechenschaft schuldig. Und zu Hause würde mich auch lange niemand vermissen. Ob sie überhaupt wissen, wo ich hingegangen bin?

    Ich schlüpfe in Socken und Schuhe und gehe mit etwas wackeligen Knien weiter, meinem heutigen Ziel entgegen; eine unscheinbare Erhebung, dessen Haupt ein stolzer Steinmann ziert. Noch ein paar Kraxelmeter, dann bin ich oben. Ein Kinderspiel. Die Aussicht: Wie immer grandios. Nach dem obligaten Eintrag ins wasserwellige Gipfelbuch verschlinge ich meine Käsesemmel und bette meinen Kopf auf meinen Rucksack. Für einen langen Moment starre ich in die Wolken.

    Ganz langsam nimmt die Welt wieder Konturen an, der Verkehrslärm der Passstrasse dringt zu mir herauf. Ich muss eingeschlafen sein, die Sonne steht nun schon nah über dem Horizont. Rasch packe ich meine Sachen, trinke den letzten Schluck Wasser und mache mich an den Abstieg, der noch einmal meine ganze Konzentration erfordert. Es dämmert bereits, als ich im Tal bei meinem Fahrrad ankomme. Ich schaue noch einmal zurück auf die Platte unterhalb des Gipfels, die im letzten Sonnenlicht leuchtet, als hätte jemand einen Scheinwerfer darauf gerichtet. Bin ich wirklich dort hinauf gestiegen? So ein Blödsinn, denke ich, während ich auf mein Rad steige. Das ist viel zu gefährlich, so ganz ohne Sicherung. Wahrscheinlich habe ich es nur geträumt. Ich bin doch ein vorsichtiger Mensch. Und vernünftig. Ich schüttle kurz den Kopf als wollte ich ein lästiges Insekt vertreiben. Dann schalte ich mein Blinklicht am Fahrradhelm ein und radle los.

  • Das Maisfeld

    Die geblichen Stängel bohren sich wie Zahnstocher in die staubige Erde. An einigen Stellen sieht man fahle Wurzeln, die sich tintenfischartig über dem Boden winden. Saras Hunderunde führt wie üblich am Maisfeld von Bauer Jens vorbei. Sie hat den Blick auf den überwachsenen Feldweg vor sich gerichtet, die Grashalme sind noch morgenfeucht, die Spitzen ihrer leichten Turnschuhe bereits durchnässt. Sie zögert. Soll sie ihre Hündin Lissi von der Leine lassen? Oder wird sie, wie die letzten Male, ins Maisfeld laufen?

    Seit die Pflanzen mannshoch stehen und die dicht gesäten Reihen undurchdringlich wirken, geht Sara nicht mehr gerne diesen Weg. Doch die Alternative wäre ein Gassigang entlang einer viel befahrenen Teerstrasse. Das gefällt weder ihr noch Lissi, die dort vor allem Abgase erschnüffeln kann.

    Seufzend beugt sich Sara zu Lissi hinunter und gibt sie mit einem leisen Klicken frei. Lissi spitzt die Ohren, beschleunigt sogleich ihren Gang, dann biegt die Labradorhündin ab. Hinein ins Maisfeld.

    Sara schluckt und blickt dem braunen Fellfleck nach, der im Feld verschwindet. An manchen Orten glaubt sie zwischen den Stängeln Eingänge zu entdecken, die wie Tunnel hinein in den Pflanzendschungel führen. Wahrscheinlich eine optische Täuschung, mahnt sie sich und wendet den Blick ab. Lissi ist im Dickicht der Stängel verschwunden. Nur das leichte Rauschen des Windes in den trockenen Blättern ist zu hören. Bald werden sie geerntet. Wenn es nicht regnet, wahrscheinlich noch diese Woche. Alarmiert hält Sara nach einem Mähdrescher Ausschau, doch sie sieht weit und breit keines der Riesenfahrzeuge. Lissi wäre nicht das erste Lebewesen, das bei der Maisernte unter die Räder kommt. Oder eher in die Schneidearme, die die Maschinen kammartig vor sich her schiebt. Sara verdrängt den Gedanken und geht dann langsam weiter.

    Bisher ist Lissi immer wieder aufgetaucht, wenn sie sie am Ende des Feldes nach ihr gerufen hat. Warum sollte es heute anders sein? Sie lässt sich Zeit für die holprigen 300 Meter, die noch vor ihr liegen, bevor der Feldweg in eine Teerstrasse übergeht, die zu den Häusern am Dorfrand führt. Die Sonne wirft an diesem Augusttag noch lange Schatten. Lissi blickt auf die Uhr. Schon bald muss sie los ins Krankenhaus, ihre Schicht startet um 8 Uhr. Sie blinzelt und überlegt, mit wem sie heute eingeteilt ist. Hoffentlich nicht mit Maria, dieser Trantüte. Da wechselt sie Bettwäsche und Verbände lieber alleine.

    Saras Pfiff auf zwei Fingern zerreisst die Stille. Sie lauscht. Pfeift erneut. Eigentlich ist sie nicht überrascht, dass Lissi nicht kommt. Sie hat damit gerechnet. Irgendwann musste das ja passieren. Sie pfeift erneut, schreit Lissis Namen. Nichts. Dann blickt sie wieder auf die Uhr. Zögernd biegt sie zwei Maispflanzen auseinander, späht in den Stängelwirrwar, der irgendwann zu einer braunen, undurchdringlichen Masse wird. Sie lässt die Pflanzen los, die sich ächzend in ihre Ausgangsposition zurückbewegen und pfeift erneut. Es macht keinen Sinn, nach Lissi zu suchen. Das Feld ist zu gross. Und bisher ist sie ja immer wieder gekommen. Vielleicht hat sie etwas Interessantes erschnuppert oder ein Reh aufgespürt?

    Sara macht ein paar Schritte rückwärts, stolpert über eine büschelige Graspflanze und fällt unsanft auf ihren Po. Mit Tränen in den Augen bleibt sie sitzen. Da! War da nicht ein leises Winseln zu hören? Sie lauscht angestrengt. Da ist es wieder! Das ist sicher Lissi. Sie braucht Hilfe!

    Sara läuft zielgerichtet hinein in den gelbbraunen Urwald, biegt hektisch Stängel um Stängel zur Seite, wischt Blätter weg und stolpert immer weiter zwischen den Reihen hinein in das Feld. Zwischendurch lauscht sie. Das Winseln wird lauter. Die Richtung stimmt! Sie rennt hektisch weiter, die Pflanzen schneiden ihr in die nackte Haut an den Armen, ihre Turnschuhe sind an den Spitzen vom Staub gefärbt.

    Verschwitzt und mit Staub auf den Haaren findet sie schliesslich ihren Hund. Lissi wedelt bei Saras Anblick kurz mit dem Schwanz, dann blickt sie wieder konzentriert auf ein grosses Loch vor ihr im Boden. Mehrere Maisstauden sind umgeknickt, Erdhaufen sind neben der gullydeckelgrossen Vertiefung jedoch keine zu sehen. Sara beugt sich darüber und späht hinein. Das Loch scheint tief zu sein. Sie nimmt einen der herumliegenden Maiskolben und wirft ihn hinein. Wartet. Sie meint, ein Plätschern aus weiter Ferne zu hören. Sara blickt zu Lissi. „Komm, wir gehen.“ Sie steht auf und entfernt sich vom Loch. Lissi jedoch winselt wieder und bleibt sitzen. Nach einem entsetzten Blick auf die Uhr packt Sara den Labrador schliesslich am Halsband, klickt die Leine ein und zieht. Lissi stemmt sich in den Boden, winselt und pfeift. Nach zehn Metern gibt Sara entnervt auf. „Ich gehe jetzt, Lissi. Ich muss zur Arbeit. Komm doch bitte mit“, versucht sie es noch einmal mit weinerlicher Stimme. Doch Lissi sitzt inzwischen wieder am Erdloch, gräbt mit den Pfoten und steckt die Schnauze in die staubige Erde.

    Als Sara nach einem anstrengenden Tag im Krankenhaus – sie war mit Maria auf der Station eingeteilt – nach Hause kommt, hofft sie fest, Lissi bei ihrer Hundehütte im Vorgarten zu erblicken. Doch Fehlanzeige. Sie erbleicht, als sie zum Maisfeld eilt und dort zwei Mähdrescher bei der Arbeit erblickt. Diese haben den Pflanzendschungel in ein karges Stoppelfeld verwandelt. Nur ein Streifen in der Mitte steht noch. Sara stolpert quer über das Feld, winkt den Fahrern, schreit nach Lissi. Als sie die Fahrzeuge erreicht, ist auch der letzte Mais unter lautem Gedröhn gemäht. Einer der Fahrer runzelt die Brauen. „Einen braunen Hund? Ne, hab ich nicht gesehen.“ Ein grosses Loch im Boden schon gar nicht. Der Hund sei wohl hineingefallen, sagt der Mann noch mit einem höhnischen Lachen.

    Im nächsten Jahr pflanzte Bauer Jens keinen Mais sondern Weizen. Sara meidet den Feldweg, es schmerzt sie zu sehr. Sie fragt sich oft, was sie hätte anders machen sollen, an dem Tag, als Lissi verschwand. Nach Hause gehen, um ein Stück Wurst zu holen? Verstärkung organisieren und Lissi abtransportieren? Die Polizei rufen? Sie weiss nur eines sicher: Sie würde auf die Arbeit pfeifen an diesem Tag. Maria könnte die Nachttöpfe auf der geriatrischen Abteilung alleine leeren.

  • 31. Juli

    Zwei Migros-Säcke hatte er gefüllt, den Campingstuhl in den Rucksack gestopft, dann war er losmarschiert. Sein Ziel: Der Bootssteg beim St. Alban-Quartier. Erleichtert stellte er fest, dass noch niemand vor ihm auf die Idee gekommen war, sich dort niederzulassen. Er markierte sein Revier, indem er die beiden Tüten über die Pfosten am Anfang des Stegs hängte, klappte den roten Stuhl auf und setzte sich. Dann betrachtete er lange den Rhein, der träge durch die Stadt floss, um kurze Zeit später die Eidgenossenschaft zu verlassen und ein deutscher Strom zu werden.

    Er kramte im Rucksack, holte eine lauwarme Flasche Bier heraus, überlegte kurz, ob er diese zum Abkühlen in den Rhein stellen sollte, öffnete sie dann aber kurzentschlossen mit einer Drehbewegung. Er trank, rülpste verhalten, stellte die leere Flasche ab und band sich mit entschlossenen, oft geübten Bewegungen seinen langen Haare zu einem Dutt. Es konnte losgehen.

    Noch wollte er die Vorfreude ein wenig auskosten. Nur zwei Mal im Jahr hatte er offiziell die Möglichkeit für sein Hobby. Dieses Jahr hatte er extra den Kanton gewechselt. Denn: In Basel startete der Nationalfeiertag schon einen Tag früher, nämlich am 31. Juli. Und: In seinem Kanton herrschte absolutes Feuerverbot, also auch Feuerwerksverbot. So ein Blödsinn! Als würden die paar gut überwachten Knallereien einen Brand verursachen. Also bei ihm sicher nicht.

    In Gedanken stellte er sich einen Ablaufplan zusammen. Starten wollte er mit etwas Lustigen. Er verteilte die kleinen, kugelig geformten Knallteufel auf der Treppe, die von der Strasse hinunter zum Rhein führte. Beim Einnachten würde sie für Spass sorgen, da war er sich sicher.

    Dann bereitete er seinen Schatz vor, einen China-Kracher, den er auf einem Markt bei seinem Tschechei-Ausflug im letzten Herbst entdeckt hatte. Er hoffte, dass er das hielt, was der Verkäufer ihm versprochen hatte. Tatsächlich, der Knall bebte über den Fluss und entlang des Uferwegs, Rauchschwaden vernebelten seinen Steg, Köpfe wandten sich ihm zu. Stolz strich er sich ein paar lose Strähnen hinter die Ohren. Das war ein guter Start. Er spähte in seine zwei prall gefüllten Tüten und grinste. Es würde eine tolle Nacht werden. Er, sein Feuerwerk und der Rhein. Er schlüpfte aus seinen Flip-Flops und stellte sich für einen Moment in das lauwarme Wasser des Rheins, das an den Steinen im Uferbereich tückisch rutschig war Dann blickte er den schick gekleideten Menschen nach, die auf einem der Rhein-Kursschiffe zu Live-Musik dinierten. Die Tische waren weiss gedeckt, er sah gebügelte Stoffservietten. So konnte man diesen 31. Juli auch verbringen. Aber das war definitiv nichts für ihn.

  • Türkis

    Türkis ist eine Kinderfarbe,
    die Farbe meines Kindes.

    Ein Gemisch aus Blau und Grün.
    Ambivalent, so wie ich.

    Türkis ist der Stein des Wassermanns.
    Das passt zu mir Januarkind.

    Er steht für Freundschaft, Treue und Verbundenheit.
    Passt das zu mir?

    Kraft soll der Edelstein schenken,
    den Kopf frei machen.

    Gesehen habe ich ihn letztens in einem niedrigen Holzschuppen,
    der Werkstatt eines Strahlers,
    der früher in Afghanistan Steine sammelte.

    Heute macht er daraus Kunstwerke,
    die ebenso strahlen, wie die Augen der Frauen unter ihren Burkas.

    Türkis sind die Wände in meinem Badezimmer und in meiner Küche.
    Die Farbe hat jemand von Hand für mich gemischt.

    Kinderworte, die ich zufällig belauschen durfte:
    Wenn ich in eurem Bad bin, fühle ich mich wie am Meer.

    Türkis ist eine Kinderfarbe
    Türkis ist meine Farbe.

  • Im Frühstücksraum

    Manuel Blocard blieb auf der Schwelle stehen. Oh je. Gar nicht gut. Der Raum mass nur etwa sieben auf sechs Meter, er war vollgestellt mit Stühlen und Tischen, an der Wand befand sich ein Buffet, auf dem er aus den Augenwinkeln eine Käseglocke, hartgekochte Eier und verschiedenfarbige, klumpige Marmeladen erkennen konnte.

    Was ihn am Eintreten in den Frühstücksraum hinderte, waren die sechs Personen, die sich zu zweit oder alleine an den verschiedenen Tischen befanden. Manuel Blocard holte umständlich sein Stofftaschentuch aus der Jeanstasche, faltete es auseinander und wischte sich über die Stirn.

    Je länger er im Türrahmen stand, desto stiller wurde es im Raum. Köpfe wandten sich ihm zu, die Augenbrauen wanderten nach oben, während die Münder unablässig Kaubewegungen ausführten, Speisebrei wurde geschluckt.

    Manuel Blocard ging seine Optionen durch: So tun, als hätte er etwas im Zimmer vergessen, sich umdrehen und den Raum verlassen. Eintreten und sich unauffällig einen der letzten freien Tische aussuchen, ein Brötchen hinunterwürgen und eiligst wieder gehen. Auf der Schwelle stehen bleiben war definitiv keine Option, denn nun näherte sich die Pensionswirtin von hinten.

    „Guten Morgen Herr Blocard, haben Sie gut geschlafen?“, zwitscherte die kleine Frau, deren Augen ihn an Rosinen in einem Hefeteig erinnerten.

    „Danke, Frau Brenner.“ Manuel Blocard nickte der Frau förmlich zu und duckte sich weg, bevor sie ihm weitere Fragen stellen konnte. Er stakste um die besetzten Tische, peinlich darauf bedacht, nichts zu berühren. Dann setzte er sich an den Tisch unmittelbar neben der Toilettentüre. Er verstand nicht, warum diese Tische in Restaurants so unbeliebt waren. Für ihn waren sie ein Segen. Unbeachtet konnte er dort seine Mahlzeit einnehmen.

    Manuel Blocard wischte sich erneut über die Stirn. Dann ging er wiederum seine Möglichkeiten durch. Zeit hatte er mehr als genug. Sein Treffen war erst in 1,5 Stunden angesetzt. Hunger? Ein wenig. Da der heutige Tag anstrengend werden würde, zwang er sich jedoch, zwei Scheiben Brot, Butter, Käse und Marmelade auf seinen Teller zu laden und das gerade freie Buffet schnellstmöglich wieder zu verlassen. Sein Nachbar zur rechten Hand, dessen Bauchumfang ihn daran hinderte, nahe an den Tisch heranzurücken, hatte bereits seine Wanderstiefel an, die Waden krebsrot. Nun schob er keuchend seinen Stuhl zurück und polterte durch den Raum Richtung Toilette. Manuel Blocard rutschte auf seinem Stuhl nach hinten, bis er die Wand berührte und schloss die Augen. Die Vorstellung, der Wandervogel könnte beim Vorbeigehen winzige Hautschüppchen oder – noch schlimmer – Bart- oder Armhaare verstreuen, verursachte ihm einen Knoten im Magen. Der Platz neben der Toilette war doch keine gute Idee gewesen.

    Er war erleichtert, dass die Wirtin nach der Kaffeebestellung den Raum verliess und ihm das gewünschte Getränk ohne weiteren Kommentar brachte. Manuel Blocard schaffte es, eine Scheibe Brot mit Butter und Käse zu essen, bevor sich die Toilettentür wieder öffnete und sein Tischnachbar schwer schnaufend zurück zu seinem Platz ging, wo dessen Frau inzwischen ihr zweites 5-Minuten-Ei geräuschvoll auskratzte.

    „Na, Sportsfreund, gehts auch zum Wandern?“ Der Mann stand breitbeinig vor Manuel Blocard und klopfte mit den Knöcheln auf seinen Tisch, genauer gesagt auf den Rand seiner Serviette. Manuel Blocard starrte zunächst auf die Serviette, dann in das rot geäderte Gesicht des Mannes. Ohne einen Kommentar stand er auf und durchquerte den Raum auf dem schnellsten Weg, schlängelte sich um Stuhllehnen und Tischecken und warf sich schliesslich über die Schwelle. Ob sein Handeln als unhöflich taxiert wurde, war in diesem Moment zweitrangig. Er sah immer noch die feinen Spucketröpfchen, die der Mann beim Sprechen auf seine Kaffeetasse und die verbliebenen Brotscheibe hatte herabregnen lassen.

    In seinem Zimmer angekommen, schloss er die Tür hinter sich ab und packte eiligst seine Tasche. Er würde schon früher gehen. Das Ensemble traf sich zwar erst in rund einer Stunde. Es schadete jedoch nicht, wenn er sich ein wenig länger aufwärmte. Heute fand schliesslich die Hauptprobe statt, ab übermorgen würde es dann ernst. Schwanensee zu tanzen war schon immer sein Traum gewesen.

    Er würde dem Choreograf Bescheid geben, dass er bei der Tournee in keinem Fall in einer Frühstückspension untergebracht werden wollte. Am besten an einem Ort ohne gemeinsame Verpflegung der Gäste. Essen wurde seiner Meinung nach eh überbewertet. Nach einem zufriedenen Blick in den Spiegel zog Manuel Blocard die Türe ins Schloss und legte seinen Zimmerschlüssel leise klirrend auf die verwaiste Reception. Dann tänzelte er Tschaikowski pfeifend Richtung Theater.

  • Onkel Alfreds Geburtstag

    Eins vorneweg: Ich kann nicht kochen. Backen schon gar nicht. Trotzdem versuche ich es immer wieder. Schliesslich gehört es heute zum guten Ton, Freunden ein mehrgängiges Menu vorzusetzen, natürlich alles selbstgekocht, regional, saisonal, bio.

    Gekauften Kuchen zu verschenken, wird als komplettes Versagen angesehen. Ich sehe heute noch meine Bekannte Irmhild vor mir, wie sie die mitgebrachte Cremetorte – immerhin vom Bäcker im Ort – schweigend auspackte. Ihre Brauen verschwanden unter ihrem frisch geföhnten Pony.

    Was aber tun, wenn man in der Küche gänzlich unbegabt ist, jedoch der Geburtstag des Patenonkels ansteht? Dazu muss man wissen: Alfred, ein angegrauter, aber immer noch rüstiger Senior liebt Süsses. Er braucht es wie Popeye den Spinat. Wie eine Rakete den Treibstoff. So ungefähr. Ich überlegte mehrere lange Tage, was ich ihm zu seinem runden Jahrestag schenken könnte. Schliesslich landete ich bei Brunsli – Sie wissen schon, diese Schweizer Nuss-Schokoladen-Kekse, die es klassischerweise in der Adventszeit gibt. Auch für Anfänger geeignet, hiess es.

    Ich band mir also meine blau-weiss-gestreifte Kochschürze um, holte Mehl, Eier, Mandeln, Zucker und dunkle Schokolade aus meinem meist gähnend leeren Vorratsschrank und begann, die Zutaten vorsichtig in einer Schüssel zu mischen. Ein klein wenig Mehl landete auf den Ärmeln meines Mohairpullis, die ich sogleich hektisch nach oben krempelte. Der Rest verlief erstaunlich ereignislos: Ich trennte die Eier, schlug das Eiweiss zu Schnee und formte einen dunkelbraunen, fettig glänzenden Klumpen, den ich in den Kühlschrank stellte.

    Ich war stolz, dass das Auswallen des Teiges ohne grössere Zwischenfälle gelang und die ausgestochenen Herzen, Kleeblätter und Sterne als solche erkennbar waren.

    Als ich zwei Kuchenbleche gefüllt hatte und der Backofen summend sein Gebläse anwarf, seufzte ich, band die Schürze ab und verliess erleichtert die Küche. Dann klingelte es an der Tür. Ehe ich mich versah, war ich mit meinem Nachbarn Hans in ein Gespräch über Neophyten verwickelt. Kleine Klammerbemerkung: Ich mag Hans wirklich sehr, aber der immer grösser werdende Busch Berufkraut am Zaun zwischen unseren Grundstücken, ist mir ein Dorn im Auge. Warum er an diesem Tag eigentlich klingelte, habe ich vergessen. Klammer zu.

    Um es kurz zu machen: Ich vergass die Brunsli. Der dunkle Teig war fast schwarz, als ich Alfred die Tür vor der Nase zuschlug und alarmiert zum Backofen sprintete. Es roch, nein, es stank. Ich beförderte die beiden Bleche unsanft auf den Balkon, riss alle Fenster und Türen auf und verdrückte eine Träne.

    Onkel Alfred habe ich schliesslich doch noch Kekse mitgebracht. Keine Sorge, ich habe nicht nochmal gebacken. Mein Nachbar Hans hat sie mir geschenkt. Ich glaube, er hatte Mitleid mit mir. Dafür durfte er sein Berufkraut behalten. Zumindest noch ein bisschen.

  • Treffpunkt San Peder

    Hoffentlich ist er da. Ladina presst die Lippen zu einen schmalen Strich zusammen und eilt zu der Lücke im Zaun, die sich unter den tiefen Ästen eines Holunderbaums versteckt. Sie zwängt sich hindurch, ein schemenhafter Schatten in der Dämmerung, nur beobachtet von einer dreifarbigen Katze, die sich auf einer nahen Mauer zusammengerollt hat. Dann eilt Ladina durch das feuchte Gras hinauf zur Ruine. Sie klettert über die vertrauten Tuffsteine, das Zirpen der Grillen dröhnt in ihren Ohren. Sie schnauft und schaut. Die Mauerreste von San Peder ragen zackig in den auberginefarbenen Himmel.

    Ladina ahnt es bereits. Sie nimmt die letzten Meter im Laufschritt, dann steht sie in der Ruine der alten Kirche von Sent. Der viereckige, grasige Platz wirkt wie eine Arena. Eine leere Arena. Gion ist nicht da.

    Ladina schnieft und stolpert über den unebenen Boden zu einem Loch in der Mauer. Sie versucht, nicht an Spinnen und Käfer zu denken und greift hinein, spürt bröckeligen, feuchten Mörtel, sonst nichts. Gion hat ihr keine Nachricht hinterlassen.

    Sie lässt die Schultern hängen und lehnt sich an die Mauer, die noch die Wärme der Sonne gespeichert hat. Ihre Tränen wischt sie grob mit Zeige- und Mittelfinger ab, dann presst sie die Fäuste auf die Augen.

    «Ladina.» Sie spürt den vertrauten Körper in der zunehmenden Dunkelheit mehr, als dass sie ihn sieht. Gion geht vor ihr in die Hocke und pflückt eine Holunderblüte aus ihrem dunklen Haar. Der vertraute, herbe Geruch nach Schafgarbe umgibt ihn.

    «Du bist gekommen.» Sie betrachtet seine braunen Augen mit den goldenen Sprenkeln, seine Grübchen, in die sie so gerne die Fingerkuppen legt. Auch im Dunkeln erkennt sie das flaumige Haar unterhalb seiner Schläfen, das sie immer an ein Katzenbaby erinnert. Gion zieht Ladina hoch und gemeinsam klettern sie an ihren Platz an der tiefsten Stelle auf dem Mauerrest. Von hier aus ist das ganze Tal zu sehen, der Inn rauscht tief unten, Bergspitzen ragen in die Dunkelheit.

    Nur eine dreifarbige Katze beobachtet, wie ein Mädchen und ein Junge kurz vor dem Morgengrauen das Grundstück durch eine verborgene Zaunlücke verlassen. Sie lösen die Hände nur widerwillig voneinander und eilen in unterschiedliche Richtungen durch das schlafende Dorf davon. Die Katze gähnt, streckt die Vorderbeine und springt von der Mauer. Zeit, nach Hause zu gehen.

  • Tag am See

    Guten Tag, darf ich mich kurz vorstellen? Ich heisse Stephan und bin ein Nazi. Meine Devise ist Hass. Diese vier Buchstaben habe ich mir gross auf meine linke Brust tätowieren lassen. Aber urteilen Sie nicht vorschnell, ich bin kein schlechter Mensch. Ich lebe in der Schweiz, habe eine Frau und Kinder, gehe einer ordentlichen Arbeit nach und zahle Steuern. So wie viele andere auch.

    Am Wochenende unternehmen wir regelmässig Ausflüge mit unseren Kollegen. Abrasierte Schädel und nationalsozialistische Tattoos gehören bei uns dazu wie in anderen Cliquen der Ghettoblaster oder die Kiste Bier. Wobei wir Männer schon auch gerne Bier trinken. Doch nicht mehr als alle anderen. Wir sind schliesslich Familienväter.

    Unsere Frauen sind gute Mütter. Sie packen Nudelsalat und Chips in die Badetaschen, Melone für die Kinder. Am Badesee bildet unsere Gruppe eine Insel, die Handtücher berühren sich, wir teilen das Essen und die Kinderbetreuung. Apropos Kinder: Um die kümmern wir uns liebevoll. Überhaupt sind wir rechte Familienmenschen. Im doppelten Sinn, kleiner Scherz.

    Ob die Leute uns manchmal komisch anschauen? Kann schon sein. Doch das kümmert mich nicht. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch seine persönliche Gesinnung ausleben dürfen soll. Toleranz ist wichtig. Wir sind doch eine aufgeklärte, moderne Gesellschaft! Gerade in der Schweiz.

    Unsere Community ist hier nicht riesig, trotzdem grösser, als man meint. Einen Gleichgesinnten erkennen wir sofort. Nicht, dass es geheime Zeichen oder bestimmte Losungsworte gibt – es ist eher wie eine Aura, die uns umgibt. Kein Heiligenschein, das nicht. Es funktioniert mehr nach dem Prinzip des Magnetismus. Wir ziehen uns an. Linksradikale hingegen stossen uns ab. So einfach ist das.

    Schmeissen Sie uns aber bitte nicht in einen Topf mit unseren Kollegen aus Deutschland. Klar, unsere Überzeugungen sind ähnlich. Doch wir Nazis hier in der Schweiz ticken anders. Haben andere Intentionen, sind nicht so einfache Gemüter. Wir sind halt Wohlstand-Nazis. (lacht)

    Ausserdem sind wir viel besser integriert. Im Alltag fällt es wahrscheinlich niemandem auf, wo ich politisch stehe. Und meine Meinung will ich auch niemandem andrehen. Ich bin eher der zurückhaltende Typ. Wenn ich jedoch die Gelegenheit habe, mit meinen Kumpels etwas zu unternehmen, drehen wir gerne auf. Streifen die typische schweizerische Zurückhaltung wie ein Kleidungsstück ab und zeigen unser wahres Ich. Sagen, was wir wirklich denken. Schimpfen auf die Politik, die viel zu nett zu all dem Pack ist, das unser Land überschwemmt. Eine Katastrophe! Wenn es nach uns ginge, wäre vieles anders. Wir hätten ein sauberes Land, ohne Gesindel.

    So, jetzt höre ich besser auf, sonst rege ich mich zu sehr auf. Meine Frau guckt schon zu mir rüber. Sie will, dass unser Badeausflug friedlich abläuft. Keine Schlägereien, hat sie mir heute morgen beim Einsteigen ins Auto zugezischt. Pfff. Als hätte ich sowas im Sinn. Ich besorge besser noch eine Runde Bier für alle. Vorne am Kiosk, bei dem Affen mit den Dreadlocks. Doch heute ist Sonntag, da legen auch wir Nazis einen Ruhetag ein.

  • Der Ring

    Pamelas Eingeweide verkrampften sich, ihr Magen zog sich zusammen, bis er die Grösse eines Pingpongballes erreicht hatte. Gleichzeitig wurden ihre Fingerspitzen kalt und ihr Kopf heiss. Sie liess ihren Blick prüfend umherirren, über die Kücheninsel, den Wohnzimmertisch, die Kommode im Flur, wo sie stets ihre Schlüssel und ihr Handy deponierte, wenn sie nach Hause kam.

    Wo war der verdammte Ring?

    Konzentrier dich, ermahnte sie sich und kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in die dünne Haut an der Innenseite des linken Oberarms. Ein angenehmer Schmerz flutete ihren Körper, sie schloss die Augen und überlegte. Sie war nach Hause gekommen, hatte sich im Schlafzimmer umgezogen, dann geduscht und sich nackt aufs Bett gelegt. Sie musste den Ring im Bad abgestreift haben. Noch einmal kontrollierte sie den breiten Rand des Doppelwaschbeckens, das Regal mit den sorgfältig gefalteten Handtüchern und den Korb mit den Autozeitschriften neben der Toilette, in denen Peter stets blätterte, wenn er für längere Zeit im Bad verschwand.

    Normalerweise liess sie den Ring beim Duschen an. Doch im Sommer, wenn ihre Finger abends geschwollen waren, zog sie ihn gerne auch mal ab. Damit die feucht-weisse Stelle am oberen Ende ihres rechten Zeigefingers frische Luft bekam. Den wuchtigen Ring aus Weissgold mit Brillantbesatz legte sie stets an den oberen Waschbeckenrand. Achtete peinlich darauf, dass er nicht davonrollen konnte. Meist zog sie ihn nach dem Abtrocknen wieder an. Manchmal auch erst später. Jedoch immer, bevor Peter kam. Er merkte schon an der Tür, ob sie den Ring trug. So kam es Pamela zumindest vor. Sie hatte ihn nur einmal, ganz am Anfang ihrer Ehe, nach dem Kneten eines Teiges auf der Küchenablage vergessen. Er war ausgerastet. Sie hatte viel Abdeckcreme benötigt, um ihre gerötete und geschwollene Wange am nächsten Tag im Büro zu verbergen.

    Sie blickte nervös auf ihre Uhr. In einer halben Stunde würde er da sein. Sie rieb sich mit dem Zeigefinger über die Stirn, bis ihre Haut brannte. Dann lief sie noch einmal durch die Wohnung, robbte auf den Knien durchs Bad, untersuchte den muffig riechenden Abfluss in der Dusche und tastete den Boden in der Toilettenschüssel ab. Als sie gerade überlegte, ob sie das Siphon des Waschbeckens auseinanderschrauben sollte, hörte sie den Schlüssel im Schloss. Versteinert blieb sie auf den kalten Badfliessen sitzen, die rechte Hand, noch feucht von Toilettenwasser, hielt sie verkrampft hinter ihrem Rücken.

    „Hallo, Pamela, wo steckst du?“ vernahm sie Peters Stimme gedämpft durch die Badtür. Sie hielt den Atem an und verkroch sich in der Ecke zwischen Toilette und Wand.

    „Was machst du hier am Boden?“ Peter schaute sie irritiert an, nachdem er durch die halb offene Badtür geschlüpft war und Pamela in der Ecke kauern sah.

    Pamelas Unterkiefer begann zu zittern, sie schlug ihre Stirn seitlich gegen die Wand, immer fester, immer wieder. Sie wollte, dass er wegging, sie wollte alleine sein.

    In ihrem Kopf explodierte eine Supernova, ihre verkrampften Glieder schmerzten wie bei einem heftigem Muskelkater. Pamela lag auf ihrem Bett, als sie ihre tonnenschweren Lieder öffnete. Unter grosser Anstrengung tastete sie ihre rechte Hand ab. Der Ring. Er wog schwer an ihrem Finger, zog sie hinab in die dicke Matratze, Richtung Boden, hinunter in die Nachbarswohnung, in den Keller des Mietshauses und dann immer weiter, dorthin, wo es kein Licht gab. Dort wollte sie für immer bleiben.

    „Pamela, nimm die Tablette, die wird dir gut tun.“ Peter schob ihr eine blassrosa Pille durch die halb geöffneten Lippen und hielt ihr ein Glas Wasser hin. Pamelas Gedanken summten durch ihren Kopf, sie englitten ihr wie Kaulquappen, die sie als Kind immer fangen wollte.

    Bevor sie protestieren konnte, hatte ihr Peter den Arm um die Schultern gelegt und ihr einen Schluck Wasser eingeflösst. Morgen, sagte sie sich, bevor sie langsam in Morpheus sanfte Arme glitt, morgen, werde ich es ihm sagen. Morgen werde ich Schluss machen. Dann schlief sie mit einem Lächeln ein, während das Blut auf ihrer Stirn langsam verkrustete.

  • Karten

    Christian König liebte Karten. Nicht Spielkarten, nicht Grusskarten, sondern Landkarten. Er besass viele davon, ja ganze Berge. In seiner Wohnung waren drei deckenhohe Regale gefüllt mit seinen Schätzen. Er hatte Reisekarten und Autoatlanten, die einen sehr kleinen Massstab besassen, plastifizierte Wanderkarten aus Regionen in den Voralpen und Alpen, die er in seinem 50-jährigen Leben besucht hatte. Zudem Pläne verschiedenster Städte im In- und Ausland, mit grossem Massstab, die jede Gasse in der Altstadt abbildeten.

    Herr König besuchte sein Landkartenzimmer, wie er es nannte – eigentlich war es sein überwiegend ungenutztes Gästezimmer – täglich. Dann strich er über die papierenen oder plastifizierten Oberflächen, klappte einzelne Exemplare vorsichtig auf, sog den vertrauten, dumpfen Geruch ein und studierte sie, lief in Gedanken die Wege und Strassen auf und ab. Er achtete sorgfältig darauf, die Abnutzung der Knickkanten möglichst gering zu halten. Wer wusste schon, ob die Karte ersetzbar wäre?

    Wenn der begeisterte Fahrradfahrer einen Ausflug machte, bereitete er diesen stets seriös vor – egal, ob es sich um eine kleine Tour zu einem nahen Weiher oder eine mehrtägige Radwanderung handelte. In Gedanken wusste er stets, wo auf der Karte er sich gerade befand, so als hätte er ein GPS-Gerät eingebaut. Wenn sich unterwegs unerwartete Streckenänderungen ergaben, beispielsweise eine Umleitung, verursacht durch eine Baustelle, oder eine gesperrte Strasse wegen wandernder Frösche, erschrak Christian König jeweils und brauchte einen Moment, um seine innere Karte neu zu laden. Sobald dies erledigt war, fuhr er unbeschwert weiter, seinem Ziel entgegen.

    Als Papierkarten zunehmend zu einem Auslaufmodell wurden, da sie vermehrt digital verkauft wurden, betrübte dies den Kartenliebhaber zutiefst. Er schrieb enervierte Leserbriefe, wandte sich an die Behörden und plante sogar – obwohl er von Natur aus eher ein Misanthrop war – einen Club Pro physische Landkarte zu gründen. Er gab sein Vorhaben jedoch schon bald mangels interessierten Mitstreitern auf. Gleichzeitig weigerte er sich vehement, seine papierenen Lieblinge durch Onlinekarten zu ersetzen. Er installierte absichtlich keine Programme auf seinem Computer und seinem Handy. Wehret den Anfängen! war stets sein Kommentar, wenn ein Bekannter die Vorzüge der Online-Nutzung von Karten rühmte.

    Da jedoch schon bald keine aktuellen Papierkarten, vor allem aus der Region, zur Verfügung standen, geriet Herrn Königs innere Landkarte zunehmend in Unordnung. Er machte es sich zur Aufgabe, sich über neue Strassen, Fahrradwege und grössere Baustellen zu informieren, damit er sein gedankliches Kartenmaterial auf den neuesten Stand bringen konnte. Schon bald musste er sich eingestehen, dass sich die Recherche als zu aufwändig gestaltete, obwohl er jede freie Minute zu Fuss und mit dem Fahrrad die Richtigkeit der inneren Karte überprüfte.

    Immer grössere, weisse Löcher taten sich auf seiner gedanklichen Landkarte auf. Die papierenen benutze er schon länger nicht mehr, schnupperte nur noch von Zeit zu Zeit daran und schwelgte in Erinnerungen. Er unternahm immer seltener Ausflüge, da sie zu grossen Frustrationen führten und blieb immer öfter zu Hause. Seine Verzweiflung wuchs von Tag zu Tag. Als die Baumaschinen in seinem Viertel auffuhren und eine kinderfreundliche Begegnungszone sowie einen separaten Fahrradweg errichteten, ging Christian König nicht mehr aus dem Haus. Er zog sich in seine innere Welt zurück, lief die Wege dort auf und ab und genoss es, den Überblick zu haben.

    Seinem Arbeitgeber fiel es längere Zeit nicht auf, dass Herr König nicht mehr am Arbeitsplatz erschien. Heutzutage arbeiteten eh die meisten im Homeoffice. Ein Bekannter, der Herrn König zum Geburtstag gratulieren wollte, trat durch die unverschlossene Haustüre und fand seinen ehemaligen Schulfreund friedlich im Gästebett liegend. Um ihn herum lagen viele verschiedene Karten ausgebreitet, einige besonders grosse Exemplare hatte er sogar als Decke benutzt.

    Wecken liess sich Herr König nicht mehr. Er hatte beschlossen, fortan in seiner inneren Kartenwelt weiterzuleben. Es geht ihm dort prima, wie ich gehört habe. Es heisst, er steht einmal pro Jahr auf, um Darm und Blase zu entleeren. Vielleicht ist das aber auch nur dummes Gerede.

  • Sockentage

    Heute ist eindeutig ein Sockentag. Emilie beobachtet das Prasseln der Regens auf dem Gehsteig vor ihrer kleinen Souterrainwohnung. Sobald ein Tropfen den nassen Teer berührt, bildet sich für den Bruchteil einer Sekunde eine helle Delle, die sofort wieder verschwindet. So als hätte es sie nie gegeben.

    Emilie seufzt und lehnt den Kopf zurück. Dann winkelt sie die Beine auf ihrem Schreibtischstuhl an und massiert ihre Zehen in den bunt geringelten Socken. Es sind ihre Lieblingssocken. Trotzdem findet sie es schade, sie heute angezogen zu haben. Im Sommer sollten Sockentage verboten sein.

    Das fand Emilie schon als Kind. Am liebsten war sie in der warmen Jahreszeit barfuss unterwegs. Socken zog sie nur an, wenn ihre Mutter es verlangte. Inzwischen macht sie es freiwillig, sie hasst kalte Füsse. So was sollte es im Sommer einfach nicht geben.

    Emilie beugt sich wieder über ihr Buch. Sie muss noch 51 Seiten lesen und dann eine Zusammenfassung für ihr Englischseminar schreiben. Wenn die Geschichte wenigstens spannend wäre.

    Ein Paar Stöckelschuhe, das sich körperlos an ihrem Fenster vorbeibewegt, lässt sie aufsehen. Sie betrachtet fasziniert die roten Schuhe, an deren Spitze zwei rot lackierte Zehennägel hervorblitzen. Voll Neunziger, denkt Emilie noch, dann bleiben die Schuhe unerwartet vor ihrem Fenster stehen. Emilie sieht Wassertropfen von dem roten Plastik abperlen, denkt darüber nach, ob die Frau vom schlechten Wetter überrascht worden ist und nun überlegt, ob sie den Bus nehmen oder sich irgendwo unterstellen soll. Dann verdunkelt sich Emilies Welt und ein Männergesicht mit groben Bartstoppeln erscheint direkt vor der Fensterscheibe. Wasser läuft in feinen Rinnsalen über das grob gehauene Gesicht, die dunklen, langen Haare kleben unvorteilhaft am Kopf.

    Emilie zuckt zusammen und weicht zurück. Als die Person jedoch in die Hocke geht und sie sie als Ganzes sieht, sammelt sie sich. Der Mann klopft vorsichtig mit den Fingerknöcheln an die Fensterscheibe. Emilie versucht ihm mit Gesten klar zu machen, dass sie an die Eingangstüre kommen wird.

    Wenige Sekunden später steht ein tropfender, mittelalter Mann im Flur des Mietshauses, in dem Emilie seit Beginn ihres Studiums letzten Sommer wohnt. Seine Lippen glänzen im gleichen Farbton wie die Stöckelschuhe, wirken nun im schummrigen Gang aber fahl. Ein strenger Geruch nach nassen und nicht richtig getrockneten Handtüchern umgibt ihn.

    Noch während Emilie überlegt, wie sie den Mann wieder loswerden kann, stützt sich dieser an der Wand ab und lächelt verlegen. „Ich wollte schon länger bei dir klingeln, hab mich bisher aber nicht getraut.“ Der Mann blickt beschämt zu Boden. Dann strafft er unvermittelt seine breiten Schulten in dem dünnen, regenfleckigen Trenchcoat und streckt Emilie die Hand hin. „Ich heisse Fabienne“.

    Irritiert schaut Emilie die Hand an, greift dann aber danach. „Emilie“, sagt sie leise und legt abwartend den Kopf schief.

    „Ich weiss“, antwortet Fabienne mit einem Lächeln. Emilies Gedanken galoppieren wie Rennpferde durch ihr Gehirn. Ist der Mann, oder besser, die Frau gefährlich? Ein Stalker? Verwirrt? Sie betrachtet seine klobrillengrossen Hände und tritt unwillkürlich einen Schritt zurück. Ihre Wohnungstür steht ein Stück offen. Sie tritt einen weiteren Schritt zurück.

    Fabienne mustert sie. „Du musst keine Angst vor mir haben. Wir kennen uns noch nicht, haben aber viel gemeinsam.“ Sie bückt sich und schlüpft stöhnend aus ihren Stöckelschuhen. Ihre Zehen haben rote Abdrücke, eine ihrer Fersen ist verfärbt. „Ich liebe diese Schuhe, aber sie sind Gift für meine Halluxe. Am schönsten ist es eh mit nackten Füssen.“ Fabienne zwinkert Emilie zu.

    Emilie starrt Fabienne an, die nun barfuss auf dem abgetretenen Spannteppich steht und mit den Zehen wackelt. Sie hat an beiden Füssen einen übergrossen Zehenballen, die grossen Zehen zeigen nach aussen. Sie blickt auf ihre Ringelsocken, die ebenfalls unschöne Wölbungen aufgrund der Zehenfehlstellung aufweisen. Dann schaut sie Fabienne prüfend ins Gesicht.

    „Du bist…“, fängt sie stammelnd an. Fabienne unterbricht sie mit einer Handbewegung. „Ja, dein Halbbruder oder -schwester, was dir lieber ist.“ Sie blickt an Emilie vorbei zur Wohnung. „Können wir reingehen? Ich würde mich gerne abtrocknen. Und hättest du ein Paar Socken für mich? Ich hasse kalte Füsse.“ Noch während sie spricht, zieht Fabienne die Wohnungstür ganz auf und ist im Inneren verschwunden.

    Emilie bleibt eine gefühlte Ewigkeit im Flur stehen, bis sie die Puzzleteile in ihrem Kopf grob sortiert hat. Dann dreht sie sich wie ein Roboter um und betritt ihre Wohnung. „Mensch, Harry, ich hatte doch keine Ahnung!“, dringt ihre leiser werdende Stimme hinaus in den Flur. Dann fällt die Tür ins Schloss und im menschenleeren, schummrigen Gang ist nur noch das leise Prasseln der Regentropfen zu hören.

  • Das Jubiläum

    Er kennt hier jeden Grashalm. Weiss, wo der Türkenbund im Juli blüht und wo er weiter oben büschelweise Edelraute findet. Seine Mutter hat die samtigen gelben Blüten mit ihm als Kind gesammelt und bitteren Schnaps daraus gebrannt. Sie verkaufte den Génépi immer samstags im Dorf. Ihr Stand war eingeklemmt zwischen dem von Familie Brand, die im Verdacht stand, ihre Käselaibe auf der Alp nur unzureichend zu pflegen und dem von Meieli. Wie sie mit Nachnamen hiess, weiss er nicht mehr. Sie verkaufte Klöppelwaren und schien ihm als Kind alterslos, wie eine Schaufensterpuppe. Weisse Deckchen mit filigranen Mustern breitete sie jede Woche sorgfältig auf ihrem wackeligen Holztisch aus. Sie sprach nicht, sass stets tief gebeugt über ihre Stickarbeit und bewegte die Hände in Lichtgeschwindigkeit. Nur das helle Klackern der Holzklöppel war zu hören.

    Heute undenkbar, überlegt er, und betrachtet im Vorbeigehen den grossen Felsblock, der im Jahr 1969 vom Grat heruntergepoltert und unterhalb des Wanderweges liegen geblieben war. Moos wächst auf seiner Wetterseite, der Kalk ist verwittert und splittrig. Heute dürfte seine Mutter keinen Génépi mehr verkaufen. Die Edelraute ist im Kanton Bern geschützt. Vieles hat sich verändert, seit er ein Bub war. Nur der Weg auf seinen Hausberg scheint ihm gleich geblieben zu sein. Obwohl, denkt er, während er konzentriert ein steiles, ausgewaschenes Bachbett traversiert, nein. Das stimmt nicht ganz. Der Berg hat sich verändert, nimmt immer wieder neue Gestalt an. Starke Regenfälle haben tiefe Rinnen in die Hänge gegraben. Die Ärlen, sie strecken ihre Äste nun viel weiter oben in den Himmel als früher. Legföhren erschweren den Alptieren das Grasen.

    Für ihn ist die Besteigung immer wieder etwas Besonderes. Er freut sich auf den ersten Abschnitt im nach Harz duftenden Wald, den Teppich aus federnden Fichtennadeln. Dann darauf, erstmals hinunter ins Tal zu blicken, einen Schluck Wasser aus dem glucksenden, versteckten Bach zu nehmen. In letzter Zeit setzt er sich gerne für eine Verschnaufspause auf die Bank, die er früher nicht beachtet hat. Sobald er das offene Alpgelände erreicht hat, hält er nach Ivan, dem Älpler, Ausschau und hofft auf einen Schwatz. Für ein gutes Stück Käse hat er immer Platz im Rucksack. Zum Schluss wird es felsiger, der Pfad verliert sich, Steinmännchen weisen den Weg hinauf zum windschiefen Gipfelkreuz. Er schnauft, wischt sich den Schweiss von der Stirn, sein Herz hämmert. Dann endlich ist er da, sein Puls beruhigt sich. Er geht zum Kreuz, küsst das splittrige Holz und lehnt seine salzverkrustete Stirn dagegen. Für den Eintrag ins Gipfelbuch holt er seinen lila Filzstift aus dem Rucksack. Damit unterscheiden sich seine Einträge von all jenen, die den Kugelschreiber benutzen, der mit einem Bindfaden am Buch befestigt ist.

    Für den heutigen Eintrag lässt er sich Zeit. Schliesslich ist es ein besonderer. Ein Jubiläum. Er löst die Kappe vom Stift und lässt ihn einen kurzen Moment über den von Feuchtigkeit gewellten Seiten schweben. Er spürt den leichten Wind, der sein Wandershirt zum Flattern bringt, die brennenden Fusssohlen in den verschwitzten Socken, den harten Fels unter seinem Gesäss. Er prüft noch einmal den Sonnenstand. Er hat genügend Zeit. Dann färbt die Spitze des Stiftes die Fasern und er zeichnet schwungvoll eine Eins und zwei Nullen auf das gräuliche Papier. Er beginnt zu strahlen, ein Glucksen dringt aus seiner Kehle, das zu einem lauten Lachen wird. Er hat es geschafft. Er wusste immer, dass er es schaffen würde. Auch wenn ihm das als Asthmatiker keiner zugetraut hat. Mutters ängstlich hervorgestossene Dauerwarnung „Nein, Paul, das ist viel zu anstrengend für dich“, hat er auch Jahre nach ihrem Tod im Ohr.

    Siehst du, Mutter, ich kann es doch, sagt er halblaut und lehnt sich ans Gipfelkreuz. Er schliesst die Augen und lässt seine Gedanken ziehen wie die Schäfchenwolken am Himmel. Erst als sich der Schatten des Kreuzes weit über den Gipfel legt und der Wind ihn frösteln lässt, schultert er seinen Rucksack und macht sich langsam auf den Rückweg. Vor der Dunkelheit hat er keine Angst. Er kennt hier jeden Grashalm.

  • Über Kuhgitter

    Was, du weisst nicht, was ein Kuhgitter ist? Das sind dicke Metallstäbe oder auch -rohre, die auf Bodenhöhe über einer Art Schacht angebracht sind. Durch ihre Form und die Aussparung von fünf bis zehn Zentimeter zwischen den einzelnen Stäben stellen sie für Kühe und andere grosse Tiere ein Hindernis dar. Diese finden keinen Halt, rutschen ab und treten kurzerhand den Rückzug an. Sie werden oft auf Strassen und als Abgrenzung zu Weiden eingesetzt.

    Für Fahrzeuge sind die Gitter problemlos passierbar. Wer schon mal über eines gefahren ist, weiss, was für ein lustig-lautes Geräusch die Autoreifen auf dem Gitter machen. Okay, mit dem Fahrrad würde ich ein wenig aufpassen, vor allem bei Nässe.

    Auch Menschen können sie grundsätzlich gefahrlos überqueren – sofern man sich an gewisse Regeln hält. Zum Beispiel immer gegen die Richtung zu laufen, in der die Stäbe liegen. Gerade kleinere Füsse drohen ansonsten in einen der Zwischenräume zu rutschen.

    Ich gehöre zu der verschwindend kleinen Minderheit, der dies mal mit üblen Folgen passiert ist. Auf dem Walberg, einem Ausflugsberg in Oberbayern. Ich war elf Jahre alt und kam wohl mit ziemlichem Karacho, sonst wäre meine Haut auf der Innenseite des Knies nicht aufgeplatzt. Zu allem Überfluss blieb ich dann mit dem Oberschenkel auch noch im Gitter stecken. Ich hatte rund 45 Minuten einen freien Blick auf mein weiches, weisses Fleisch am Knie, das an der aufgeplatzten Stelle hervorquoll, bevor ich mit einer Trennscheibe aus meiner misslichen Lage befreit wurde.

    Seitdem meide ich Kuhgitter wie der Teufel das Weihwasser und mache, sofern möglich, einen grossen Bogen um sie. Ich finde, sie sollten verboten werden. Denn auch für kleinere Tiere stellen sie eine meist tödliche Falle dar.

    Ob ich ein Einzelfall bin oder ob es regelmässig Unfälle im Zusammenhang mit Kuhgittern gibt? Das würde mich interessieren. Gehört habe ich noch nie von anderen ernsthaften Verletzungen.

    Spannend eigentlich, dass ich trotz dieses Unfalls später ein Bergmensch wurde. Am liebsten abseits von Strassen und Weiden, das stimmt. Vermeiden lässt es sich aber nie ganz. Am besten wäre es, Kühe auf dem Berg würden abgeschafft. Aber dann gäbe es keinen Alpkäse mehr. Hmm.

    Dann behalten wir eben die Kuhgitter.

  • Die neuen Nachbarn

    Über Nacht hatte sich zu den Lounge-Möbeln aus Rattan ein grosser Gasgrill gesellt. Die Abstellflächen links und rechts neben der Grillhaube erinnerten an einen Pinguin, der erfolglos mit den Flügeln flattert. Der fabrikneue Chromstahl glänzte in der Morgensonne.

    „Guck mal, die Terrasse wird immer voller.“ Leo öffnete das Fenster, um frische Luft herein zu lassen und gähnte geräuschvoll. Ronja, die sich eben einen Seidenschal, passend zu ihrem beigen Hosenanzug umgelegt hatte, trat neben ihn. Sie klimperte mit den Autoschlüsseln und blickte hinab zur Erdgeschosswohnung gegenüber. Der graue, wetterfeste Tisch mit den sechs farblich passenden Stühlen war an den Rand der 25 Quadratmeter grossen Fläche geschoben worden, damit der Grill und die Loungemöbel Platz hatten. Drei der Stühle berührten nun die Hecke, die den mit Platten ausgelegten Sitzplatz auf drei Seiten umgab und von den Nachbarn abschirmte. Zumindest von jenen, die ebenerdig wohnten.

    „Vielleicht haben Sie die Grösse der Terrasse unterschätzt“, überlegte Ronja, war aber mit ihren Gedanken woanders. Wohl schon im Büro, beim Meeting mit der Geschäftsleitung, mutmasste Leo. Er schloss das Fenster und kratzte sich im Schritt. Ronja war bereits dabei, in ihre Stilettos zu schlüpfen. Oha, heute scheint ein wichtiger Tag zu sein, schloss Leo aus Ronjas Schuhwahl.

    „Viel Spass im Büro“, rief er über die Schulter, während er sich einen Grüntee zubereitete. Dann setzte er sich ans Fenster und genoss schlürfend das bittere Getränk. Und die Tatsache, dass er nirgends hin musste. Nicht mehr, seit er vor zwei Monaten auf die Strasse gestellt worden war. Und das nur, weil er in einem der Särge vor dem Hinablassen ins Grab nach Beweisen gesucht hatte. Er hatte auf sein Gefühl vertraut, dafür musste er sich ja wohl nicht rechtfertigen. Doch kein Problem, er konnte jederzeit etwas Neues finden. Friedhofsgärtner wurden immer gebraucht, da war er sich sicher.

    Ronja fand ihn in der gleichen Position, als sie gegen Abend schwer schnaufend die Wohnung im dritten Stock betrat. Sie stellte die prall gefüllte Einkaufstasche auf den Boden und schlüpfte stöhnend aus ihren hochhakigen Schuhen. Dann liess sie sich aufs Sofa plumpsen.

    „Wie war dein Tag?“, fragte Leo und liess das Fernglas sinken.

    „Frag nicht. Sag mir lieber, was du zum Abendessen kochst“, antwortete Ronja mit kokettem Lächeln und blinzelte Leo vom Sofa aus zu.

    „Ich kann heute nicht kochen. Ich muss hier bleiben“, sagte Leo und hob das Fernglas vor die Augen. „Ich habe bei unseren neuen Nachbarn ein ganz komisches Gefühl. Jetzt haben sie auch noch einen Rasenmäher auf die Terrasse gestellt. Dabei haben sie gar keine Grünfläche!“ Aus Leos Mund drangen feine Spucketröpfchen, die sich im Gegenlicht wie kleine Geschosse Richtung Fensterscheibe bewegten.

    „Ein Rasenmäher? Das ist ja wohl nicht verboten.“ Ronja stand auf und schlurfte Richtung Küche. Sie schenkte sich ein Glas gekühlten Pinot Grigio ein und trat dann ans Fenster.

    „Vielleicht sollten wir rüber gehen und klingeln. Uns vorstellen. Dann wüssten wir, wer dort eingezogen ist. Die Wohnung stand nach dem Tod von Frau Maier viel zu lange her.“

    „Kein Wunder. Die Blutspuren von den Wänden und vom Boden zu entfernen, war wohl nicht ganz einfach“, brummelte Leo und dachte an die merkwürdigen Umstände, unter denen ihre reizende Nachbarin vor zwei Jahren ums Leben gekommen war. Die Polizei tippte auf einen Selbstmord. Leo zweifelte aber stark daran. Die Waffe war nie gefunden worden. Eine echt komische Geschichte.

    Ein lautes Klingeln liess die beiden zusammenzucken. Sie sahen sich einen kurzen Moment ratlos an, bis Ronja mit „Ich geh schon“ barfuss zur Tür eilte. Leo, der ihr langsam folgte, sah über Ronjas Kopf ein Paar mit einem kleinen Hund stehen. Cocker-Spaniel vermutete er und rümpfte die Nase.

    „Das ist Leo, mein Mann“, hörte er Ronja sagen. „Leo, das sind unsere neuen Nachbarn von gegenüber. Sie wohnen dort, wo früher Frau Maier gewohnt hat.“ Ronja schaute Leo erwartungsvoll an. Dieser schloss den Mund und brachte ein gemurmeltes „Hallo“ zustande. Dann schob er die Hände in die Hosentaschen und starrte den Mann und die Frau an. Sie wirkten wie aus dem Ei gepellt, als hätten sie eben geduscht und sich für eine Cocktailparty zurecht gemachten. Die Frau trug eine kompliziert aussehende Hochsteckfrisur, die Leo an ein Vogelnest erinnerte.

    „Nein, wir haben leider keinen Balkon oder einen Garten“, hörte er Ronja soeben sagen. „Aber vielen Dank für das nette Angebot. Ich hör mich mal bei unseren Freunden um, vielleicht kann da jemand einen Rasenmäher oder Loungemöbel gebrauchen.“

    „Herzlich willkommen in der Nachbarschaft“, rief Ronja dem Paar noch nach, als sie die Türe langsam schloss.

    Leo stand noch eine Weile da und starrte das Türblatt an. Die Farbe blätterte am Rand ab. Dann schnaubte er. „Ich glaube, ich war nun genug lange zu Hause. Morgen mache ich mich auf Jobsuche.“ Er kratzte sich erneut im Schritt und ging dann zu Ronja in die Küche. Mal sehen, ob noch Pinot Grigio da war.

  • Über das Küssen

    Der Kuss auf den Mund ist den Liebenden vorbehalten. Meine Kinder, meine Schwester, meine Eltern oder meine beste Freundin würde ich niemals auf den Mund küssen.

    In anderen Kulturkreisen, aber auch in Familien mit ähnlich sozialem Hintergrund beobachte ich jedoch immer wieder, dass das Sich-auf-den-Mund-Küssen zum normalen Abschiedsritual gehört, vor allem zwischen Müttern und Kindern.

    Ich frage mich: Wann hören sie damit auf? Wenn das Kind in die Pubertät kommt und die Eltern abartig findet? Oder hören sie gar nicht damit auf? Schreckliche Vorstellung.

    Auf einer Party beobachtete eine Freundin, wie der Vater seinem elfjährigen Sohn einen Zungenkuss gab. Ist das Pädophilie?

    Wo genau ist die Grenze? Dort, wo man sie selber zieht? Wann wird aus einem harmlosen Küsschen eine übergriffige Handlung?

    Und: Bin ich prüde und verklemmt, weil ich das Mund-zu-Mund-Geküsse innerhalb der Familie nicht mag? Jedesmal zusammenzucke, wenn ich es in der Öffentlichkeit beobachte?

    Gut, ich finde es auch eklig, sich von einem Hund im Gesicht, speziell am Mund, abschlabbern zu lassen (das geht nicht allen so).

    Die Lippen zu spitzen und – meistens leicht feucht – die Haut seiner Mitmenschen an unterschiedlichen Orten laut schmatzend zu berühren, scheint eine instinktive Handlung zu sein, wenn man jemanden liebt. Auch Tiere tun es teilweise; wenn auch meist nur aus dem Grund, anderen Nahrung aus dem Mund zu klauen oder dem Rivalen zu zeigen, wo der Hammer hängt.

    Letztlich hat Küssen also auch ein wenig mit Macht zu tun. Daher ist es umso wichtiger: Wehrt euch gegen die Feuchtitäten! Du willst nicht geküsst werden? Sag es, zeig es, trau dich! Das gilt besonders für Frauen und Kinder.

    Amen.

  • Das Fischbesteck

    Der Zweifel nagte an ihr wie ein Hund an einem glänzenden Knochen.

    Da lag es vor ihr, das zwölfteilige Besteck aus poliertem Silber. Die Esstischlampe zauberte blitzende Stellen auf die eleganten Rundungen. An den Griffen der zierlichen Gabeln und der tortenheberförmigen Messer waren die Buchstaben TL eingraviert. Thea Ludwigsburg, so hatte ihre Mutter geheissen. Sie erinnerte sich noch an den Moment, als ihr die Mutter das Fischbesteck übergeben hatte. Obwohl sie erst Mitte 20 war und wegen ihrer Kinderlähmung selten kochte, wusste sie, dass es hier um mehr als nur ein Besteck ging. Es ging um ein Familienritual, um Tradition. Das Fischbesteck ging jeweils an die älteste Tochter. So wie in anderen Familien die Perlenohrringe der Urgrossmutter. Oder eine spezielle Printenbackform aus Holz, die jedes Jahr im Advent feierlich vom Estrich geholt und aus ihrer gut gepolsterten Schachtel befreit wird.

    Doch sie war sich nach wie vor nicht sicher, ob sie das Besteck wirklich verschenken sollte. Sie war nun knapp 80, es wurde höchste Zeit. Aber sie hatte Zweifel an ihrer Wahl. War ihre Tochter die richtige Person? Diese lebte mit ihrem Partner und dem Stiefkind zusammen. Das Stiefkind würde also, wenn alles so bliebe wie es war, eines Tages das Besteck erhalten. Es hiess Tonia Lehner, wie es der Zufall wollte. Es passte alles.

    Sie hatte ein leibliches Enkelkind, ein einziges. Und es interessierte sich sehr für alles, was glänzte. Es war mit sechs Jahren noch zu jung für das Fischbesteck. Doch später einmal hätte es sicher Freude daran. Vielleicht würde das Geschenk sie auch dem Vater des Mädchens, ihrem Sohn, wieder näher bringen.

    Sie betrachtete das Besteck noch einmal eingehend. Sah die vielen kleinen Kratzer im Metall, die die Jahrzehnte hinterlassen hatten. Erinnerte sich, wie sie als Kind, dessen Füsse noch ein gutes Stück über dem Esstischboden baumelten, vom Vater mit leisen, knappen Worten in die Benutzung eingeführt worden war. Sie hatte sich stets bemüht, ihre Forelle richtig zu teilen. Diese hatte es meist am Sonntag gegeben. „Nur einfache Leute essen Schweinebraten“, hatte ihr Vater jeweils statt eines Tischgebets zu sagen gepflegt.

    Sie legte das Besteck wieder in das schwarze Samttuch, schloss die Holzschatulle und entschied sich, darüber zu schlafen.

    Aus einer Nacht wurde eine Woche, dann ein Monat. Als ihre Tochter besorgt bei der Mutter vorbeiging, um nach dem Rechten zu sehen, stolperte sie im Flur über einen Stapel Post und Werbeblätter, deren Reise auf dieser Seite des Briefkastenschlitzes zu Ende gewesen war. Sie brach sich fast lautlos das Genick. Die Mutter, die mit ausgebreiteten Armen auf dem Esstisch lag, fanden andere. Ihr Kopf war auf eine Holzkiste gebettet, daneben lag ein Zettel, der schwungvoll mit Füllfeder beschriftet war. „Für TL“ stand darauf.

  • Die Nachricht

    Nichts. Die spiegelnde Oberfläche, auf der, je nach Lichteinfall, verschmierte Fingerabdrücke zu sehen waren, blieb dunkel. Marius aktivierte sein Handy sicherheitshalber und schaute in seine Nachrichtenapps. Manchmal gingen neue Mitteilungen ja unter. Man übersah sie, wenn man das Gerät für etwas anderes benutzte. Zum Beispiel im Internet surfen, gamen, chatten. Oder, was selten vorkam, telefonieren.

    Marius legte sein Handy beiseite und widmete sich widerwillig dem Text, den er bis heute Abend fertig stellen musste. „Die Wirkung von Kunst auf den Betrachter“. So ein dämliches Thema konnte sich nur Glaus-Graus ausdenken. Zwei Seiten sollte die Erörterung mindestens umfassen, Schriftgrösse 12 Punkt, Zeilenabstand 1,5. Er hatte erst fünf Sätze. Und bereits alles aufgeschrieben, was er über den Besuch der Pinakothek letzte Woche zu sagen hatte. Er war beim Klassenausflug nach München meist mit den Jungs zusammen gewesen und hatte Tik-Tok-Videos geschaut. Und die übrige Zeit die Mädchen beobachtet. Vor allem sie.

    Er legte seine Finger auf die Tastatur, tippte mit den Kuppen vorsichtig auf die Plastikkästchen, ohne sie ganz zu drücken. Er lauschte dem sanften Trommelwirbel. Dann lehnt er sich in seinen Bürostuhl zurück, die Lehne gab zunächst nach, schubste ihn dann aber wieder zurück in die Ausgangsposition.
    Sie meldete sich nicht. Er kontrollierte rasch zum dritten Mal, wann er die Nachricht an sie verschickt hatte. Gestern Abend, 19.41 Uhr. Sie hatte sie gelesen, das signalisierten ihm die beiden ausgefüllten Kreise mit den Häkchen. Er sah auf die Uhr. Schon nach Mittag.

    Hatte er die Nachricht nicht klar genug formuliert? Oder war er mit seiner Frage zu forsch aufgetreten? Hatte sie einfach vergessen, ihm zu antworten? Ignorierte sie ihn bewusst?
    Dabei hatte sie ihn am Freitag in der grossen Pause angelächelt. Es gab keinen Zweifel. Er hatte sich extra umgedreht, um sicher zu gehen. Und nun das. Hatte er sich getäuscht?

    Marius fuhr sich durch die Haare, bohrte kurz erfolglos in der Nase, rieb mit den Handflächen über seine Jeans. Dann wurde ihm kalt. Was sollte er tun, wenn sie sich einfach nicht meldete? Er müsste ihr aus dem Weg gehen und so tun, als wäre nichts passiert. Alles, nur das nicht. Er würde lieber freiwillig eine Woche auf sein Handy verzichten, als diese Schmach zu ertragen. Nun gut, sagen wir vier Tage. Maximal.

    Eine Stunde später war er davon überzeugt, dass sie ihn absichtlich mied. Ihn total doof fand. Sie ihn am Freitag ausgelacht hatte. Er hatte seinen Kopf auf die Schreibtischplatte gelegt und atmete eine Wolke aus Radiergummikrümeln und Spitzerresten ein.

    Ein sanftes Brummen weckte ihn. Was, schon Morgen? Marius‘ Nacken schmerzte. Er war ja gar nicht im Bett gewesen. Und hatte die Arbeit nicht fertig geschrieben. Glaus-Graus würde ihm den Kopf abreissen!
    Er wischte mit dem Ärmel den Sabberfleck von der Tischplatte und griff nach dem Handy. Ohne Nachzudenken wischte er darüber.
    „Hallo, da ist Lisa“, hörte er von weit weg. Nach einer Pause: „Marius, bist du da?“
    Verwirrt presste er sich das Handy ans Ohr und rieb sich den Schlaf aus den Augen. „Lisa, du bist das“, sagte Marius und lehnt sich zurück. Ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht, breitete sich aus wie eine Supernova im Weltall, erreichte seine Haarspitzen und seine Zehennägel, füllte ihn mit Wärme.
    „Du hast meine Nachricht gelesen.“
    „Ja, klar. Ich kann dir die Fotos der Pinakothek schicken. Sie sind leider ein bisschen unscharf. Wolltest du sonst noch etwas?“
    „Ne, das passt. Danke“, flötete Marius. Nach einem gemurmelten Abschied legte er das Handy in seinen Schoss und blickte verträumt aus dem Fenster. Sie hatte ihn angerufen. Sie. Ihn. Unglaublich. Sie mochte ihn. Er aktivierte seinen Bildschirm und las seine mageren Sätze. Nach kurzem Überlegen klapperten seine Finger auf der Tastatur. Er würde den Text rasch fertig schreiben. Und sich dann ihre Fotos anschauen. Und nett antworten. Ja, genau so würde er es machen.

  • Der Baum

    Als Eva am Sonntag ihre Küche betrat, war etwas anders. Sie liess ihren Blick über den Holztisch schweifen, auf dem noch ein paar Krümel lagen. Sven war schon lange weg, er hatte eine längere Bergtour geplant. Wohin, wusste Eva nicht. Sie bevorzugte Landschaften mit Horizont.
    Sie betrachtete die Anrichte. Eine benutzte Kaffeetasse stand im Spülbecken. Daneben lag ein Messer, an dessen Klinge Butterreste klebten. Die Kaffeemaschine blinkte, Sven hatte sie nicht ausgeschaltet. Oder für sie angelassen. Ihr dauerte das Aufstarten mit dem umständlichen Spülvorgang immer zu lange.
    Eva stellte ihre Lieblingstasse mit dem Fotodruck der blauen Grotte unter den Auslauf der Maschine und liess das Mahlwerk brummen. Kurz darauf spuckte das Gerät schnaufend und röchelnd das braune Gebräu aus, ohne das Evas morgens nicht ansprechbar war.
    Sie blickte aus dem Fenster. Von ihrer Wohnung im 2. Stock konnten sie den gepflegten Garten des angrenzenden Einfamilienhauses sehen. Ein älteres Ehepaar wohnte dort, eine Armee von Gartenzwergen bewachte das kleine Häuschen mit der gelben Türe. Wassertröpfchen glitzerten im Rasen, die Steinplatten waren nass. In der Nacht musste es geregnet haben.
    Das Licht. Etwas stimmte damit nicht. Eva blies in ihren Kaffee, saugte den betörenden Duft ein und nahm vorsichtig schlürfend einen Schluck. Wie eine Maschine, die geölt wird, nahm sie die Einzelheiten nun klarer war. Ja, mit dem Licht war irgendetwas anders. Aber was?
    Sie betrachtete den blauen Himmel, ein wunderschöner Tag kündigte sich an. Sie könnte einen Ausflug in den Park unternehmen. Ihre Freundin Kerstin anrufen. Oder mit dem Fahrrad am Fluss entlang bis zum Nistplatz der Störche fahren. Vielleicht blieb sie aber einfach zu Hause und genoss den freien Tag.
    Eva nahm den letzten Schluck Kaffee. Dann traf es sie wie ein Stromschlag. Der Baum. Er war weg. Wo gestern noch die grosse Blutbuche gestanden hatte, war nun – ja, was? Sie sah keinen Baumstumpf oder ein Loch. Die Thujahecke war zu hoch. Eva stellte sich auf die Zehenspitzen, öffnete schliesslich das Fenster, stieg aufs Fensterbrett und richtete sich vorsichtig auf. Nichts.
    Sie kletterte zurück in die Küche und hielt sich an der Anrichte fest. Die Welt schwankte.
    Eva nahm sich vor, zu frühstücken. Gegen ihre Gewohnheit. Vor dem Mittag ass sie selten.
    An den Rest des Tages erinnerte sie sich später nur noch vage. Wie an Traumfetzen, die man nach dem Aufstehen nicht mehr greifen kann. Ganz genau hingegen hat sie noch die Szene vor Augen, wie Sven am späten Nachmittag mit von der Sonne gerötetem Gesicht und verschwitzten Haaren durch die Wohnungstür trat und ächzend den schweren Wanderrucksack abstellte.
    „Was ist mit der Blutbuche passiert?“, fragte Eva nach einer flüchtigen Begrüssung.
    „Wovon redest du?“, erwiderte Sven und holte sein kariertes Taschentuch aus der Wanderhose. Er wischte sich über die Stirn, dann schnäuzte er trompetend.
    „Na der Baum bei den Gartenzwerg-Nachbarn. Der im Herbst sein Laub überall in unseren Gemeinschaftsbeeten verteilt.“ Eva ging zum Küchenfenster und zeigte hinaus.
    Sven runzelte die Stirn und legte Eva seine Hand auf den Rücken. „Komm, wir setzen uns ins Wohnzimmer.“ Dann schob er seine Schwester sanft vom Fenster weg. Später würde er kontrollieren, ob sie ihre Medikamente genommen hatte.
    Eva ging gehorsam zum Sofa. Sie wusste, dass sie Sven nicht zu sehr aufregen durfte. Seit seinem Kletterunfall hatte er Erinnerungslücken. Es gab nun gute und schlechte Tage. Heute war offensichtlich kein guter.

  • Haiku – Erwartungen

    Erwartungen sind
    Fallstricke, der Aufprall hart.
    Ohne wärs trostlos.

  • Die Maus

    Der Schnappbügel hatte die Maus nicht sofort getötet, sondern ihre Vorderbeine und ihre Nase eingeklemmt. Nun lag sie halb auf der Seite und zappelte mit ihren kleinen Füsschen. Blut klebte in den grauen Barthaaren und an den Pfoten. Lars beobachtete das Tier neugierig. Das verzweifelte Fiepen der Maus wurde lauter, als er sich der Mausefalle näherte.
    Graubraun war das Fell der Maus, am Bauch war es heller. Es sah weich aus. Die hübsch geformten Ohren erinnerten den Jungen an die mit Samt ausgepolsterte Schatulle, die seine Schwester in ihrer Geheimschublade aufbewahrte. Nur beschriftete, bunte Zettel lagen darin, voll langweilig. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, alle zu lesen. Weiberkram, hatte er gedacht und den Holzbehälter wieder leise im Nachtkästchen von Lea verstaut.
    Wenn seine jüngere Schwester nun mit ihm hier auf dem Speicher wäre, würde sie sicher anfangen zu kreischen. Oh je, eine Maus. Ui, sieh mal, die lebt ja noch. Du musst etwas tun. Tu etwas, Lars! Er konnte sie förmlich vor sich sehen, die haselnussbraunen Augen aufgerissen, die Wangen gerötet. Gut, dass sie gerade bei ihrer Freundin war, um miteinander Mathe-Hausaufgaben zu machen. Eine Leuchte war Lea nicht. Im Gegensatz zu Lars.
    Knobelaufgaben liebte er. Seine Mutter behauptete immer stolz, er habe ihre Geduld geerbt. Dabei flippte sie in letzter Zeit wegen jeder Kleinigkeit aus. Geduld? Eltern redeten so viel Unsinn.
    Lars ging vor der Maus in die Hocke und beugte sich über sie. Das kleine Tier winselte noch lauter, die zappelnden Beinchen hinterliessen dunkle Striche auf dem staubigen Boden. Ob sie schneller an einem Herzinfarkt stirbt oder an ihrer Verletzung? Lars kratzte sich am nackten Bein und überlegte.
    Ein Speckstück hatte sein Vater in die Falle gelegt. Es glänzte fettig, war ein wenig zur Seite, fast auf den Boden gerutscht, schien aber unberührt. Die Maus hatte wohl gerade den Rückzug angetreten, bevor die Falle zugeschnappt hatte. Schade, dass sein Vater so selten zu Hause war. Er hätte ihm gerne erzählt, dass die Mäusejagd erfolgreich war.
    Ein grummelndes Geräusch übertönte für einen Moment das Fiepen auf dem Dachboden. Es kam aus Lars‘ Bauch. Fürs Abendessen war es noch zu früh. Und Zwischenmahlzeiten gab es nicht mehr bei ihnen, seit seine Mutter ihre Arbeit verloren hatte. Höchstens eine Scheibe Brot.
    Lars nahm das Stück Speck und wischte es an seinem Oberschenkel ab. Es hinterliess eine ölige Spur auf seinen Shorts. Dann steckte er es sich in den Mund und kaute bedächtig darauf herum. Fleisch gab es bei ihnen nur noch selten. Zu teuer, sagte seine Mutter immer, wenn er danach fragte.
    Lars legte den Kopf schief. Das Fiepen war in leises Gewimmer übergegangen. Die Beinchen der Maus strampelten nur noch ganz wenig. Er zog den Bügel der Falle dort, wo kein Blut klebte, vorsichtig hoch. Dann liess er die Maus auf den Boden gleiten.
    Er hob das Tier, das mit den gesunden Beinen von ihm wegzukriechen versuchte, am Schwanz hoch. Der Junge beobachtete, wie sie sich hin und her drehte und nach Halt suchte. Mal sehen, was er mit der Maus anfangen würde. Vielleicht Lea ins Bett legen? Oder in ihre Schatulle?
    Die Speichertüre fiel klickend ins Schloss und der aufgewirbelte Staub sank langsam wieder zu Boden, wo er auf dem Fettfleck in der Mitte der Falle kleben blieb.

  • Der Besuch

    Zwei Jungen gingen mit ihrer Grossmutter eine Strasse entlang. Genau genommen ging nur die grauhaarige Frau, die Kinder tanzten und sprangen um sie herum, drehten sich, hüpften und jagten einander auf dem Gehweg, der an Einfamilienhäusern mit Gartenzwergen und akkurat gestutzten Hecken entlang führte.
    Der grösser und der kleinere Junge waren von Kopf bis Fuss identisch gekleidet. Auf ihren Caps die gleichen Schriftzüge, die gleichen Streifen auf den weissen Turnschuhen.

    „Tim“, rief die Grossmutter und beide Jungen blickten sie an. „Wir müssen hier abbiegen.“ Die ältere Frau mit der schwarzen Sonnenbrille deutete auf eine kleine Quartierstrasse, die am Waldrand entlang führte. Die Jungs liefen in das Strässchen mit dem Sackgassen-Schild und waren schon bald hinter der nächsten Biegung verschwunden.

    Am Ende der Strasse warteten sie auf die Grossmutter. „Und jetzt?“, fragten sie und blickten sich um. Nichts als Garagenzufahrten, hohe Kirschlorbeerhecken und Bretterzäune.

    „Hier gehts lang“, sagte die Grossmutter und deutete auf ein unscheinbares, schmiedeeisernes Tor, das von Efeu überwachsen war. Beim Öffnen zerschnitt ein unangenehmes Quietschen die Stille.

    Die beiden Jungen blieben dicht bei der älteren Frau, der Jüngere griff nach ihrer Hand. Sie gingen durch einen verwachsenen Garten. Hohe, knorrige Obstbäume schoben sich vor die Sonne und streckten ihre Äste wie Finger nach den Besuchern aus.

    Immer tiefer führte der Weg aus Steinplatten in den Garten hinein. Lianen spannten sich zwischen den Baumkronen und verschluckten das Licht. Auf dem Boden erspähte der Jüngere grün schimmernde Käfer in der Grösse von Tischtennisbällen, die raschelnd im Laub verschwanden, sobald er sich näherte. Aus der Ferne war das Kreischen und Schreien von Vögeln zu hören.

    „Ist es noch weit?“, fragte der ältere der beiden Jungen und blickte in das Dickicht, das sich rund um sie ausbreitete. „Ich habe Durst“, quengelte der Jüngere und strich sich über die schweissnasse Stirn. Seinen Pullover hatte er um die Hüfte gebunden.

    „Wir sind da“, flüsterte die Grossmutter und blieb vor einer grossen Türe aus Holz stehen. Sie hatte keine Türklinke. Die Frau klopfte dreimal lang, dann dreimal kurz. Die Türe schwang wie von Geisterhand auf.

    „Willkommen im Paradies“, erklang eine Stimme aus dem gleissenden Licht, als sie eintraten.

    „Wir besuchen Hans Graber. Wir bleiben nicht lange“, sagte die Grossmutter und ging auf die weisse Theke zu, hinter der eine fast durchsichtige Frau stand.

    „Schön. In diesem Fall bitte ich euch, dieses Formular hier auszufüllen. Und diese hier ebenfalls.“ Die Frau mit den Haaren wie gekochte Glasnudeln schob ihnen mehrere verschiedenfarbige Papiere zu. Dann bückte sie sich, kramte unter der Theke und tauchte mit Besucherausweisen wieder auf. „Bitte sichtbar tragen und pünktlich abgeben.“ Die Frau blickte auf ihre transparente Armbanduhr, deren Zeiger golden leuchteten. „Ich bin jetzt in der Mittagspause.“ Sie löschte das Licht oberhalb der Theke und verschwand im Gang auf der rechten Seite. Ihr bodenlanges, weisses Kleid schien über den hellen Fliesen zu schweben.

    „Hier gehts zu Opa“, sagte die Grossmutter und deutete auf den linken Gang. „Wir beeilen uns besser.“ Sie nahm die beiden Jungen an der Hand und verschwand mit ihnen im hellen Licht.

  • Der Wunsch

    Eine gute Fee kam einmal zufällig an der Erde vorbei. Da sie gerade sehr gute Laune hatte – so wie immer, wenn sie auf Reisen war – , sagte sie zu den Menschen: „Ihr habt einen Wunsch frei. Was möchtet ihr?“

    Die Menschen überlegten kurz und begannen dann, wild durcheinanderzurufen. „Wir wollen keine Kriege mehr auf der Erde!“, sagten einige. Andere schrien: „Genug Essen und sauberes Wasser für alle!“ Wieder andere: „Der Klimawandel soll aufhören!“ Ein paar kleinere Menschen johlten: „5G für alle!“

    Die Fee kratzte sich am Kopf und schwieg. Da sie ihr Reiseziel pünktlich erreichen wollte, meinte sie schliesslich: „Ich komme auf dem Rückweg wieder hier vorbei. Einigt euch bis dahin auf einen Wunsch.“ Dann nahm sie ihren Reisekoffer in die Hand, breitete ihre zarten Flügelchen aus und bog hinter den Ringen des Saturns scharf nach links ab.

    Kaum war sie verschwunden, ging auf der Erde das Geschrei wieder los. Neue Menschen kamen mit neuen Wünschen hinzu. „Gleichberechtigung“, forderten sie, „Mehr Rechte für Tiere“, „Nie mehr Pandemie“, „Keine soziale Ungleichheit mehr“, „Die Antwort auf alle Fragen“ und „Abschaffung der Geburtenkontrolle“. Es bildeten sich in kürzester Zeit verschiedene Interessensgruppen, die um Mitglieder warben. Zur Arbeit ging niemand mehr, die Ernte vertrocknete auf den Feldern, Schulen waren verwaist, die Bewohner der Krankenhäuser und Altenheime diskutierten rege, während sie sich Tee kochten.

    Eine Woche später war es dann soweit: Die Fee kam auf ihrem Heimweg wie versprochen wieder an der Erde vorbei. Sie war gespannt, aber auch ein wenig besorgt, was sie dort erwarten würde.

    Was sie sah, verschlug ihr die Sprache. Die Menschen waren noch zerstrittener als vorher. Sie drängelten um die besten Plätze, manchen benutzten ihre Transparente und Pappschilder als Waffe.

    „Und, habt ihr euren Wunsch gewählt?“, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

    „Ja“, sagte ein vorwitziges Bürschchen und trat hervor. „Wir wollen mehr Wünsche. Für jeden Mensch einen. Oder sagen wir zwei. Das macht also 16 Milliarden Wünsche.“

    „Das übersteigt meine Fähigkeiten“, stammelte die Fee und bereute ihren unüberlegten Halt bei der Erde zutiefst. Sie murmelte eine Entschuldigung und suchte das Weite, was sonst nicht ihre Art war.

    Die Menschen ballten die Fäuste und murrten. Sie fühlten sich betrogen. Dann gingen sie nach Hause, ihre Plakate warfen sie auf den Boden. Manche trampelten noch ein wenig auf den gegnerischen herum.

    Die Fee machte bei ihren Reisen künftig einen grossen Bogen um die Erde. Sie wollte sich ihre gute Laune nicht verderben.

  • Überlebenskampf

    Der Wind weht um meine kalten Spitzen, die ich nach wie vor unerschrocken in den Himmel strecke. Doch sie werden kleiner, Tag für Tag. Entsetzt habe ich festgestellt, dass die Kraft der Märzsonne an meinem Volumen saugt. Von meiner ursprünglichen Schneemasse ist nur noch ein kläglicher Rest geblieben. Mein strahlendes Weiss hat einen grauen Schleier erhalten. Wie eine Braut, die zu Grabe getragen wird.

    Die Leute gehen an mir vorbei, wenn sie ihr Altglas und ihre Dosen an der Sammelstelle entsorgen. Die wenigsten schenken mir einen Blick. Manchmal trampeln Kinder auf mir herum, davon bekomme ich Kopfschmerzen. Wenn mich die Sonnenstrahlen berühren, weine ich bittere Tränen, die sich zu einem kleinen Bach vereinigen und sich ihren Weg Richtung Gully bahnen.

    Sobald das Klirren der Weinflaschen und das dumpfe Klappern der Bierdosen verstummt, finde ich endlich zur Ruhe. Während der Dunkelheit schöpfe ich neue Kraft. Die Eiskristalle auf meiner Oberfläche gefrieren. Sehnsüchtig blicke ich in den Himmel und halte nach Wolken Ausschau, die mir Unterstützung schicken. Doch meine Hoffnung zerplatzt schon am nächsten Tag wie eine Seifenblase im Wind. Die Sonne scheint wieder unerbittlich auf mich herab und lässt mich verzweifelte Tränen vergiessen.

    Hat denn niemand Mitleid mit mir? Meine Stimme wird immer leiser, geht unter im zersplitterten Glas, das die hungrigen Mäuler der Sammelbehälter füllt. Bald wird sie ganz verstummen. Nur ein paar Steine werden mein Grab markieren, an dem Ort, an dem ich während mehreren Wochen gelebt habe.

    Doch ich weiss: Ich komme wieder. Irgendwann wird die Sonne wieder an Kraft verlieren und es kaum über die Berge am Horizont schaffen. Dann schlägt meine Stunde. Vielleicht suche ich mir im nächsten Jahr einen andere Ort aus. Einen ruhigeren.

    Bis baaaaaaaaa….

  • Die Abkürzung

    Irene Jungmann war sich sicher: Es ging noch schneller. Sie blickte keuchend auf ihre Sportuhr, wischte sich mit dem Handrücken über die schweissnasse Stirn. 1 Stunde und 10 Minuten hatte sie für ihren Lauf gebraucht. Nur zwei Minuten schneller als letztes Mal. Sie verzog den Mund.
    Jede Woche, immer am Sonntagvormittag, schlüpfte Irene Jungmann in ihre Nike-Laufschuhe und rannte den Wanderweg hoch in das Nachbardorf, das sich über dem Talboden an den Berg schmiegte. Der Pfad war gut, an manchen Orten schraubte er sich in steilen Serpentinen nach oben. Zwei Mal verlief der Wanderweg auf der flachen Strasse, zum grossen Missfallen der Läuferin. Sie hatte bereits mehrmals die Karte studiert, ob man diese zeitraubenden Passagen umgehen könnte.
    Beim lockeren Hinabtraben (der Rückweg zählte nicht zur Joggingrunde, sondern war für Irene Jungmann nur Mittel zum Zweck, nämlich, nach Hause und unter die Dusche zu kommen) suchte sie in der Umgebung nach möglichen, kaum sichtbaren Trittspuren im Wald, die ihr die Möglichkeit einer Abkürzung böten.
    Mehrmals verliess sie beim Hochlaufen den bekannten Weg und tauchte ins Unterholz ab. Wenn sich ein Weg als Sackgasse erwies, drehte sie jedoch nicht um, sondern rannte unerschrocken weiter, benutzte ihre Hände, um sich an Zweigen und Wurzeln festzuhalten und arbeitete sich verbissen im steilen Wald nach oben.
    Im Laufe der Zeit schuf sie auf diese Weise Pfade, die sich immer tiefer ins Erdreich eingruben. Sobald Irene Jungmann aus dem Wald auftauchte und beim Brunnen des Nachbardorfes angekommen auf die Stoppfunktion ihrer Uhr drückte, waren ihre Haare zerzaust, Zweige und Blätter steckten darin, die Erde an ihren Händen trocknete bereits.
    Viele Jahre ging dies so. Manche Bewohner des Bergdorfes, das Irene Jungmann als Ziel ihrer Läufe auserkoren hatte, nahmen das sonntagvormittägliche Schauspiel, das die ehrgeizige Sportlerin ihnen bot, schmunzelnd, später dann spöttisch zur Kenntnis. An manchen Tagen ähnelte sie mehr einem Tier als einem Menschen, wenn sie schlammverkrustet den Wald verliess und sich nach Beendigung ihres Laufs flüchtig am Dorfbrunnen wusch.
    Eines Sonntags tauchte sie nicht mehr im Nachbardorf auf. Die Suche nach ihr entlang der Schneisen, die sie in den Wald gegraben hatte, verlief erfolglos. Manche behaupteten, sie hätte die Strecke zuletzt unter 30 Minuten geschafft. Trotzdem sei sie weiterhin auf der Suche nach einer Abkürzung gewesen. Wahrscheinlich hat sie sie gefunden.

  • Schluss machen

    Als sie die Tür öffnete, stand die Unruhe vor ihr und begrüsste sie wie eine alte Freundin. Sandra zögerte. Am liebsten hätte sie die Tür wieder zugeworfen. Sie der Unruhe mitten ins Gesicht geknallt. Ha!
    Stattdessen trat sie einen Schritt auf die Unruhe zu, legte den Kopf schief und fragte: „Was willst du denn schon wieder hier?“

    Die Unruhe war sichtlich beleidigt. „Nennst du das eine anständige Begrüssung?“ Sie versuchte, Sandra in ihre Arme zu ziehen. Diese wehrte sich und trat zurück.
    „Hey, wir sind alte Vertraute. Hab dich doch nicht so!“, meckerte die Unruhe.

    Sandra verschränkte die Arme. „Ja, wir haben viel miteinander erlebt. Doch seither ist eine Menge passiert. Ich habe mich verändert.“

    Die Unruhe sah sie zunächst verärgert, dann besorgt an. „Was soll das heissen? Magst du mich etwa nicht mehr?“ Sie setzte ihren Hundeblick auf und schob die Unterlippe vor.

    Oh nein, gleich fängt sie an zu weinen, dachte Sandra. Sie wippte auf den Zehenballen, kaute auf ihrer Lippe und sagte dann. „Ich brauche einfach mal eine Auszeit. Abstand. Das heisst nicht, dass ich dich nicht mehr gern habe“, beeilte sie sich, hinzuzufügen.

    Der Unterkiefer der Unruhe fing an zu zittern. „Du machst Schluss mit mir!“ Tränen liefen wie kleine Bäche über ihre rosigen Wangen. Dann wurde sie wütend. „Das darfst du nicht! Ich erlaube es nicht!“ Sie packte Sandra am Handgelenk.

    Sandra biss ohne zu zögern in die Faust, die sie umklammert hielt. Ihre Zähne drangen in das weiche Fleisch, bis sie auf Widerstand stiessen.

    Die Unruhe schrie und zog ihre Hand zurück, in der Sandras Zahnabdrücke zu sehen waren. Das Blut rann über ihr Handgelenk und troff auf die Matte vor der Haustür.

    „Spinnst du!“ Ungläubig starrte sie auf ihre Verletzung. „Du kannst doch nicht einfach wie ein Rottweiler zubeissen! Das lasse ich mir nicht gefallen!“ Die Unruhe raffte ihren Umhang und suchte leise wimmernd das Weite.

    Sandra spuckte neben den Briefkasten und klopfte sich die Hände an der Hose ab. „Ich mir auch nicht“, sagte sie, während sie gegen die Klappe des Metallkastens drückte, um nachzusehen, ob Post gekommen war.

    Keine Post. Auch gut. Pfeifend schloss sie die Tür und verschwand im Haus.

  • Schwiegermütter – ein Essay

    Warum gibt es zwischen Schwiegertöchtern und Schwiegermüttern immer wieder Konflikte? Warum nicht zwischen Schwiegersöhnen und Schwiegervätern? Diese lassen es ganz einfach gar nicht erst so weit kommen – sie trinken ein paar Bier miteinander, bauen gemeinsam den Hasenstall für die Enkeltochter und aus die Maus.

    Bei Schwiegermüttern und -töchtern geht es um mehr: Um den Platz innerhalb der Familie. Wie im Tierreich wird dann gekämpft – wobei sich bei Wildtieren wie Steinbock, Hirsch und Reh nur die Männchen Rangkämpfe liefern. Die Weibchen, um deren Gunst  hier gestritten wird, sehen wiederkäuend von einem bequemen Platz aus zu und denken sich ihren Teil.

    Gebissen, getreten und gekratzt hingegen wird interessanterweise vor allem bei weiblichen Nutz- und Haustieren. Mastsauen und Hennen, aber auch Meerschweinchen, sind besonders brutal, wenn es darum geht, ihren Platz im Stall zu verteidigen.

    Was sagt uns das? Dass Frauen bis aufs Blut böse, rachsüchtig und gemein sein können?
    Eine gewagte Theorie. Fest steht: Konflikte zwischen Schwiegertöchtern und -müttern sind schnell hochemotional. Es geht hier nicht nur um den Platz, also die Wichtigkeit innerhalb der Familie, sondern gleichzeitig auch um die Furcht vor dem Verlust von Liebe und Anerkennung. Nicht umsonst beginnen die meisten innerfamiliären Unruhezustände mit der Hochzeit des Sohnemannes oder spätestens bei der Geburt des ersten Enkelkindes.

    Ich stelle mir vor, dass es sich für Schwiegermütter so anfühlt, als würden sie ihr Kind an eine andere Frau verlieren. Als wären sie nun nicht mehr die Nummer eins.

    Doch: Ein Kind erziehen heisst aus meiner Sicht ständig loszulassen; dieses als Baby zunächst in fremde Betreuung, dann in Kindergarten und Schule, später an Freunde, Vereine etc. zu übergeben. Und irgendwann an eine Partnerin oder einen Partner. Punkt. Nicht einfach, aber das gehört dazu. Alles andere wäre ungerecht.

    Ein weiterer Streitpunkt sind oft Erziehungsfragen. Doch dass das Kind beim Grosi andere Sachen darf als zu Hause, finde ich in Ordnung. Schwamm drüber. Sofern dies andersherum auch gilt, natürlich.

    Schwierig wird es dann, wenn der Partner gegenüber den eigenen Eltern keine Position bezieht. Denn dies hilft ungemein, wenn der Haussegen beim weiblichen Teil der Familie schief hängt. Offenbar ist es für manche Söhne schwierig, den Eltern Widerworte zu geben respektive sie in ihre Schranken zu verweisen.

    Letztlich geht es darum, das grosse Ganze zu sehen: Was wünsche ich mir für mich und meine Familie? Welche Beziehung möchte ich zu den Grosseltern? Um welchen Preis? Wo kann ich Kompromisse schliessen und wo nicht?

    Wichtig ist, bei sich selbst zu bleiben. Auch wenn andere es so oder ganz anders machen und in Fritz & Fränzi steht, welche Fehler und Fettnäpfchen man als Schwiegertochter unbedingt vermeiden sollte.

    Bleibt zu hoffen, dass ich eine passable Schwiegermutter abgebe, sofern ich in den Genuss komme – bei drei Töchtern bin ich, statistisch gesehen, schon mal fein raus 🙂

  • Der Nebel

    Einem grauen Kokon gleich schmiegte sich die Nebelwolke über das Dorf. Aus der Ferne wirkte sie wie ein grauer Ball, dem langsam die Luft ausging. Das Innere war dunkelgrau, an den Rändern wurde die Wolke heller. Der blaue Himmel zeichnete sich scharf darüber ab.

    Anita sah die graue Kugel über ihrem Wohnort schon von weitem. Sie stutzte, folgte aber wie ferngesteuert weiter der Strasse über kleine Hügel und durch Felder. Sie war noch etwa 500 Meter von der Nebelwand entfernt, als sie, einer inneren Stimme folgend, ihr Auto am Strassenrand vor dem Ortsschild ausrollen liess.

    Sie drehte den Zündschlüssel, sass dann bewegungslos im Auto und hörte dem leisen Klackern des Motors zu, der langsam abkühlte.

    Sollte sie in die kugelförmige Nebelwolke hineinfahren? Es handelte sich doch nur um feine Wassertröpfchen, versuchte sie sich zu beruhigen. Nebel war in dieser Jahreszeit nicht unüblich, wenn in ihrem Dorf auch selten. Und dann bildete er sich eher über dem Bach, der sich linkerhand um die Häuser schlängelte.

    Sie kramte in ihrer Handtasche auf dem Beifahrersitz und zog ihr Handy heraus. Zu ihrer Verwunderung liess es sich nicht einschalten. Tot. Der Akku ist wohl leer, überlegte Anita. Obwohl sie es heute morgen vor der Arbeit noch aufgeladen hatte. Seltsam.

    Ein Auto fuhr an ihr vorbei, tauchte in den Nebel ein und verschwand.

    Anita stieg aus ihrem roten Fiat, zog fröstelnd die Schultern nach oben und lauschte. Stille. Keine Verkehrsgeräusche, kein Lärm von der Tankstelle mit Waschanlage, die sich eingangs Dorf befand, jetzt aber unsichtbar war.

    Sie schritt zunächst langsam, dann immer schneller auf die graue Wand zu. Kurz nach dem Ortsschild blieb sie stehen. Die Nebelwolke war nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Sie waberte, schlingerte vor ihr auf und ab.

    Anita streckte ihre Hand aus, in Erwartung, feine Tröpfchen auf der Haut zu spüren. Als ihre Fingerspitzen in den Nebel eintauchten, verschwanden sie, so, als wären sie abgeschnitten worden. Anita zuckte zusammen, zog ihre Hand abrupt zurück. Die Haut an den Fingern war gerötet und kribbelte unangenehm.

    Sie stolperte rückwärts, fiel beinahe über einen Grasbüschel und rannte zu ihrem Auto zurück. Panisch verriegelte sie die Türen, sobald sie in ihrem Fahrzeug sass.

    Dann legte sie den Rückwärtsgang ein und drehte um. Gras und Erdklumpen spritzten auf. Im Rückspiegel kontrollierte sie nervös, ob die graue Wand sich ausdehnte und mit ihren feuchten Fingern nach ihr schnappte.

    Als der Nebel sich am nächsten Tag auflöste, waren das Dorf und alle seine Bewohner von der Bildfläche verschwunden. Die Leute wunderten sich und bedauerten es; sie waren gerne zur Tankstelle mit der Waschanlage gefahren.

    Anita kehrte nie wieder dorthin zurück. Ihre Fingerspitzen kribbeln noch heute, wenn sie Nebelbänke sieht.

  • Das Loch

    Und wieder tat sich das Loch im Boden auf. Es wurde grösser und tiefer, je länger man hinein sah. Anna stand am Rand des gähnenden Abgrundes und beobachtete, wie der Parkettboden des Wohnzimmers barst und krachend im dunklen Inneren verschwand.

    Sie genoss es. Umso mehr, weil sie eigentlich genau wusste, wie sie das Loch zum Verschwinden bringen und den Holzboden wieder makellos glänzen lassen könnte. Doch sie hatte genug. Genug vom Zusammenreissen. Vom Nettsein. Sich Anpassen. Ihre Tabletten nahm sie schon seit einigen Tagen nicht mehr. Keiner hatte es gemerkt. Sie zog ihre Mundwinkel nach oben und liess sich fallen. Hinein in den dunklen Strudel, der sie immer tiefer hinab zog.

    Mit einem Ruck wurde Anna wach. Sie lag auf dem Parkettboden im Wohnzimmer. Sonnenstrahlen liessen sie blinzeln. In ihrem Kopf hämmerte es.

    Sie stand mühevoll auf, rieb sich den Hinterkopf, trank ein Glas Wasser und nahm eine Tablette. Nicht die erste heute. Und auch nicht die letzte. Es war ihr gleichgültig. Sie liess sich in ihren Sessel am Fenster fallen und starrte hinaus, ohne etwas zu sehen.

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