• (Kein) Schwein mit Bein

    Weisst du, was ich an der Vorweihnachtszeit schrecklich finde? Geschenkkörbe. Du weisst schon, diese meist in Zellophanpapier eingepackten Weidenkörbchen oder Holzkisten mit Lebensmitteln darin. Die Produkte sind hübsch angeordnet (oftmals noch mit Papier unterlegt, damit es nach mehr aussieht) und von unterschiedlicher Art: Da gibt es haltbare Sachen wie Senf, Kaffeebohnen oder Wein, die eine längere Strommangellage überstehen würden, ebenso wie frisches Obst und Gemüse. Alles in Ordnung, finde ich. Auch wenn man die meisten Sachen nicht wirklich gebrauchen kann.

    Am schlimmsten jedoch finde ich Tierfüssen. Also ich meine Schweinefüsse. Letztes Jahr hat mein Mann einen Präsentkorb mit einem riesigen Schinken inklusive Knochen geschenkt bekommen. Sogar die Klausen, also diese kleinen Hufe waren noch dran. Mein Mann jedenfalls war hocherfreut. Er liebt geräuchertes Fleisch. Ich sage dazu grundsätzlich auch nicht nein. Das Problem jedoch war: Der Schinken, also das Bein, war riesig. Und deshalb konnten wir es weder im Kühlschrank unterbringen, geschweige denn es innerhalb von wenigen Tagen essen. Was also tun? Wir entschieden uns, das Bein im Vorratsraum zu lagern, der zugleich als Waschraum dient. Ab und an schnitten wir ein paar Scheiben ab, dann wickelten wir das Bein wieder in Klarsichtfolie ein.

    Wir bemerkten die Fliegen erst, als es schon zu spät war. Die schillernden Insekten hatten sich bereits erfolgreich vermehrt und das Fleisch zur Eiablage auserwählt. Innerhalb von wenigen Tagen summte und brummte es in unserer ganzen Wohnung, nicht nur im Vorratsraum. Der Schinken flog also raus, mitsamt dem Schmeissfliegen-Nachwuchs. Mein Mann verdrückte ein paar Tränen, es sei also wirklich schade um das gute Fleisch. Ich reinigte die Waschküche und die ganze Wohnung, was mich mehrere Tage beschäftigte. Noch wochenlang zuckte ich beim kleinsten Brummen zusammen. Fleisch rührte ich bis Weihnachten nicht mehr an.

    Sobald es wieder wärmer wurde, verdrängte ich das Erlebnis erfolgreich. Bis die Sonne sich täglich ein wenig mehr verabschiedete, die Tage wieder zunehmend grau und dunkel wurden. Und mit Beginn des Dezembers der erste Geschenkkorb auf meinem Schreibtisch stand, als ich nach einem Auswärtstermin ins Büro zurück kam. Vorsichtig spähte ich in die Papiertüte (immerhin kein Korb!). Drei Flaschen Rotwein von einem regionalen Winzer. Ich atmete aus und liess mich erschöpft in meinem Drehstuhl fallen.

    Doch wenige Tage später war die Gnadenfrist vorbei. Mein Mann trug schwer atmend einen vollgepackten Korb in die Wohnung. Darin: ein Schinken. Mit Hufen! Ich blieb vor Entsetzen zunächst stumm. Schliesslich fragte ich: „Kannst du das Bein nicht verschenken? Ich will auf keinen Fall wieder drei Tage lang putzen!“

    Mein Mann versuchte, mich zu beruhigen, er werde sich darum kümmern. Das tat er dann auch. Aber nicht so, wie ich es gerne wollte. Das Bein lag schliesslich, in mehrere Tüten verpackt, wieder im Vorratsraum. Ich beschwerte mich jedes Mal, wenn ich den Raum betrat und hielt Ausschau nach schillernden Mitbewohnern.

    Ob sich welche zeigten, weiss ich nicht. Ich bin mittlerweile zu meiner Mutter gezogen. Vorrübergehend natürlich. Sie ist pensioniert und bekommt keine Geschenkkörbe mehr. Mein Mann will, dass ich wieder zurückkomme und hat deshalb vorgeschlagen, einen grossen Kühlschrank für unsere Waschküche anzuschaffen. Ich bin dagegen. Entweder das Schweinebein oder ich, habe ich ihm geantwortet. Sein Versöhnungsgeschenk (ein Korb mit verschiedenen Bio-Tees und Kandiszucker) schickte ich postwendend zurück. Zu Weihnachten habe ich nur einen Wunsch: Ein Pullover mit dem Aufdruck: Ich hasse Geschenkkörbe! Diesen werde ich fortan tragen, sobald sich die gefährliche Zeit nähert. Also so ab Mitte November. Nach Hause gehe ich erst wieder, wenn das Bein weg ist. Also der Schinken, meine ich. Mein Mann hat sich noch nicht dazu geäussert. Ob er das Bein mehr liebt als mich? Ich frage besser nicht nach.

  • Klassentreffen

    Reflexartig hatte sie den Brief zunächst zur Seite gelegt, wollte ihn bereits ins Altpapier befördern. Doch dann nahm sie das Blatt nochmals zur Hand, studierte die Einladung genauer. Ihre Gymnasiumsklasse sollte sich treffen, in knapp zwei Monaten, in einem beliebten Ausflugslokal am Fluss. „Wir sind oder werden demnächst alle 50!“ stand da in grossen Lettern geschrieben. Das sei ein Grund zum Feiern, hiess es weiter. Unterschrieben von Stephan, Marco, Lisa und Steffi. Auch bekannt als Dreamteam – so hatten sie ihre Clique während der Schulzeit getauft.

    Sie fand die vier keineswegs traumhaft. Eher ein menschgewordener Albtraum. Zumindest wenn sie zusammen waren. Früher hatte sie schleunigst Reissaus genommen, wenn Stephan und seine Entourage aufgetaucht waren. Ausserhalb der Schulzeit, versteht sich. Die übrige Zeit sass sie ja eingesperrt mit diesen vier Clowns im Unterricht. Und jetzt ein Klassentreffen. Klar, dass das Dreamteam dahinter steckte.

    Sie liess die Einladung sinken. Gab es einen einzigen Grund, an dem Treffen teilzunehmen? Wenn Nicole käme, ja. Die würde sie gerne mal wieder sehen. Und vielleicht Tristan. Aber ob er ihr mittlerweile verziehen hatte? Sie knetete ihre Unterlippe. Am besten wäre es, wenn sie sich unter einem Vorwand von dem Treffen abmelden würde.

    Die Einladung blieb also liegen. Zeitschriften, Rechnungen und ein Abstimmungscouvert deckten sie zu. Bis der Zettel einen Monat später wieder ans Licht befördert wurde. „Gehst du da hin?“, fragte ihr Mitbewohner Peter, der für die Zahlungen in ihrer Zweier-WG zuständig war und regelmässig den Poststapel durchging. Sie brauchte einen Moment, bis sie sich an das bevorstehende Klassentreffen erinnerte. „Eher nicht“, sagte sie, griff dann aber nach dem Blatt und stellte ihre Kaffeetasse darauf ab. Peter, der sich über sie gebeugt hatte, meinte: „Ich würde auf jeden Fall gehen. Stell dir vor, die Leute von früher – das wird sicher total lustig.“ Als er ihren zweifelnden Gesichtsausdruck sah, legte er nach: „Und wenn sie dich nerven, gehst du nach Hause. Mensch, mach dir einen schönen Abend!“

    Peter meldete sie kurzerhand per E-Mail an, vergass nicht, anzugeben, dass sie laktoseintolerant war und klopfte ihr ermutigend auf die Schulter.

    Drei Wochen später war es dann soweit: Sie stand vor dem Restaurant am Fluss. Gelächter und Stimmengewirr waren von der Terrasse zu hören. Sie zupfte am Ausschnitt ihres geblümten Kleides herum und fragte sich erneut, was sie hier machte. Dann gab sie sich einen Ruck und öffnete die Türe des Restaurants, tauchte in eine Wolke aus Essensgerüchen uns abgestandener Luft ein. Kurze Zeit darauf betrat sie die Terrasse, wo sie zunächst stehen blieb, um sich zu orientieren. Die meisten Plätze an der langen Tafel waren schon besetzt. Sie ging am Tisch entlang, wo bereits eifrig diskutiert, gelacht und geredet wurde. In der Mitte der Tafel sass das Dreamteam, natürlich. Stephan sah noch genauso grosskotzig aus wie früher. Mit halboffenem Hemd und Goldkettchen lehnte er in seinem Stuhl und zeigte sein selbstzufriedenes Grinsen. Dann fiel sein Blick auf sie. Sein Lächeln erstarb, er beugte sich hinüber zu Marco. Dieser stellte sein Proseccoglas ab und begrüsste sie übertrieben fröhlich. „Schön, dass du kommen konntest!“ Auch Stephan zwang sich zu einem Kopfnicken. „Wir haben keine Tischordnung, da hinten gibt es noch einen freien Platz.“ Marco deutete auf das Ende der Tischreihe.

    Sie lächelte höflich und ging in die gezeigte Richtung. Sah Pedro, den Physikstar, die schöne Andrea, die, wie sie wusste, mittlerweile beim Fernsehen arbeitete. Zudem Öko-Robert, der schon vor 35 Jahren immer Birkenstock-Sandalen getragen hatte. Dann sah sie den letzten freien Platz, ganz am Rand der Terrasse. Gegenüber sass ein Mann mit dunklen Haaren, der mit dem Finger Achten auf die Tischdecke zeichnete.

    „Hallo, Tristan“, sagte sie und setzte sich ihm gegenüber. Er blickte auf und sah zunächst verwundert aus. Dann zornig. Doch nur für kurze Zeit. Schliesslich lächelte er über das ganze Gesicht. Er griff nach ihrer Hand. „Dich hätte ich nicht erwartet. Aber, Mensch! Der Abend ist gerettet!“ Er schnappte sich ein Glas Prosecco und hielt es ihr hin. „Du bist noch genauso umwerfend wie früher“, sagte er und liess sein Glas gegen ihres klirren.

    Sie nippte am Prosecco und fragte sich, ob ihr Abend gerettet war. Er könnte vielleicht ganz lustig werden. Mal sehen, dachte sie, und liess den Blick über die ehemalige Klasse schweifen. Dann leerte sie ihr Glas in einem Zug und reckte das Kinn. Oh ja, es würde lustig werden.

  • Traubensaison

    Wieder ein knackendes Geräusch. Thomas erinnerte es an die Verpackung der dreieckigen, blassen Supermarkt-Sandwiches, die er während der Ausbildung mittags oft gegessen hatte. Der klackernde Ton entstand, wenn man die leere Plastikhülle zusammendrückte, bevor man sie im nächsten Abfalleimer entsorgte. Er drehte sich nach links. Der Typ auf der Sitzreihe gegenüber schob sich eine weitere Traube in den Mund. Die Farbe hatte gewechselt, stellte Thomas fest und zog die Augenbrauen zusammen. Jetzt waren die Trauben rötlich, mit einem grünen Schimmer rund um den Stilansatz.

    Thomas blickte auf den Monitor hinter dem Fahrer, der die Haltestellen und die Uhrzeit anzeigte. Noch 15 Minuten bis zu seiner Haltestelle. Der Bus erreichte die ausgesetzte Passage mit der luftigen Talbrücke. Thomas starrte in den Abgrund, die Räder des Postautos schienen in der Luft zu hängen. Dann drehte er den Kopf erneut nach links. Eigentlich sah der Kerl ganz sympathisch aus. Schwarzes Baseball-Cap, eine gebogene Nase über einem Drei-Tage-Bart, Turnschuhe, Kapuzenpulli und Joggingschuhe. Kopfhörer in den Ohren, nun das Handy in der Hand, wie Thomas feststellte. Der konnte also während so einer kurvigen Fahrt aufs Display schauen, dachte er ein wenig neidisch. Ihm wurde schon schlecht, wenn er zu lange auf den Boden schaute. Dass seine Eltern auch ausgerechnet in dieses Bergdorf ziehen mussten? In einer Stadt hätte er sie lieber besucht. Wahrscheinlich auch öfter als ein paar Mal im Jahr. Tja.

    Ein leiser Knall war zu hören. Der Mann zerbiss eine Traube. Thomas stellte sich vor, wie der süsse Geschmack die Mundhöhle flutete, der Saft von der Zunge Richtung Kehlkopf transportiert wurde. Speichel sammelte sich in seinem Mund. Er schluckte. Schon wieder griff der Typ in seinen Rucksack, den er neben sich auf den freien Sitz gestellt hatte. Der Reissverschluss auf der Oberseite war halb geöffnet, der Inhalt für Thomas jedoch nicht zu sehen. Es musste sich um eine 500-Gramm-Packung Weintrauben handeln, so seine Vermutung. Einer von diesen durchsichtigen Plastikbehältern, bei der man den Deckel an zwei Vertiefungen rechts und links am oberen Rand öffnen und schliessen konnte. Der Kerl hatte sie vielleicht in der Migros beim Busbahnhof gekauft und verspeiste sie nun als Mittagessen. Thomas blickte erneut auf die Uhr. Noch zehn Minuten.

    Bald ging seine Irritation in Ärger über. Wie konnte man nur so viele Trauben in sich hineinstopfen? Immer und immer wieder griff sein Nachbar in den Rucksack und holte frische Munition für seinen Rachen heraus. Die einzelnen Trauben waren gross; es musste sich um eine Mischung aus grünen und roten handeln. Hatten diese in Italien immer noch Saison, jetzt, Ende November? Oder kamen die aus Israel? Oder Ägypten? Thomas presste die Zähne zusammen und wünschte, er könnte sich irgendwie ablenken. Er ballte die Hände zu Fäusten und klemmte sie zwischen seine Beine. Dann drehte er sich weg und blickte angestrengt in den Talgrund, der nun immer näher rückte. Er zwang sich, nicht mehr nach links zu schauen. Als es dort längere Zeit still blieb, riskierte er dennoch einen Blick. Der Mann hatte sich ihm zugewandt. „Ist es noch weit bis zum Bahnhof?“, fragte er Thomas und sah auf seine Uhr. „Ich darf meinen Anschluss nicht verpassen.“

    Thomas Gesichtsfarbe nahm den Ton der Traube an, die der Mann zwischen seinen schlanken Fingern rollte. „Noch fünf Minuten“, stammelte er und wandte sich rasch ab. Der Typ hatte leuchtend blaue Augen, sie schienen ein Loch in Thomas zu brennen. Er war noch damit beschäftigt, die Situation einzuordnen, als ein knisternd-knackendes Geräusch ihn erneut nach links schauen liess. „Willst du auch?“, fragte ihn der Mann, der nun auf den Gangsitz gerutscht war und ihm die offene Plastikpackung mit den übrig gebliebenen Trauben anbot. „Ich bin übrigens der Uli“, fügte er hinzu und streckte die Hand aus. Bevor Thomas wusste, was geschah, war er ebenfalls auf den Gangsitz gerutscht, hatte Uli die Hand gereicht und sich eine Traube genommen, eine grüne. „Danke. Thomas“, sagte er kauend und war froh, dass Uli das Reden übernahm. Einen neuen Job habe er soeben angenommen, erzählte er, in der Küche der Alpenruhe, ganz oben im Dorf. Geregelte Arbeitszeiten, das sei ihm wichtig gewesen.

    Als der Bus wenig später am Regionalbahnhof einfuhr, verabschiedete sich Uli hastig und sprang leichtfüssig aus dem Fahrzeug, sobald der brummende Dieselmotor erstorben war. Thomas blickte ihm nach, eine fast leere Packung Trauben in der Hand und rote Flecken am Hals. Den Ausflug ins Bergdorf würde er bald wieder unternehmen. Und eine Packung Trauben mitnehmen. Egal, ob diese aus Italien oder Ägypten kamen. Uli würde sich sicher darüber freuen.

  • Kondensstreifen

    Marco blickte in den Himmel. Er war trüb, wie eingenebelt, weisse Schlieren hatten sich vor das herbstliche Blau geschoben. Vielleicht stimmte es doch, überlegte er und vergrub die Hände tiefer in seinen Jackentaschen. Vielleicht waren das die Rückstände von Schwermetallen, die mittels Flugzeugen in die Atmosphäre befördert wurden. Vielleicht war das aber auch alles Unsinn.

    Zunächst hatte er gelacht. Hatte das Mail, das ihm ein Arbeitskollege weitergeleitet hatte, als Unsinn abgetan. Darin stand, dass Kondensstreifen am Himmel der Beweis dafür wären, dass das Wetter seit den 1950er Jahren von verschiedenen Regierungen systematisch manipuliert werde. Die Chemikalien würden das Wetter beeinflussen und nebenbei unsere Umwelt und uns selber vergiften. Marco hatte die E-Mail rasch gelöscht und sich dem Bezahlen seiner Rechnungen gewidmet. Schon mehrere Wochen hatte er den wachsenden Papier- und Mailstapel ignoriert. Es war höchste Eisenbahn, sich um seine Finanzen zu kümmern. Er tat es nicht gerne. Sein Konto spiegelte ungeschönt wieder, dass er als Logistiker auf Abruf nah am Existenzminimum lebte.

    Als er ein paar Tage später während einer Zugfahrt den Himmel betrachtete, fiel im das Mail wieder ein. Marcos Blick blieb an den Kondensstreifen hängen, die sich kreuz und quer über den Himmel verteilten, mit der Zeit breiter und heller wurden, jedoch nicht ganz verschwanden. In dem Mail hatte es geheissen, Flugzeuge könnten auf dieser Höhe keine so anhaltenden Eiswolken bilden – es sei denn, es handele sich nicht nur um Abgase und Wasserdampf, sondern um Gift. Marco knetete seine Unterlippe, zog dann ein liegengebliebenes „20 Minuten“ vom leeren Nachbarsitz heran und vertiefte sich in die Witzeseite.

    Es war Zufall, dass er in der Woche darauf einen ehemaligen Mitschüler auf einem Geburtstagsfest traf. Dieser war beim Meteorologischen Institut angestellt, er leitete die Abteilung für Luftqualität – Marco hatte es sich gemerkt, da er bei LinkedIn mit ihm vernetzt war und sich über sein Arbeitsgebiet amüsiert hatte. „Tim, kann ich dich etwas fragen?“, fing Marco zögernd an, als er später an diesem Abend neben ihm auf dem Sofa zu sitzen kam. Tim nickte und nippte an seinem Bier. „Habt ihr eigentlich schon mal die Kondensstreifen am Himmel untersucht? Sind die alle natürlich?“ Marco sprach leise und blickte sich verstohlen um. Tims Augenbrauen wanderten nach oben. „Die Flugzeugstreifen entstehen in der Regel erst ab acht Kilometer Höhe; mein Team führt Messungen in tieferen Luftschichten durch.“ Er fingerte am Etikett seiner Bierflasche herum, das sich an einer Ecke löste. Dann legte er den Kopf schief und sagte, ohne Marco anzublicken: „Man weiss, dass sie schlecht fürs Klima sind, vor allem ab einer gewissen Höhe. Ich selber kenne mich da aber zu wenig aus.“ Kurz darauf entschuldigte er sich und stand auf.

    Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Ist sie aber nicht. Das Thema liess Marco keine Ruhe mehr. Er las im Internet nach, wo er erstaunlich viele Artikel und Beiträge fand, die verschiedene Beweise für die Existenz der Giftstreifen lieferten. So oft wie möglich betrachtete Marco den Himmel und machte sich Notizen, wie lange es dauerte, bis einer der Streifen sich vollends aufgelöst hatte. Und er stellte zunehmend fest, dass der Himmel nicht länger tiefblau war, sondern grau, mit weisslichem Filter, so als wäre eine Haube darüber gestülpt worden.

    Marco vernachlässigte seine sozialen Kontakte, meldete sich bei seinem Arbeitgeber krank und liess seine Rechnungen liegen. Er schloss alle Storen und zog die Vorhänge in seiner Wohnung zu, damit er den Himmel nicht länger sehen musste. Er schaffte sich einen Luftreiniger für die Wohnung an und verliess das Haus nur noch mit Atemschutzmaske.

    Die weltweite Coronapandemie verschaffte ihm eine Atempause – keine Kondensstreifen am Himmel und überall Schutzmasken. Marco blühte auf. Er ging nach dem Lockdown wieder zur Arbeit und bezahlte seine Rechnungen. Er hoffte, die Pandemie würde ewig anhalten. Als die Regierung zwei Jahre später alle Schutzmassnahmen aufhob, setzte er seinen lang im Voraus geschmiedeten Plan in die Tat um. Er kündigte seine Wohnung, löste sein Konto auf und setzte sich in den nächsten Zug nach Osten. Und dann in den nächsten Zug nach Osten. Immer der aufgehenden Sonne entgegen. Irgendwann würde er ankommen, dort, wo Schutzmasken schon vor der Pandemie zum Alltag gehörten. Wo die Luft so voller Smog war, dass der Himmel sich nur noch an wenigen Tagen zeigte. Wo die Pandemie nie aufhören würde. Marco hoffte, dass es dort einen Platz für ihn gäbe. Und er auf Gleichgesinnte treffen würde. Ob Marco in China jemals ankam und was er dort erlebte, ist eine andere Geschichte. Vielleicht erzähle ich sie eines Tages.

  • Tapas oder Thai?

    Eine Tapas-Bar? Mona verlangsamte ihren Schritt und betrachtete das einladende Lokal, aus dem gedämpfte Salsamusik drang. Die Fenster waren hell erleuchtet. Mona blinzelte und blickte an der mehrstöckigen Hausfassade nach oben. Es war hier gewesen, sie war sich sicher. Sie schaute prüfend hinüber zu dem Gebäude, dass sich links an den Altbau reihte, dann drehte sie den Kopf nach rechts. Hier war kein Lebensmittelgeschäft, nicht die Spur davon.

    Was war geschehen? Hatten die Despotovics den Laden aufgegeben? Waren sie umgezogen oder wieder in ihre Heimat Serbien zurückgekehrt? Mona überlegte für einen Moment, die Tapas-Bar zu betreten und sich nach den Vormietern zu erkundigen. Doch dann zog sie ihre Hand, die sie schon nach der Türklinke ausgestreckt hatte, zurück und steckte sie in die Tasche ihres warmen Wollmantels.

    Die Absätze ihrer braunen Lederstiefel hallten über den spärlich erleuchteten Innenhof. Monas Atem bildete Wölkchen vor ihrem Gesicht, als sie in ihrer Tasche nach dem Haustürschlüssel suchte. Eine Sirene heulte von weither, Gelächter drang von der belebten Hauptstrasse bis zu dem versteckten Altbau, in dem Mona eine Mansarde bewohnte. Schon bald zehn Jahre wohnte sie im obersten Stock eines Mehrfamilienhauses, von ihrem Balkon aus sah sie unzählige andere Balkone und – weitaus wichtiger – den Himmel. Mona versuchte zu erkennen, ob sich bereits ein paar Sterne zeigten, doch ihre gefrierende Atemluft nahm ihr die Sicht. Sie stiess den Schlüssel ins Schloss, öffnete die schwere Eingangstüre und zählte automatisch die 35 Treppenstufen, die sie in ihr kleines Reich unter dem Dach führten.

    Schnaufend hängte sie ihren Mantel über den Haken hinter der Tür, liess Schlüssel und Tasche achtlos auf den Boden fallen und entledigte sich auf nicht damenhafte Weise ihrer Lederstiefel. Sie öffnete den Kühlschrank, blickte lange hinein und schloss ihn wieder. Da war nichts zu machen. Sie seufzte und kramte nach ihrem Handy. Dann würde sie halt wieder Thai essen.

    Zu schade, dass es den kleinen Laden nicht mehr gab. Mona hatte dort oft noch etwas nach Feierabend besorgt. Dann, wenn die anderen Lebensmittelgeschäfte schon geschlossen waren. Brot, Bananen und Fertigsuppe gab es dort immer. Um die Packungen, deren kyrillische Beschriftung sie nicht lesen konnte, hatte Mona stets einen Bogen gemacht. Geredet hatte sie nie viel mit der Familie, die den Laden führte. Da waren eine Frau, ein Mann und eine erwachsene Tochter gewesen. Und manchmal noch ein Kind, erinnerte sich Mona. Wann war sie zum letzten Mal dort einkaufen gegangen?

    Während sie auf den Thai-Kurier wartete, grübelte sie darüber nach, kam jedoch nicht weiter. Als es klingelte, schreckte sie auf, griff nach ihrem Portemonnaie und lief die drei Stockwerke in Socken hinab, um ihr Essen in Empfang zu nehmen. Später, als sie die halb leer gegessenen Plastikboxen, Verpackungen und Tüten in den Mülleimer gestopft hatte, und sich die Zähne putzte, fasste sie einen Entschluss.

    Sie schlüpfte in Turnschuhe, schnappte sich ihren Wohnungsschlüssel und eilte hinunter in den Innenhof, rannte auf die Strasse und riss bald darauf die Tür zur Tapas-Bar auf. Die Musik war laut, es roch nach gebratenem Schweinefleisch und Fumoir. Mona stapfte an die Theke und sah sich um. Ein Kellner mit dunklem Schnauzbart neigte ihr im Vorbeigehen den Kopf zu. „Was? Die Bar hier gab es schon, als du noch nach der Gutenachtgeschichte ins Bett musstest“, sagte er mit einem blasierten Lächeln und blickte Mona im Weggehen von oben herab mitleidig an.

    Mona liess sich auf einen der Barhocker sinken. Dann würde es künftig eben spanisches Essen und Rioja geben. Das wäre doch eine schöne Abwechslung zu Thai oder serbischer Nudelsuppe. Vielleicht wäre die Tapas-Bar aber auch nächste Woche wieder verschwunden. Wer weiss? Mona saugte den süssen Sangria durch einen Strohhalm und schluckte, saugte und schluckte. Das Leben steckte voller Überraschungen. Zum Glück war sie flexibel.

  • Apfelschlangen und Brennesseltee

    Den Moment, wenn ich morgens aufwache, geniesse ich besonders. Er ist kurz, dauert nur einen Wimpernschlag, doch er fühlt sich an wie die Ewigkeit. So stelle ich mir das Paradies vor: leicht schlaftrunken, doch ausgeruht, alle Gedanken sind fern, mein Körper ist leicht und scheint zu schweben.

    Einen Augenblick später komme ich in der Realität an. Ich spüre meine Knochen. Jeden einzelnen. Das Becken wiegt schwerer als die Schulter, der Rücken ist steif wie ein Brett. Wenn ich meine Finger ausstrecke, schmerzen sie und bleiben dennoch stets gekrümmt. Die Gelenke, sie brauchen Zeit, um warm zu werden.

    Behutsam schlage ich die Bettdecke zurück, stütze mich auf die Ellbogen und rutsche an den Bettrand. Vorsichtig stelle ich ein Bein auf den Boden, spüre den Wollteppich unter meinen nackten Sohlen. Dann richte ich mich langsam ins Sitzen auf und stelle das zweite Bein auf den Bettvorleger. Ich atme langsam ein und aus, rutsche an den Bettrand und stehe auf. Manchmal brauche ich dafür zwei Anläufe. Doch heute scheint ein guter Tag zu sein, ich tapse bereits Richtung Bad und widme mich der Morgentoilette. Den Blick in den Spiegel vermeide ich morgens, er macht mir – genauso wie früher – schlechte Laune. Ich bücke mich stöhnend, um den Kamm aus der unteren Schublade des Badmöbels zu holen. Ich sollte ihm dringend einen besseren Platz zuweisen, schiesst es mir durch den Kopf. So wie jeden Morgen.

    Anschliessend ziehe ich in meinen Morgenmantel über den Schlafanzug und schlurfe in meinen gefütterten Lammhausschuhen in die Küche. Ich freue mich über die Sonnenstrahlen, die über die Anrichte tanzen und bereite mir mein Frühstück zu: eine dünne Scheibe Vollkornbrot mit fettreduzierter Margarine, anschliessend schäle ich mir einen Apfel und probiere, eine möglichst lange Schalenschlange zu schneiden. Das mochte ich schon als Kind; ich liebte es, auf einem Schemel am Ofen in der Küche zu sitzen und meiner Mutter beim Apfelkuchenbacken zuzuschauen. Die langen Schalenstücke ass ich jeweils auf, ich mochte sie lieber als den Kuchen.

    Ich strecke meinen Rücken, streiche über meine runzlige, immer trockene Stirn und überlege, was ich heute vorhabe. Agnes anrufen, steht in meiner Agenda. Ich schiebe meine Lesebrille, die ich nach längerem Suchen auf dem Wohnzimmertisch entdeckt habe, in meine fülligen, grauen Haare, auf die ich stolz bin. Dann schaue ich aus dem Fenster. Eine Schwanzmeise pickt am Futterhäuschen, das ich letzte Woche auf meinem Balkon aufgestellt habe. Ich schaue ihr zu und vergesse die Zeit. Mein Tee ist kalt geworden. Ich mag ihn eh nicht besonders. Brennessel, soll gut gehen Arthritis sein, sagt mein Arzt. Doch der Geschmack, puh. So als würde man eine bittere Arznei trinken. Er erinnert mich an den Löffel Lebertran, den ich als Kind täglich schlucken musste.

    Ich kleide mich sorgfältig an, schüttle meine Bettdecke aus und lege die Tagesdecke mit dem Quiltmuster darüber. Meine beiden Töchter haben sie mir zum 60. Geburtstag geschenkt. Ich streiche darüber, befühle die verschiedenen Stoffoberflächen, die sie bunt zusammengewürfelt und vernäht haben. Ihr letzter Besuch ist schon eine Weile her. Ich verstehe ja, dass sie beruflich eingespannt sind, selber Familie haben und nicht in der Region wohnen. Doch ich vermisse sie, sehr sogar.

    Wen ich nicht besonders vermisse, ist mein Ex-Mann. Seit wir uns vor 20 Jahren getrennt haben, schätze ich es, alleine zu leben, alleine Entscheidungen zu treffen, ohne sein Schnarchen und Stöhnen im Ohr zu schlafen.

    Ob meine Energie heute für einen Spaziergang reicht? Vielleicht sogar über den Hügel? Sich alleine aufzuraffen ist manchmal schwer. Sich zu verabreden, oft schwerer. Vielleicht sollte ich doch wieder ins Seniorinnen-Turnen gehen. So käme ich wieder regelmässig unter Leute. Und würde mich ein wenig bewegen, das fände mein Arzt sicher eine gute Idee. Ich seufze und schaue wieder auf meinen Balkon, auf den lediglich ein kleiner Tisch und zwei Stühle passen. Das Futterhäuschen ist verwaist. Ich setzte mich in meinen Lieblingssessel ans Fenster und warte, ob sich ein weiterer geflügelter Gast einfindet, um ein paar Sonnenblumenkerne zu knacken. Die Zeit vergeht lautlos, meine Augenlider werden schwer, mein Kopf sinkt gegen die Lehne. Ich schliesse die Augen und gleite in die Leere.

  • Im Zug

    Der Zug verlangsamt, als er in den Bahnhof einfährt. Dann gibt es einen Ruck und er steht still, so als würde die Lokomotive ausschnaufen. Maria beobachtet die Regentropfen auf der Aussenseite der Scheibe, die nun wieder gerade nach unten kullern, sich vereinen, schneller werden und aus ihrem Blickfeld verschwinden.

    Auf dem Bahnsteig sind kleine Menschentrauben, die sich im Dämmerlicht in den Zug drängen. Es riecht nach nassen Mänteln und Jacken. So wie der Hund meiner Mutter, geht es Maria durch den Kopf und sie kräuselt unwillkürlich ihre Oberlippe. Oder wie die Handtücher im Bad ihrer Grossmutter, kurz bevor sie ins Altersheim umziehen musste.
    Die Scheiben beschlagen nach und nach. Maria wischt mit dem Ärmel ihrer Jacke einen Streifen frei, um wieder freie Sicht auf die Regentropfen zu haben.

    „Ist da noch frei?“ Eine bekannte, krächzende Stimme schreckt Maria auf. Sie blickt schräg nach oben in das teigige Gesicht eines mittelalten Herrn. Auch heute trägt er die beige Cordhose mit dem kaputten Reissverschluss. Maria nickt knapp und beobachtet den Mann aus den Augenwinkeln, der sich schräg gegenüber hinsetzt, seine braune Ledermappe öffnet, die Regionalzeitung herauszieht und diese umständlich aufschlägt. Dann rückt er seine eckige 80er-Jahre-Brille zurecht, streicht über sein knappes Haupthaar und seufzt. Anschliessend ist nur noch ab und an Zeitungsgeraschel zu vernehmen, manchmal ein leises Stöhnen.

    Seit fast zwei Jahren geht das nun so. Maria hat bereits in Erwägung gezogen, einen früheren oder späteren Zug zur Arbeit zu nehmen. Oder sich in einen anderen Waggon zu setzen. Doch letztlich steht sie jeden Tag zur selben Zeit auf dem Perron und freut sich, in den noch leeren Zug einzusteigen und sich im immer gleichen Viererabteil über dem Speisewagen niederzulassen. Schräg hinter ihr sitzt an zwei Tagen pro Woche ein schwarz gekleidetes Mädchen mit langen dunklen Haaren und vielen Piercings. Es hat stets ein Croissant und einen Energydrink auf dem kleinen Tischchen vor sich stehen und öffnet die Dose knackend und zischend, sobald der Zug losfährt. Im gegenüberliegenden Viererabteil sitzt meist ein dicklicher junger Mann, der Kaugummi kaut und Kopfhörer über die Ohren gezogen hat, die Maria an Prinzessin Leias Haartracht im ersten Star-Wars-Film erinnern.

    Beim ersten Halt steigt immer der Cordhosen-Mann ein und setzt sich zu Maria. Er könnte sich doch auch zum Jungen mit den Kopfhörern setzen, denkt Maria manchmal grummelnd. Will er aber offenbar nicht.

    Sobald der Mann die Regionalzeitung gelesen hat, was meistens fünf Minuten vor Ankunft in der grossen Stadt der Fall ist, faltet er sie ordentlich zusammen. Nicht nur zweimal in der Mitte, so wie sie morgens im Briefkasten liegt, sondern viermal. Maria hat sich angewöhnt, innerlich mitzuzählen. Sie schaut dabei aus dem Fenster und hört anhand des Raschelns und Streichens, dass die Zeitung nun die gewünschte Grösse hat und wieder in der Ledermappe verstaut wird. Dann steht der Mann auf, blickt auf seinen Sitz, verabschiedet sich mit einem Kopfnicken und verlässt das Abteil – viel zu früh. Maria gehört zu der Sorte Menschen, die im Zug bis zuletzt sitzen bleiben. Im Gang herumzustehen, während der Zug bei der Einfahrt in den Bahnhof schaukelnd die Gleise wechselt, findet sie unsinnig. Sobald sie auf dem Perron steht und ihren Reissverschluss bis unters Kinn zuzieht, hat sie den Mann in der Cordhose vergessen. Zumindest bis zum nächsten Morgen.

    Doch eines Tages – Maria weiss es noch genau, es war ein Donnerstag – taucht er nicht auf. Am Freitag auch nicht. Am Montag hält Maria nach der beigen, abgetragenen Cordhose Ausschau, sobald sie in den Bahnhof einfahren. Ohne Erfolg. Vielleicht hat er Urlaub, schiesst es Maria durch den Kopf. Doch die Unruhe bleibt. Auch an den folgenden Montagen fehlt er im Zug. Andere Menschen setzen sich zu ihr, sie lesen, surfen, telefonieren, kauen, schlucken, seufzen. Doch der Mann bleibt verschwunden.

    Maria beginnt, sich in andere Waggons zu setzen, andere Züge zu nehmen. Sie fragt sogar das Mädchen mit den Piercings und dem Energydrink nach dem Mann. „Hä? Nie gesehen“, sagt es und schaut Maria unter ihren schwarzen Haaren an, als wäre sie eine Irre.

    Jahre vergehen, Maria fährt weiterhin Zug, beobachtet Regentropfen und hört Podcasts. Bis sie eines Tages ein bekanntes, krächzendes „Ist da noch frei?“ vernimmt. Sie blickt auf und strahlt. Er ist es! Er trägt eine schwarze Jeans und eine moderne Brille, sein Haar ist noch spärlicher geworden, aber er ist es, eindeutig. Maria nickt eifrig, lächelt den Mann an. Dann beugt sie sich vor und berührt den Mann mit der Hand am Knie. „Wo bist du gewesen?“ Dieser schaut irritiert von seiner Zeitung auf und rutscht ein Stück zurück. „Kennen wir uns?“ fragt er und zieht die Augenbrauen hoch.

    Maria zuckt zusammen. „Entschuldigung, ich habe Sie verwechselt“, murmelt sie und spürt, wie ihre Wangen heiss werden. Dann drückt sie ihre Ohrstöpsel wieder in die Muscheln und stellt ihr Handy lauter. Um das Viererabteil über dem Speisewagen macht sie seither einen grossen Bogen. Es gibt im Zug noch einen Haufen andere Sitzplätze.

  • Der Neid

    Es war einmal ein kleiner Funke Neid, der eines Nachmittags unverhofft auftauchte. Danach war es eine Weile ruhig – erst eine passende Bemerkung liess den Funken aufglimmen und er begann, leicht zu rauchen. Er hatte Lust, Feuer zu fangen, zu leuchten und Funken zu sprühen.

    Je mehr über das Thema gesprochen wurde, desto mehr Rauch entstand und irgendwann züngelten die ersten Flämmchen. Der Neid freute sich – so musste es sein! Er stichelte und stachelte, tratschte und lästerte, bis ein ordentliches Feuerchen entstanden war, das so hell leuchtete, das er geblendet die Augen schliessen musste. Er kicherte und guggelte, ach wie war es herrlich, neidisch zu sein und schlecht über seine Mitmenschen zu reden!

    Als das Gespräch zu Ende war, fiel der Neid langsam in sich zusammen, er glühte noch eine Weile vor sich hin, das Gesicht von Russ geschwärzt glich er einem Höllenbewohner. Einem von der Sorte, die tagein tagaus schweissgebadet Kohle in die riesigen, glühenden Öfen des Teufels schippen, bis sie Blasen an den Händen haben und immer buckliger werden, bis ihre Nasen fast den Boden berühren.

    Nein, der Neid war kein angenehmer Zeitgenosse. Er sass händereibend in seinem Häufchen Asche und wartete auf die nächste Gelegenheit, sein Feuerchen wieder zu entzünden. Bei seinem jetzigen Frauchen passierte das oft, was ihn ungemein freute. Er hatte Glück gehabt – ob Menschen neidisch sind, sei angeboren, hatte er zuletzt in einer der Zeitschriften gelesen, die seine Besitzerin regelmässig am Bahnhofs-Kiosk kaufte. Ha! Er hatte ausgesorgt.

    Der Neid schob ein paar extratrockene Holzspäne unter sich und blies hinein, so dass eine grosse Wolke Asche aufstieg. Er nieste und putzte sich lautstark die Nase. Schon bald würde es wieder brennen, sein Feuer. Dann würde er wie Rumpelstilzchen um die Flammen tanzen und sich des Lebens erfreuen. Vielleicht kämen auch die Bosheit und die Eifersucht wieder einmal zu Besuch, das wäre herrlich. Gemeinsam sind wir unschlagbar, kicherte der Neid und liess es noch einmal Asche regnen.

  • Ferien

    Sprudeln soll es, jetzt!
    Vergiss es!, heisst es da prompt.
    Der Kopf ist offline.

  • Harald

    Ich würde mich als zurückhaltenden Menschen bezeichnen. Eigentlich bin ich schüchtern, versuche es aber zu verbergen, indem ich viel rede. Mein Zuhause ist mein kleines, weisses Zelt, das ich nur im Vierfüsslergang betreten und verlassen kann. Ansonsten brauche ich nicht viel: Eine Plastiktüte mit Baguette, Käse und Trauben, eine Flasche Wasser, eine Flasche Wein. Meine Matte, meinen Schlafsack, meine Zahnbürste. Und natürlich meinen Kugelschreiber, mit dem ich, den Rücken durchgestreckt, an dem kleinen Metalltisch sitze und sorgfältig Postkarten schreibe.

    Ich habe überall Bekannte. In Italien, Deutschland, der Schweiz. Und natürlich in Frankreich, wo ich am liebsten bin. Seit fast einem Monat schlafe ich auf einem Zeltplatz am Meer. Einer der wenigen, die im Herbst noch offen haben und wo Zelter nicht zwischen Wohnmobilen und Camping-Bussen eingequetscht sind, sondern ihr eigenes, erhöhtes Revier haben. Beim Frühstück und beim Abendessen habe ich Meerblick – was für ein Privileg! Nachts schlafe ich mit dem Rauschen der Wellen im Ohr ein.

    Ich beobachte genau, wer an- und abreist. Wobei mich die motorisierten Gäste weniger interessieren. Die anderen Zelter begrüsse ich freundlich; sobald ein neues Gesicht auftaucht, versuche ich herauszufinden, woher die temporären Nachbarn auf dem Kiesplatz stammen. Gestern Abend habe ich meinen Tisch und mein Brot mit einem jungen Franzosen geteilt, der sein Lager übers Wochenende neben mir aufgeschlagen hat. Er hat tagsüber mit dem Rennrad und den Laufschuhen grosse Strecken entlang der Küste zurückgelegt. Eine richtige Sportskanone! Wir haben Adressen ausgetauscht, vielleicht besuche ich ihn, sobald ich Ende Oktober weiterreise.

    Meine Frau war eine schöne Frau, Italienerin. Seit vier Jahren ist sie oben beim Herrn. Viel zu früh ist sie gestorben. Doch ich hadere nicht. Ich weiss, dass sie es gut hat, dort oben.

    Umso mehr geniesse ich nun die Zeit, die mir noch bleibt. Seit drei Jahren bin ich pensioniert, meine Arbeit als Umwelttechniker fehlt mir nicht. Ich geniesse es, unterwegs zu sein, fremde Sprachen zu sprechen, Menschen zu treffen, in den Himmel zu blicken, Pinienduft und Meeresluft zu atmen. Es gibt noch so viele Orte, die ich besuchen möchte. Da ich ausschliesslich mit Bus und Bahn unterwegs bin, brauche ich manchmal Geduld und muss früh aufstehen. Doch für einen Ausflug in die französische Trüffelhauptstadt oder ins italienische San Remo nehme ich das gerne in Kauf. Abends erzähle ich dann meinen Zeltnachbarn, was ich erlebt habe, zeige Fotos, verschenke frische, süsse Trauben vom Markt, die immer noch nach Sommer schmecken.

    Abends gehe ich früh schlafen, da die Sonne schon während meines kalten Abendessens im Freien hinter den roten Felsen versinkt. Manchmal betrachte ich den Sternenhimmel, bevor ich ins Zelt krieche. Sobald ich den Reissverschluss geräuschvoll hinter mir zugezogen habe, kuschele ich mich in meinen Schlafsack, strecke meine müden Glieder, verpacke meine Brille sorgfältig in das bruchsichere Etui und schliesse die Augen. Ich wünsche mir selber eine gute Nacht und freue mich wie ein kleines Kind auf den nächsten Tag. Ich bin sicher, er hält wieder eine Menge für mich bereit. Hinauf zum Herrn komme ich noch früh genug.

  • Begegnung mit mir

    Mit einem Ruck bin ich wach. Einen Moment starre ich orientierungslos aus dem Fenster, sehe abgeernte, dürre Felder vorbeiziehen. Der Zug schaukelt sanft, gleichzeitig steigt mir der staubige Geruch des Sitzpolsters in die Nase. Erst dann bemerke ich, dass ich nicht mehr alleine bin. Ein Mädchen mit grün gefärbten Haaren steht im Abteil, sein Blick huscht unruhig umher. Zögernd kommt es auf mich zu, lässt sich lautlos in den Sitz gegenüber sinken. Ich sage «Guten Tag», doch es bleibt stumm, blickt zu Boden. Dann knüpft es langsam seine Springerstiefel auf, nimmt die Füsse in schwarzgelben Ringelsocken auf das Sitzpolster und schaut mich aufmerksam an.

    «Ich hasse Rückwärtsfahren». Mit einem Knall lässt es eine Kaugummiblase platzen. Ein süsslicher Geruch breitet sich im Raum aus.

    «Wir können gerne tauschen», schlage ich vor. «Oder du setzt dich neben mich».

    Sie wickelt eine ihrer langen, grünen Strähnen um den Finger, die Augen sind schwarz geschminkt, sie spielt mir dem Piercing an der Lippe.

    Schlagartig wird mir heiß, gleichzeitig zittere ich. Dieses Mädchen kenne ich. Nur zu gut. Doch wie ist das möglich? Wie kann mir hier und jetzt meine 25 Jahre jüngere Version gegenüber sitzen?

    «Du bist ich», stammele ich. «Ja. Und ich bin du», grinst das Mädchen.

    Ich streiche mechanisch über das samtig-raue Sitzpolster neben meinen Knien. Starre geradeaus. Suche verzweifelt nach einer Erklärung. «Kommst du aus der Vergangenheit? Sind Zeitreisen möglich geworden? Oder werde ich nun verrückt?»

    «Weder noch», grinst mein jüngeres Ich. «Ich war neugierig und wollte dich kennen lernen. Hätte aber nicht gedacht, dass ich so eine krasse Spiesserin werden würde.» Sie lässt eine weitere Kaugummiblase platzen und wirft laut lachend den Kopf in den Nacken.

    Mit einem Ruck bin ich wach. Auf meiner Stirn sind kleine Schweissperlen. Ich schaue mich rasch um. Niemand ist in meinem Abteil. Nochmal Glück gehabt.

  • Der Antrag

    Plötzlich war es klar; es gab kein Zögern, kein Werweissen, kein Hinterfragen und Überlegen – sie würde um seine Hand anhalten. Sie würde ihm einen Heiratsantrag machen.

    Natürlich nicht auf die altmodische Art mit Kniefall und so weiter. Das fand sie merkwürdig, auch bei Männern. So traditionell war sie dann doch nicht. Sie malte sich ein schönes Essen bei ihrem Lieblingsgriechen aus, sie würden einander zuprosten und sich anlächeln und sie würde ihm die Schatulle mit dem Ring zeigen und ihm tief in die Augen blicken…

    In ihrem Bauch kribbelte es bei der Vorstellung und sie musste sich zwingen, mit der Kontrolle der Buchungsbelege fortzufahren, die sich in zwei Kartonkisten auf ihrem Schreibtisch stapelten. Bis heute Abend musste sie damit durch sein. Sie seufzte und versuchte, sich auf die Zahlen auf dem Bildschirm zu konzentrieren. Doch ihre rechte Hand machte sich selbständig und öffnete erneut die Internetseite mit den Silberringen, die ihr so gut gefielen. Genau so etwas suchte sie für sich und ihn. Heimlich hatte sie an seinem rechten Ringfinger Mass genommen, während er schlief. Schliesslich drückte sie beherzt auf den Bestell-Button, gab ihre Arbeitsadresse als Lieferort ein, damit er die Schmuckstücke nicht versehentlich aus dem Briefkasten fischen konnte. Geschafft!

    Etwas beruhigter widmete sie sich dem Rest des Nachmittages den endlos scheinenden Zahlenkolonnen. Irgendwann war das letzte Blatt abgeheftet und der Stundenzeiger rückte auf die fünf zu – Feierabend!

    Sie verliess beschwingt die Verwaltung, verabschiedete sich lächelnd von ihren Kolleginnen, was bei der einen oder anderen für gerunzelte Augenbrauen sorgte. Sie war für ihre französischen Abgänge bekannt, wenn nicht sogar berüchtigt.

    Auf dem Nachhauseweg, den sie mit dem Auto heute in einer rekordverdächtigen Zeit zurücklegte, überlegte sie, wann ein günstiger Zeitpunkt für das besondere Abendessen wäre. Er sollte keinen Verdacht schöpfen, es müsste also am Wochenende stattfinden. Unter der Woche ging er gerne früh zu Bett, und liess sich nur unter besonderen Umständen dazu überreden, das Haus nochmals zu verlassen. Er war ein Gewohnheitstier, bestellte beim Griechen stets das Gleiche. Manchmal regte sie dieses Verhalten auf, doch in diesem Fall war sie froh darüber. So konnte sie den Abend schon ziemlich genau planen; ihr Partner war nicht so der spontane Typ.

    Sie fand auf Anhieb einen Parkplatz am Strassenrand, öffnete schwungvoll die Glastüre des Mehrfamilienhauses und eilte die Stufen zu ihrer Wohnung im zweiten Stock hinauf. Als sie die Wohnungstüre hinter sich schloss, blickte sie auf die Uhr. Sie hatte Glück – er würde erst in zehn Minuten zu Hause eintreffen.

    Während sie ihre Schuhe abstreifte und ihren Mantel an einen Bügel hängte, fiel ihr auf, dass die Garderobe seltsam leer wirkte. Mit einem bangen Gefühl im Bauch stellte sie fest, dass seine Jacken und Schuhe fehlten. Sie eilte ins Schlafzimmer und öffnete den gemeinsamen Schrank so schwungvoll, dass die Holztüre in den Angeln quietschte. Leer. Alle seinen Kleidungsstücke waren weg. Mit tränenverschleiertem Blick eilte sie in die Küche – sie übersah in ihrer Hektik, dass die teure Kolben-Kaffeemaschine, die er erst vor zwei Monaten gekauft hatte, auf der Anrichte fehlte. Ihr Blick saugte sich an einem lieblos aus einem Schreibblock herausgerissenen Papier fest.

    „Ich kann nicht mehr so weitermachen. Ich brauche Abwechslung, etwas Neues, Leidenschaft. Es tut mir leid. Such nicht nach mir. A.“

    Sie liess das Papier sinken und starrte auf die leere Anrichte, ohne etwas zu sehen. Dann zerknüllte sie den Zettel in ihrer Hand und zerriss ihn anschliessend in Mini-Fetzen, die wie Schnee auf den Boden in der Küche rieselten.

    Wie konnte er es wagen! Er war doch der Langweiler in ihrer Beziehung! Sie fügte gedanklich ein gewesen hinzu. Dann entspannte sie sich, setzte sich aufs Sofa, legte die Beine auf den Salontisch, was er immer kritisiert hatte und schaltete den Fernseher ein, der – so wie der grösste Teil der Einrichtung – ihr gehörte. Alles halb so schlimm. Die Ringe konnte man zurückgeben, darauf hatte sie beim Bestellen geachtet.

  • Warum? Ein Elfchen

    Löcher
    wachsen zu
    oder werden grösser.
    Niemand will darüber sprechen.
    Warum?

  • Der Brand

    Der Aschenbecher in Form eines Alienkopfes. Laura schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihren Atem. So wie man es ihr früher in der Schule gezeigt hatte, wenn sie wieder einmal wie ein Dampfkochtopf kurz vor dem Explodieren war und ihre Mitschüler verprügeln wollte. Einatmen, warten, ausatmen, warten. Sie hatte ihn in einem Second-Hand-Laden in London entdeckt; er war schwarz, aus Onyx. Am Rand räkelte sich ein überlanger, larvenähnlicher Kopf.

    Er war auch im Bus gewesen. Zusammen mit so vielen anderen Sachen, die ihr am Herzen lagen. Jedes Mal, wenn sie darüber nachdachte, sackte sie mehr in sich zusammen. Immer neue Dinge fielen ihr ein, die es nicht mehr gab. Sie waren verglüht, verbrannt, angekokelt. Genauso wie ihr heiss geliebter Bus, ein Citroën Jumpy. Sie hatte ihn selbst umgebaut, Keilriemen ersetzt, das Loch in der Ölwanne geflickt – eben alles, was so eine alte Lady brauchte. Der beige Bus war von fettigem Russ überzogen, die Türen waren von der Hitze verbogen und liessen sich nicht mehr öffnen. Es würde sich eh nicht lohnen. Der Blick durch die zerborstene Windschutzscheibe erinnerte Laura an Dantes Inferno. So zumindest stellte sie sich die Hölle vor.

    Sie hatte den Bus nach dem Aufstehen nur kurz verlassen. Mit ihrem Handy in der Hand war sie auf den Hügel gestiegen. Von dort oben sollte das Netz reichen. Was sie zuerst roch, später sah, überrollte sie wie ein Schwertransporter: Rauch, vermischt mit verbranntem Harz. Die Flammen leckten knisternd an den ausgetrockneten Stämmen. Der Wald brannte. Lichterloh.

    Während sie zurück zu ihrem Bus lief, überlegte sie fieberhaft, in welche Richtung sie den Wald verlassen könnte. Weiter bergab war ausgeschlossen, sie würde direkt in die Flammen fahren. Sie musste den Holperweg um den Hügel herum nehmen, so hätte sie die Chance, auf die Strasse und damit weg vom Feuer zu kommen. Warum hatte sie ihren Bus nur hier in der Pampas stehen lassen? Nach Hause wäre es nur noch eine gute Stunde Fahrt gewesen. Doch sie war müde gewesen nach dem Konzert in Faro, es hatte lange gedauert, das Band-Material abzubauen. Laura fluchte laut, kickte beim Bergabrennen einen Stein zur Seite und schlug mit den Händen Äste weg, die ihr den Weg versperrten.

    Ein Grollen und Bersten liess sie langsamer werden. Sie zog ihr ehemals weisses Herrenhemd aus und band es sich um die Hüften. Dann blieb sie abrupt stehen. Sie kniff die Augen zusammen und wich zurück. Der Wald vor ihr brannte, sie drehte sich um ihre eigene Achse und stolperte blindlings los, nur weg von den Flammen.

    Erst drei Tage später konnte sie zurückkehren. Zurück zu ihrem Bus, der ausgebrannt auf einer verkohlten Lichtung stand. Abgebrannte Baumstämme ragten wie Zahnstocher rund um ihn herum auf. Laura presste ein Taschentuch vor Mund und Nase, der Rauchgestank liess sie würgen.

    Auch vier Monate später wartete ihre ehemalige Wohnung darauf, abgeschleppt und entsorgt zu werden. Doch Laura brachte es nicht übers Herz. Noch immer fielen ihr Gegenstände ein, die sie, liebevoll gehütet, in ihrem Bus aufbewahrt hatte. Ihr Zuhause in den letzten zehn Jahren, ihr fahrbarer Untersatz. Ihr ganzes Leben.

    Dabei hatte sie immer gedacht, sie bräuchte nicht viel, um glücklich zu sein. Minimalismus war ihr Motto. Doch gewisse Dinge konnte man nicht ersetzen. Zum Beispiel das Gefühl, zu Hause zu sein. Zu wissen, wohin man gehörte.

    Ihre Freunde in der deutschsprachigen Community hier am Südzipfel von Portugal hatten für sie Geld gesammelt. Denn auch ihre ganzen Ersparnisse waren im Bus gewesen und verbrannt. Ein Bankkonto besass sie nach wie vor nicht. Und sie würde auch jetzt keines eröffnen.

    Sie hatte sich von dem Geld einen neuen Bus gekauft. Einen VW, schon ein älteres Modell. Guter Motor, er schnurrte wie ein Kätzchen. Doch wenn sie nachts auf ihrer Matratze lag und die Decke bis ans Kinn zog, träumte sie sich weg, in ihren alten Citroën, dachte an das Kiss-T-Shirt, dass sie 1995 an einem Konzert gekauft hatte, an das vergilbte Foto ihres kleinen Bruders, den sie im Kinderwagen spazieren fuhr. Und natürlich an den Alien-Aschenbecher. Besonders an ihn. Sie hatte es gemocht, die Fingerspitzen über den glatten, dunklen Kopf gleiten zu lassen. Geraucht hat sie nie. Im Bus viel zu gefährlich, fand sie immer. Er könnte ja abbrennen.

  • Grasekel

    Wann es genau anfing, weiss Martin nicht mehr. Als kleines Kind war es definitiv noch nicht so gewesen, er war viel und oft barfuss gelaufen, über Kies, Erde, Sand und Wiesen. Nacktschnecken an den blossen Füssen ekelten ihn, verständlicherweise. Aber Gras? Nein, das muss irgendwann später angefangen haben.

    Als er mit seinen Schulfreunden Handstände im Freibad übte, fiel es ihm zum ersten Mal auf. Er wischte sich jedes Mal gründlich die Handflächen an seinen Badeshorts ab, nachdem er sie in das kurze Gras, das von weissen Kleeblumen durchsetzt war, gepresst hatte. Irgendwann widerstrebte es ihm dann, durch den Rasen bis zum Schwimmbecken zu gehen; er liess seine Turnschuhe an und zog sie stets erst am Beckenrand aus. Seine Mitschüler zogen ihn deswegen auf; sie behaupteten, er habe gelbe Zehennägel und haarige Füsse wie ein Hobbit. Martin sagte nicht viel dazu. Er konnte sich seine Abneigung, den angesäten Rasen im Freibad zu betreten, ja selbst nicht erklären.

    Später gab es für Martin weniger Gelegenheiten zum Barfussgehen. Er zog in die Stadt, studierte, traf sich mit Freunden am See oder am Fluss. Er wohnte in einer Wohngemeinschaft ohne Garten und ging in seiner Freizeit zum Badmintonspielen. An seine Widerstände wurde er erst wieder erinnert, als er Jahre später Vater wurde. Es kam, wie es so oft kommt: Er zog mit seiner Partnerin und dem Söhnchen in eine Parterrewohnung mit kleinem Gartenanteil, reduzierte sein Arbeitspensum und ging ins Babyschwimmen.

    Im Sommer pumpte er ein Bassin auf und füllte es mit Wasser aus dem Gartenschlauch. Sein Sohn mochte es, dort zu planschen, er strampelte mit seinen stämmigen Beinchen im Wasser, schüttete Eimerchen um Eimerchen Wasser unermüdlich ins Gras und patschte anschliessend darauf herum, dass es nur so spritzte. Martin liebte es, ihm dabei zuzusehen. Nur ins Wasser wollte er nicht. Denn dafür hätte er ein kurzes Stück über das Gras bis zum Bassin laufen müssen. Er probierte es mit Flip-Flops und Sandalen, stellte aber fest, dass er den grünen Teppich mittlerweile auch mit Schuhwerk nicht mehr betreten konnte. Als sein Sohn eines Tages unglücklich stürzte und sich den Kopf anschlug, musste Martin eine Nachbarin holen, die das weinende Kind vom Bassin auf die Terrasse trug. Es ging soweit, dass er das Planschbecken schliesslich nicht mehr aufpumpte und auch die Wohnung am liebsten nicht mehr verliess. Sein Arbeitsweg wurde zum Spiessrutenlauf; er mied jede noch so kleine Grünfläche, ging nicht mehr durch Parks. Bald kannte er eine Strecke, die zwar mit einigen Umwegen verbunden war, bei der seine Füsse aber nur Asphalt und Teer berührten.

    Seine Partnerin wunderte sich, schüttelte aber den Kopf, als er ihr die Ursache für sein Verhalten erklären wollte. Er solle sich Hilfe holen, meinte sie, sie kenne da eine gute Mentaltrainerin, die habe auch ihrer Arbeitskollegin geholfen. Während den Sitzungen überlegte sich Martin, wie er den Nachhauseweg ohne Graskontakt gestalten würde – kurzum: Sein Leiden blieb.

    Martin vereinsamte. Er traf sich nicht mehr mit Freunden, besuchte keine Spielplätze, auch das Badmintonspielen gab er auf – der Weg zur Halle war zu kompliziert, sogar mit dem Fahrrad (dessen Reifen im Übrigen auch kein Gras berühren durften). Seine Partnerin verliess ihn mitsamt dem Sohn, der inzwischen zur Schule ging und seinen Vater wie ein exotisches Tier betrachtete, sofern er ihn zu Gesicht bekam.

    Martin verliess seine Wohnung nicht mehr. Die Fensterläden schloss er, um ja nirgends einen Grashalm zu sehen (ja, selbst der blosse Anblick war für ihn inzwischen unerträglich geworden). Er suchte sich eine Arbeit, die er von zu Hause erledigen konnte, bestellte sein Essen online und wurde immer bleicher, da er wie ein Maulwurf im Dunkeln lebte.

    Als die Miete nicht mehr bezahlt wurde, brach der Hausmeister nach tagelangem Klingeln und Klopfen die Wohnungstür auf. Er blieb auf der Schwelle abrupt stehen. Statt dem Parkettboden war ein grosses Loch im Boden, die komplette Wohnung war zu einer Grube mutiert, die durch die aufgesprengte Bodenplatte der kellerlosen Wohnung hinunter ins dunkle Erdreich führte. In einer aufwändigen Suchaktion stiegen Freiwillige die engen Gänge hinab, die schräg nach unten führten und sich immer wieder verzweigten, so dass die Suchmannschaft rasch die Orientierung verlor. Der Hausmeister grübelte noch lange darüber nach, wo all die Erde geblieben war, die beim Graben entstanden sein musste.

    Schliesslich beschloss man, die Löcher zuzuschütten, mit Beton zu verschliessen und die Wohnung zu renovieren. Es wäre schade gewesen, diese leer stehen zu lassen. Mit ihrem Gartenanteil war sie gerade für eine junge Familie bestens geeignet.

  • Die Erde ist eine Scheibe

    Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als wir zu viert am Strand sassen und die Wellen beobachteten, die den Sand kontinuierlich nässten, sich aber immer weiter zurückzogen. „Wie erklärt ihr Flat Earthler eigentlich die Gezeiten?“, fragte Nina und wandte sich Jonas zu, der links von ihr auf seinem Handtuch sass. Sie blickte dabei ernst, so als würde auch sie glauben, dass die Erde eine Scheibe wäre. Ich brauchte einen Moment bis ich begriff. Mit offenem Mund lauschte ich Jonas‘ Erklärung: „Die Sonne und der Mond erzeugen wie Elektromagnete ein Magnetfeld im Wasser. So gibt es Ebbe und Flut“, sagte Jonas und malte mit seinem Zeigefinger zwei Kugeln in den Sand, darunter eine Linie. Das sollten wohl die Himmelskörper sein und das Meer.

    Ich drehte meine leere Bierflasche zwischen den Händen und beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Jonas war seit zwei Jahren mein Bike-Kollege, wir hatten einige richtig tolle Touren unternommen. Erst vor zwei Wochen waren wir von einer anstrengenden, aber superschönen Alpenüberquerung zurückgekehrt. Viele Stunden hatten wir unsere Räder über Pässe getragen, waren die Wanderwege hinuntergerauscht und hatten auf den Hüttenterrassen gemeinsam auf unseren Tag angestossen, bevor wir unter die kratzigen Decken im Matratzenlager gekrochen waren und uns vor dem Einschlafen bereits auf den nächsten Tag gefreut hatten.

    „Wie jetzt“, sagte ich an Jonas gewandt. „Du glaubst das wirklich?“ Ich grub mit meinen nackten Zehen kleine Kuhlen in den warmen Sand. Ich hatte ihn immer für einen nüchternen Menschen gehalten. Seine Vorliebe für Zahlen hatte ihn Buchhalter werden lassen, in seiner Freizeit bastelte er gerne an seinem Bike herum. Okay, er war ein Einzelgänger und hing viel im Internet herum. Insgesamt jedoch unauffällig.

    Jonas starrte auf die Wellen, die noch vor der Dämmerung Surfer anlockten, nun, am späten Nachmittag, aber flach und frei dahinrollten. „Spielt das eine Rolle für dich?“, fragte er zurück, blickte mich aber immer noch nicht an. Ich blinzelte. Tat es das? Ich wusste es nicht. Jonas war ein unkomplizierter Bike-Partner und ein netter Kerl, der mir in den letzten Monaten ans Herz gewachsen war. Machte es einen Unterschied, ob er die 400 Jahre alten Erkenntnisse von Galileo Galilei leugnete?

    „Keine Ahnung“, sagte ich schulterzuckend. Ich war immer noch ein wenig perplex und musste das erst mal sacken lassen. Abrupt stiess ich eine Weile später hervor: „Warum glaubst du, dass die Erde flach ist?“ Ich legte Jonas meine Hand für einen Moment auf seinen Arm und blickte ihn durchdringend an, so als ob dies die Eine-Million-Euro Frage wäre. Obwohl ich leise gesprochen hatte, beugten sich Nina und Andreas, die wenige Meter neben uns im Sand sassen, neugierig zu uns herüber. Jonas nahm einen Schluck aus seiner Pale-Ale-Flasche und zuckte dann mit den Schultern. „Schau dich mal genau um. Es liegt doch auf der Hand, dass die Erde keine Kugel sein kann. Alle Beweise sind gefälscht oder mehrmals widerlegt worden.“ Er blickte wieder hinaus aufs Meer. „Die Fotos aus dem Weltraum sind gefaked. Und: Wieso sähen wir hier die Spiegelung der untergehenden Sonne, wenn die Erde wirklich gekrümmt wäre?“ Er streckte seinen Rücken durch und sah mich an. „Ich habe mich länger damit beschäftigt. Es ist ein klarer Fall. Und es gibt noch viele, die ebenso denken wie ich. Irgendwann wird es auch der Rest der Menschheit merken.“ Er zog die Mundwinkel nach oben, als ob er lächeln wollte.

    Ich starrte ihn an und schluckte. Okay, das war mir jetzt gerade alles ein wenig zu viel. Ich schnappte mir meine Tasche und die leere Bierflasche, stand auf und schlüpfte in meine Flip-Flops. „Was ist los? Willst du schon gehen?“ fragte Jonas und seine Augen waren in der zunehmenden Dämmerung ganz dunkel.

    „Ja, ich muss los“, murmelte ich, schüttelte mein Handtuch aus und stopfte es achtlos in meine Tasche. „Bis bald“, rief ich Nina und Andreas zu und winkte kurz in die Runde. Dann drehte ich mich um und stapfte durch den feinkörnigen Sand, der meine Füsse nur ungern freigab. Als ich bei den betonierten Stufen ankam, die hinauf zur Strasse und zu meinem Fahrrad führten, drehte ich mich noch einmal um. Jonas hatte sich im Sand ausgestreckt, Andreas ein neues Bier aufgemacht. Eine friedliche Szene. Wie lange wusste Nina wohl schon, dass Jonas an Verschwörungstheorien glaubte? Wieso hatte sie ihr nichts gesagt? Vielleicht fand sie es nicht weiter schlimm, sie verbrachte nicht viel Zeit mit ihm. Doch sie hätte es mir sagen müssen, bevor sie ihre Verkupplungsversuche gestartet hatte. Sie hätte mich warnen müssen. Denn ich war auf dem besten Weg, mich in Jonas zu verlieben. Zumindest bis eben. Wenn die Erde für ihn wirklich flach war, würde ich mir das noch mal überlegen.

    Ich schüttelte den Sand aus meinen Flip-Flops und kippte den Dynamo an meinem alten Damenfahrrad Richtung Reifen. Ein verlässlicher kleiner Elektromagnet, der mir nun ratternd Licht bis nach Hause spenden würde, jetzt, da Jonas‘ Gezeiten-Magnet unter der Erdscheibe verschwunden war. Nein, das Thema war für mich definitiv noch nicht erledigt, überlegte ich, während ich kräftig in die Pedale trat. Dafür war er einfach ein zu toller Bike-Partner. Wahrscheinlich aber nicht mehr als das. Obwohl, wir würden sehen. Ich lächelte immer noch, als ich zu Hause ankam.

  • Grenzerfahrung

    Als ich mich aufrichte, rutscht mein linker Turnschuh die geneigte Granitplatte hinab; nur ganz wenig, höchsten ein paar Millimeter. Doch es genügt, dass sich meine Lunge verkrampft und das Adrenalin in meinen Fingerspitzen pulsiert. Nur nicht ausrutschen, nicht hier, auf keinen Fall. Ich verlagere langsam mein Gewicht auf das rechte Bein, suche für den linken Schuh einen besseren Tritt. Dann blicke ich nach unten. Mindestens zehn Meter sind es bis zum grasigen Wandfuss, die Granitplatte baut sich wie ein pockennarbiger Elefantenrücken unter und über mir auf.

    Ich beschliesse, den Rückzug anzutreten, drehe mich vorsichtig um, gehe in die Hocke. Schnell wird mir klar: Keine Chance. Ich traue mich nicht abzuklettern. Mein Blick schweift über die Felswand neben und über mir. Als sich mein Atem beruhigt, erkenne ich feine Dellen im Fels. Es könnte gehen. Ich schlüpfe vorsichtig aus meinem linken Schuh und meiner Socke. Dann belaste ich meine nackte Fusssohle, warte, bis sie nicht mehr feucht ist. Als auch mein rechter Fuss nackt ist, stopfe ich meine Socken tief in die Turnschuhe und befestige sie an meinem kleinen Tagesrucksack, in dem sich neben einer Flasche Wasser, einer Käsesemmel und einer Daunenjacke mein Telefon befindet. Doch ich werde es nicht benutzen. Auf keinen Fall. Ich lache doch immer heimlich über all die Trottel, die sich beim Wandern versteigen und die Rettung alarmieren müssen.

    Vorsichtig setzte ich meine Zehen auf eine Delle im Fels links von mir, verlagere mein Gewicht, spüre den rauen Fels unter meinem grossen Zeh. Dann greife ich nach einer winzigen, sonnenwarmen Schuppe und richte mich auf, setze meinen rechten Fuss. Schritt für Schritt geht es nach oben, ich atme und schaue, blicke nicht mehr nach unten. Am Ende der geneigten Platte folgt die Erlösung: Nach rechts verläuft ein schmaler Streifen Gras, der in flacheres Gelände führt. Ich gehe in die Hocke und bewege mich wie eine Spinne auf die Handflächen gestützt hinab. Bald stehe ich wieder in der Ebene, die ich keine zehn Minuten vorher verlassen habe. Ich setzte mich erschöpft ins Gras und trinke durstig. Den Gedanken, warum ich einfach drauflos geklettert bin, schiebe ich zur Seite. Ich bin mir selber doch keine Rechenschaft schuldig. Und zu Hause würde mich auch lange niemand vermissen. Ob sie überhaupt wissen, wo ich hingegangen bin?

    Ich schlüpfe in Socken und Schuhe und gehe mit etwas wackeligen Knien weiter, meinem heutigen Ziel entgegen; eine unscheinbare Erhebung, dessen Haupt ein stolzer Steinmann ziert. Noch ein paar Kraxelmeter, dann bin ich oben. Ein Kinderspiel. Die Aussicht: Wie immer grandios. Nach dem obligaten Eintrag ins wasserwellige Gipfelbuch verschlinge ich meine Käsesemmel und bette meinen Kopf auf meinen Rucksack. Für einen langen Moment starre ich in die Wolken.

    Ganz langsam nimmt die Welt wieder Konturen an, der Verkehrslärm der Passstrasse dringt zu mir herauf. Ich muss eingeschlafen sein, die Sonne steht nun schon nah über dem Horizont. Rasch packe ich meine Sachen, trinke den letzten Schluck Wasser und mache mich an den Abstieg, der noch einmal meine ganze Konzentration erfordert. Es dämmert bereits, als ich im Tal bei meinem Fahrrad ankomme. Ich schaue noch einmal zurück auf die Platte unterhalb des Gipfels, die im letzten Sonnenlicht leuchtet, als hätte jemand einen Scheinwerfer darauf gerichtet. Bin ich wirklich dort hinauf gestiegen? So ein Blödsinn, denke ich, während ich auf mein Rad steige. Das ist viel zu gefährlich, so ganz ohne Sicherung. Wahrscheinlich habe ich es nur geträumt. Ich bin doch ein vorsichtiger Mensch. Und vernünftig. Ich schüttle kurz den Kopf als wollte ich ein lästiges Insekt vertreiben. Dann schalte ich mein Blinklicht am Fahrradhelm ein und radle los.

  • Das Maisfeld

    Die geblichen Stängel bohren sich wie Zahnstocher in die staubige Erde. An einigen Stellen sieht man fahle Wurzeln, die sich tintenfischartig über dem Boden winden. Saras Hunderunde führt wie üblich am Maisfeld von Bauer Jens vorbei. Sie hat den Blick auf den überwachsenen Feldweg vor sich gerichtet, die Grashalme sind noch morgenfeucht, die Spitzen ihrer leichten Turnschuhe bereits durchnässt. Sie zögert. Soll sie ihre Hündin Lissi von der Leine lassen? Oder wird sie, wie die letzten Male, ins Maisfeld laufen?

    Seit die Pflanzen mannshoch stehen und die dicht gesäten Reihen undurchdringlich wirken, geht Sara nicht mehr gerne diesen Weg. Doch die Alternative wäre ein Gassigang entlang einer viel befahrenen Teerstrasse. Das gefällt weder ihr noch Lissi, die dort vor allem Abgase erschnüffeln kann.

    Seufzend beugt sich Sara zu Lissi hinunter und gibt sie mit einem leisen Klicken frei. Lissi spitzt die Ohren, beschleunigt sogleich ihren Gang, dann biegt die Labradorhündin ab. Hinein ins Maisfeld.

    Sara schluckt und blickt dem braunen Fellfleck nach, der im Feld verschwindet. An manchen Orten glaubt sie zwischen den Stängeln Eingänge zu entdecken, die wie Tunnel hinein in den Pflanzendschungel führen. Wahrscheinlich eine optische Täuschung, mahnt sie sich und wendet den Blick ab. Lissi ist im Dickicht der Stängel verschwunden. Nur das leichte Rauschen des Windes in den trockenen Blättern ist zu hören. Bald werden sie geerntet. Wenn es nicht regnet, wahrscheinlich noch diese Woche. Alarmiert hält Sara nach einem Mähdrescher Ausschau, doch sie sieht weit und breit keines der Riesenfahrzeuge. Lissi wäre nicht das erste Lebewesen, das bei der Maisernte unter die Räder kommt. Oder eher in die Schneidearme, die die Maschinen kammartig vor sich her schiebt. Sara verdrängt den Gedanken und geht dann langsam weiter.

    Bisher ist Lissi immer wieder aufgetaucht, wenn sie sie am Ende des Feldes nach ihr gerufen hat. Warum sollte es heute anders sein? Sie lässt sich Zeit für die holprigen 300 Meter, die noch vor ihr liegen, bevor der Feldweg in eine Teerstrasse übergeht, die zu den Häusern am Dorfrand führt. Die Sonne wirft an diesem Augusttag noch lange Schatten. Lissi blickt auf die Uhr. Schon bald muss sie los ins Krankenhaus, ihre Schicht startet um 8 Uhr. Sie blinzelt und überlegt, mit wem sie heute eingeteilt ist. Hoffentlich nicht mit Maria, dieser Trantüte. Da wechselt sie Bettwäsche und Verbände lieber alleine.

    Saras Pfiff auf zwei Fingern zerreisst die Stille. Sie lauscht. Pfeift erneut. Eigentlich ist sie nicht überrascht, dass Lissi nicht kommt. Sie hat damit gerechnet. Irgendwann musste das ja passieren. Sie pfeift erneut, schreit Lissis Namen. Nichts. Dann blickt sie wieder auf die Uhr. Zögernd biegt sie zwei Maispflanzen auseinander, späht in den Stängelwirrwar, der irgendwann zu einer braunen, undurchdringlichen Masse wird. Sie lässt die Pflanzen los, die sich ächzend in ihre Ausgangsposition zurückbewegen und pfeift erneut. Es macht keinen Sinn, nach Lissi zu suchen. Das Feld ist zu gross. Und bisher ist sie ja immer wieder gekommen. Vielleicht hat sie etwas Interessantes erschnuppert oder ein Reh aufgespürt?

    Sara macht ein paar Schritte rückwärts, stolpert über eine büschelige Graspflanze und fällt unsanft auf ihren Po. Mit Tränen in den Augen bleibt sie sitzen. Da! War da nicht ein leises Winseln zu hören? Sie lauscht angestrengt. Da ist es wieder! Das ist sicher Lissi. Sie braucht Hilfe!

    Sara läuft zielgerichtet hinein in den gelbbraunen Urwald, biegt hektisch Stängel um Stängel zur Seite, wischt Blätter weg und stolpert immer weiter zwischen den Reihen hinein in das Feld. Zwischendurch lauscht sie. Das Winseln wird lauter. Die Richtung stimmt! Sie rennt hektisch weiter, die Pflanzen schneiden ihr in die nackte Haut an den Armen, ihre Turnschuhe sind an den Spitzen vom Staub gefärbt.

    Verschwitzt und mit Staub auf den Haaren findet sie schliesslich ihren Hund. Lissi wedelt bei Saras Anblick kurz mit dem Schwanz, dann blickt sie wieder konzentriert auf ein grosses Loch vor ihr im Boden. Mehrere Maisstauden sind umgeknickt, Erdhaufen sind neben der gullydeckelgrossen Vertiefung jedoch keine zu sehen. Sara beugt sich darüber und späht hinein. Das Loch scheint tief zu sein. Sie nimmt einen der herumliegenden Maiskolben und wirft ihn hinein. Wartet. Sie meint, ein Plätschern aus weiter Ferne zu hören. Sara blickt zu Lissi. „Komm, wir gehen.“ Sie steht auf und entfernt sich vom Loch. Lissi jedoch winselt wieder und bleibt sitzen. Nach einem entsetzten Blick auf die Uhr packt Sara den Labrador schliesslich am Halsband, klickt die Leine ein und zieht. Lissi stemmt sich in den Boden, winselt und pfeift. Nach zehn Metern gibt Sara entnervt auf. „Ich gehe jetzt, Lissi. Ich muss zur Arbeit. Komm doch bitte mit“, versucht sie es noch einmal mit weinerlicher Stimme. Doch Lissi sitzt inzwischen wieder am Erdloch, gräbt mit den Pfoten und steckt die Schnauze in die staubige Erde.

    Als Sara nach einem anstrengenden Tag im Krankenhaus – sie war mit Maria auf der Station eingeteilt – nach Hause kommt, hofft sie fest, Lissi bei ihrer Hundehütte im Vorgarten zu erblicken. Doch Fehlanzeige. Sie erbleicht, als sie zum Maisfeld eilt und dort zwei Mähdrescher bei der Arbeit erblickt. Diese haben den Pflanzendschungel in ein karges Stoppelfeld verwandelt. Nur ein Streifen in der Mitte steht noch. Sara stolpert quer über das Feld, winkt den Fahrern, schreit nach Lissi. Als sie die Fahrzeuge erreicht, ist auch der letzte Mais unter lautem Gedröhn gemäht. Einer der Fahrer runzelt die Brauen. „Einen braunen Hund? Ne, hab ich nicht gesehen.“ Ein grosses Loch im Boden schon gar nicht. Der Hund sei wohl hineingefallen, sagt der Mann noch mit einem höhnischen Lachen.

    Im nächsten Jahr pflanzte Bauer Jens keinen Mais sondern Weizen. Sara meidet den Feldweg, es schmerzt sie zu sehr. Sie fragt sich oft, was sie hätte anders machen sollen, an dem Tag, als Lissi verschwand. Nach Hause gehen, um ein Stück Wurst zu holen? Verstärkung organisieren und Lissi abtransportieren? Die Polizei rufen? Sie weiss nur eines sicher: Sie würde auf die Arbeit pfeifen an diesem Tag. Maria könnte die Nachttöpfe auf der geriatrischen Abteilung alleine leeren.

  • 31. Juli

    Zwei Migros-Säcke hatte er gefüllt, den Campingstuhl in den Rucksack gestopft, dann war er losmarschiert. Sein Ziel: Der Bootssteg beim St. Alban-Quartier. Erleichtert stellte er fest, dass noch niemand vor ihm auf die Idee gekommen war, sich dort niederzulassen. Er markierte sein Revier, indem er die beiden Tüten über die Pfosten am Anfang des Stegs hängte, klappte den roten Stuhl auf und setzte sich. Dann betrachtete er lange den Rhein, der träge durch die Stadt floss, um kurze Zeit später die Eidgenossenschaft zu verlassen und ein deutscher Strom zu werden.

    Er kramte im Rucksack, holte eine lauwarme Flasche Bier heraus, überlegte kurz, ob er diese zum Abkühlen in den Rhein stellen sollte, öffnete sie dann aber kurzentschlossen mit einer Drehbewegung. Er trank, rülpste verhalten, stellte die leere Flasche ab und band sich mit entschlossenen, oft geübten Bewegungen seinen langen Haare zu einem Dutt. Es konnte losgehen.

    Noch wollte er die Vorfreude ein wenig auskosten. Nur zwei Mal im Jahr hatte er offiziell die Möglichkeit für sein Hobby. Dieses Jahr hatte er extra den Kanton gewechselt. Denn: In Basel startete der Nationalfeiertag schon einen Tag früher, nämlich am 31. Juli. Und: In seinem Kanton herrschte absolutes Feuerverbot, also auch Feuerwerksverbot. So ein Blödsinn! Als würden die paar gut überwachten Knallereien einen Brand verursachen. Also bei ihm sicher nicht.

    In Gedanken stellte er sich einen Ablaufplan zusammen. Starten wollte er mit etwas Lustigen. Er verteilte die kleinen, kugelig geformten Knallteufel auf der Treppe, die von der Strasse hinunter zum Rhein führte. Beim Einnachten würde sie für Spass sorgen, da war er sich sicher.

    Dann bereitete er seinen Schatz vor, einen China-Kracher, den er auf einem Markt bei seinem Tschechei-Ausflug im letzten Herbst entdeckt hatte. Er hoffte, dass er das hielt, was der Verkäufer ihm versprochen hatte. Tatsächlich, der Knall bebte über den Fluss und entlang des Uferwegs, Rauchschwaden vernebelten seinen Steg, Köpfe wandten sich ihm zu. Stolz strich er sich ein paar lose Strähnen hinter die Ohren. Das war ein guter Start. Er spähte in seine zwei prall gefüllten Tüten und grinste. Es würde eine tolle Nacht werden. Er, sein Feuerwerk und der Rhein. Er schlüpfte aus seinen Flip-Flops und stellte sich für einen Moment in das lauwarme Wasser des Rheins, das an den Steinen im Uferbereich tückisch rutschig war Dann blickte er den schick gekleideten Menschen nach, die auf einem der Rhein-Kursschiffe zu Live-Musik dinierten. Die Tische waren weiss gedeckt, er sah gebügelte Stoffservietten. So konnte man diesen 31. Juli auch verbringen. Aber das war definitiv nichts für ihn.

  • Türkis

    Türkis ist eine Kinderfarbe,
    die Farbe meines Kindes.

    Ein Gemisch aus Blau und Grün.
    Ambivalent, so wie ich.

    Türkis ist der Stein des Wassermanns.
    Das passt zu mir Januarkind.

    Er steht für Freundschaft, Treue und Verbundenheit.
    Passt das zu mir?

    Kraft soll der Edelstein schenken,
    den Kopf frei machen.

    Gesehen habe ich ihn letztens in einem niedrigen Holzschuppen,
    der Werkstatt eines Strahlers,
    der früher in Afghanistan Steine sammelte.

    Heute macht er daraus Kunstwerke,
    die ebenso strahlen, wie die Augen der Frauen unter ihren Burkas.

    Türkis sind die Wände in meinem Badezimmer und in meiner Küche.
    Die Farbe hat jemand von Hand für mich gemischt.

    Kinderworte, die ich zufällig belauschen durfte:
    Wenn ich in eurem Bad bin, fühle ich mich wie am Meer.

    Türkis ist eine Kinderfarbe
    Türkis ist meine Farbe.

  • Im Frühstücksraum

    Manuel Blocard blieb auf der Schwelle stehen. Oh je. Gar nicht gut. Der Raum mass nur etwa sieben auf sechs Meter, er war vollgestellt mit Stühlen und Tischen, an der Wand befand sich ein Buffet, auf dem er aus den Augenwinkeln eine Käseglocke, hartgekochte Eier und verschiedenfarbige, klumpige Marmeladen erkennen konnte.

    Was ihn am Eintreten in den Frühstücksraum hinderte, waren die sechs Personen, die sich zu zweit oder alleine an den verschiedenen Tischen befanden. Manuel Blocard holte umständlich sein Stofftaschentuch aus der Jeanstasche, faltete es auseinander und wischte sich über die Stirn.

    Je länger er im Türrahmen stand, desto stiller wurde es im Raum. Köpfe wandten sich ihm zu, die Augenbrauen wanderten nach oben, während die Münder unablässig Kaubewegungen ausführten, Speisebrei wurde geschluckt.

    Manuel Blocard ging seine Optionen durch: So tun, als hätte er etwas im Zimmer vergessen, sich umdrehen und den Raum verlassen. Eintreten und sich unauffällig einen der letzten freien Tische aussuchen, ein Brötchen hinunterwürgen und eiligst wieder gehen. Auf der Schwelle stehen bleiben war definitiv keine Option, denn nun näherte sich die Pensionswirtin von hinten.

    „Guten Morgen Herr Blocard, haben Sie gut geschlafen?“, zwitscherte die kleine Frau, deren Augen ihn an Rosinen in einem Hefeteig erinnerten.

    „Danke, Frau Brenner.“ Manuel Blocard nickte der Frau förmlich zu und duckte sich weg, bevor sie ihm weitere Fragen stellen konnte. Er stakste um die besetzten Tische, peinlich darauf bedacht, nichts zu berühren. Dann setzte er sich an den Tisch unmittelbar neben der Toilettentüre. Er verstand nicht, warum diese Tische in Restaurants so unbeliebt waren. Für ihn waren sie ein Segen. Unbeachtet konnte er dort seine Mahlzeit einnehmen.

    Manuel Blocard wischte sich erneut über die Stirn. Dann ging er wiederum seine Möglichkeiten durch. Zeit hatte er mehr als genug. Sein Treffen war erst in 1,5 Stunden angesetzt. Hunger? Ein wenig. Da der heutige Tag anstrengend werden würde, zwang er sich jedoch, zwei Scheiben Brot, Butter, Käse und Marmelade auf seinen Teller zu laden und das gerade freie Buffet schnellstmöglich wieder zu verlassen. Sein Nachbar zur rechten Hand, dessen Bauchumfang ihn daran hinderte, nahe an den Tisch heranzurücken, hatte bereits seine Wanderstiefel an, die Waden krebsrot. Nun schob er keuchend seinen Stuhl zurück und polterte durch den Raum Richtung Toilette. Manuel Blocard rutschte auf seinem Stuhl nach hinten, bis er die Wand berührte und schloss die Augen. Die Vorstellung, der Wandervogel könnte beim Vorbeigehen winzige Hautschüppchen oder – noch schlimmer – Bart- oder Armhaare verstreuen, verursachte ihm einen Knoten im Magen. Der Platz neben der Toilette war doch keine gute Idee gewesen.

    Er war erleichtert, dass die Wirtin nach der Kaffeebestellung den Raum verliess und ihm das gewünschte Getränk ohne weiteren Kommentar brachte. Manuel Blocard schaffte es, eine Scheibe Brot mit Butter und Käse zu essen, bevor sich die Toilettentür wieder öffnete und sein Tischnachbar schwer schnaufend zurück zu seinem Platz ging, wo dessen Frau inzwischen ihr zweites 5-Minuten-Ei geräuschvoll auskratzte.

    „Na, Sportsfreund, gehts auch zum Wandern?“ Der Mann stand breitbeinig vor Manuel Blocard und klopfte mit den Knöcheln auf seinen Tisch, genauer gesagt auf den Rand seiner Serviette. Manuel Blocard starrte zunächst auf die Serviette, dann in das rot geäderte Gesicht des Mannes. Ohne einen Kommentar stand er auf und durchquerte den Raum auf dem schnellsten Weg, schlängelte sich um Stuhllehnen und Tischecken und warf sich schliesslich über die Schwelle. Ob sein Handeln als unhöflich taxiert wurde, war in diesem Moment zweitrangig. Er sah immer noch die feinen Spucketröpfchen, die der Mann beim Sprechen auf seine Kaffeetasse und die verbliebenen Brotscheibe hatte herabregnen lassen.

    In seinem Zimmer angekommen, schloss er die Tür hinter sich ab und packte eiligst seine Tasche. Er würde schon früher gehen. Das Ensemble traf sich zwar erst in rund einer Stunde. Es schadete jedoch nicht, wenn er sich ein wenig länger aufwärmte. Heute fand schliesslich die Hauptprobe statt, ab übermorgen würde es dann ernst. Schwanensee zu tanzen war schon immer sein Traum gewesen.

    Er würde dem Choreograf Bescheid geben, dass er bei der Tournee in keinem Fall in einer Frühstückspension untergebracht werden wollte. Am besten an einem Ort ohne gemeinsame Verpflegung der Gäste. Essen wurde seiner Meinung nach eh überbewertet. Nach einem zufriedenen Blick in den Spiegel zog Manuel Blocard die Türe ins Schloss und legte seinen Zimmerschlüssel leise klirrend auf die verwaiste Reception. Dann tänzelte er Tschaikowski pfeifend Richtung Theater.

  • Onkel Alfreds Geburtstag

    Eins vorneweg: Ich kann nicht kochen. Backen schon gar nicht. Trotzdem versuche ich es immer wieder. Schliesslich gehört es heute zum guten Ton, Freunden ein mehrgängiges Menu vorzusetzen, natürlich alles selbstgekocht, regional, saisonal, bio.

    Gekauften Kuchen zu verschenken, wird als komplettes Versagen angesehen. Ich sehe heute noch meine Bekannte Irmhild vor mir, wie sie die mitgebrachte Cremetorte – immerhin vom Bäcker im Ort – schweigend auspackte. Ihre Brauen verschwanden unter ihrem frisch geföhnten Pony.

    Was aber tun, wenn man in der Küche gänzlich unbegabt ist, jedoch der Geburtstag des Patenonkels ansteht? Dazu muss man wissen: Alfred, ein angegrauter, aber immer noch rüstiger Senior liebt Süsses. Er braucht es wie Popeye den Spinat. Wie eine Rakete den Treibstoff. So ungefähr. Ich überlegte mehrere lange Tage, was ich ihm zu seinem runden Jahrestag schenken könnte. Schliesslich landete ich bei Brunsli – Sie wissen schon, diese Schweizer Nuss-Schokoladen-Kekse, die es klassischerweise in der Adventszeit gibt. Auch für Anfänger geeignet, hiess es.

    Ich band mir also meine blau-weiss-gestreifte Kochschürze um, holte Mehl, Eier, Mandeln, Zucker und dunkle Schokolade aus meinem meist gähnend leeren Vorratsschrank und begann, die Zutaten vorsichtig in einer Schüssel zu mischen. Ein klein wenig Mehl landete auf den Ärmeln meines Mohairpullis, die ich sogleich hektisch nach oben krempelte. Der Rest verlief erstaunlich ereignislos: Ich trennte die Eier, schlug das Eiweiss zu Schnee und formte einen dunkelbraunen, fettig glänzenden Klumpen, den ich in den Kühlschrank stellte.

    Ich war stolz, dass das Auswallen des Teiges ohne grössere Zwischenfälle gelang und die ausgestochenen Herzen, Kleeblätter und Sterne als solche erkennbar waren.

    Als ich zwei Kuchenbleche gefüllt hatte und der Backofen summend sein Gebläse anwarf, seufzte ich, band die Schürze ab und verliess erleichtert die Küche. Dann klingelte es an der Tür. Ehe ich mich versah, war ich mit meinem Nachbarn Hans in ein Gespräch über Neophyten verwickelt. Kleine Klammerbemerkung: Ich mag Hans wirklich sehr, aber der immer grösser werdende Busch Berufkraut am Zaun zwischen unseren Grundstücken, ist mir ein Dorn im Auge. Warum er an diesem Tag eigentlich klingelte, habe ich vergessen. Klammer zu.

    Um es kurz zu machen: Ich vergass die Brunsli. Der dunkle Teig war fast schwarz, als ich Alfred die Tür vor der Nase zuschlug und alarmiert zum Backofen sprintete. Es roch, nein, es stank. Ich beförderte die beiden Bleche unsanft auf den Balkon, riss alle Fenster und Türen auf und verdrückte eine Träne.

    Onkel Alfred habe ich schliesslich doch noch Kekse mitgebracht. Keine Sorge, ich habe nicht nochmal gebacken. Mein Nachbar Hans hat sie mir geschenkt. Ich glaube, er hatte Mitleid mit mir. Dafür durfte er sein Berufkraut behalten. Zumindest noch ein bisschen.

  • Treffpunkt San Peder

    Hoffentlich ist er da. Ladina presst die Lippen zu einen schmalen Strich zusammen und eilt zu der Lücke im Zaun, die sich unter den tiefen Ästen eines Holunderbaums versteckt. Sie zwängt sich hindurch, ein schemenhafter Schatten in der Dämmerung, nur beobachtet von einer dreifarbigen Katze, die sich auf einer nahen Mauer zusammengerollt hat. Dann eilt Ladina durch das feuchte Gras hinauf zur Ruine. Sie klettert über die vertrauten Tuffsteine, das Zirpen der Grillen dröhnt in ihren Ohren. Sie schnauft und schaut. Die Mauerreste von San Peder ragen zackig in den auberginefarbenen Himmel.

    Ladina ahnt es bereits. Sie nimmt die letzten Meter im Laufschritt, dann steht sie in der Ruine der alten Kirche von Sent. Der viereckige, grasige Platz wirkt wie eine Arena. Eine leere Arena. Gion ist nicht da.

    Ladina schnieft und stolpert über den unebenen Boden zu einem Loch in der Mauer. Sie versucht, nicht an Spinnen und Käfer zu denken und greift hinein, spürt bröckeligen, feuchten Mörtel, sonst nichts. Gion hat ihr keine Nachricht hinterlassen.

    Sie lässt die Schultern hängen und lehnt sich an die Mauer, die noch die Wärme der Sonne gespeichert hat. Ihre Tränen wischt sie grob mit Zeige- und Mittelfinger ab, dann presst sie die Fäuste auf die Augen.

    «Ladina.» Sie spürt den vertrauten Körper in der zunehmenden Dunkelheit mehr, als dass sie ihn sieht. Gion geht vor ihr in die Hocke und pflückt eine Holunderblüte aus ihrem dunklen Haar. Der vertraute, herbe Geruch nach Schafgarbe umgibt ihn.

    «Du bist gekommen.» Sie betrachtet seine braunen Augen mit den goldenen Sprenkeln, seine Grübchen, in die sie so gerne die Fingerkuppen legt. Auch im Dunkeln erkennt sie das flaumige Haar unterhalb seiner Schläfen, das sie immer an ein Katzenbaby erinnert. Gion zieht Ladina hoch und gemeinsam klettern sie an ihren Platz an der tiefsten Stelle auf dem Mauerrest. Von hier aus ist das ganze Tal zu sehen, der Inn rauscht tief unten, Bergspitzen ragen in die Dunkelheit.

    Nur eine dreifarbige Katze beobachtet, wie ein Mädchen und ein Junge kurz vor dem Morgengrauen das Grundstück durch eine verborgene Zaunlücke verlassen. Sie lösen die Hände nur widerwillig voneinander und eilen in unterschiedliche Richtungen durch das schlafende Dorf davon. Die Katze gähnt, streckt die Vorderbeine und springt von der Mauer. Zeit, nach Hause zu gehen.

  • Tag am See

    Guten Tag, darf ich mich kurz vorstellen? Ich heisse Stephan und bin ein Nazi. Meine Devise ist Hass. Diese vier Buchstaben habe ich mir gross auf meine linke Brust tätowieren lassen. Aber urteilen Sie nicht vorschnell, ich bin kein schlechter Mensch. Ich lebe in der Schweiz, habe eine Frau und Kinder, gehe einer ordentlichen Arbeit nach und zahle Steuern. So wie viele andere auch.

    Am Wochenende unternehmen wir regelmässig Ausflüge mit unseren Kollegen. Abrasierte Schädel und nationalsozialistische Tattoos gehören bei uns dazu wie in anderen Cliquen der Ghettoblaster oder die Kiste Bier. Wobei wir Männer schon auch gerne Bier trinken. Doch nicht mehr als alle anderen. Wir sind schliesslich Familienväter.

    Unsere Frauen sind gute Mütter. Sie packen Nudelsalat und Chips in die Badetaschen, Melone für die Kinder. Am Badesee bildet unsere Gruppe eine Insel, die Handtücher berühren sich, wir teilen das Essen und die Kinderbetreuung. Apropos Kinder: Um die kümmern wir uns liebevoll. Überhaupt sind wir rechte Familienmenschen. Im doppelten Sinn, kleiner Scherz.

    Ob die Leute uns manchmal komisch anschauen? Kann schon sein. Doch das kümmert mich nicht. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch seine persönliche Gesinnung ausleben dürfen soll. Toleranz ist wichtig. Wir sind doch eine aufgeklärte, moderne Gesellschaft! Gerade in der Schweiz.

    Unsere Community ist hier nicht riesig, trotzdem grösser, als man meint. Einen Gleichgesinnten erkennen wir sofort. Nicht, dass es geheime Zeichen oder bestimmte Losungsworte gibt – es ist eher wie eine Aura, die uns umgibt. Kein Heiligenschein, das nicht. Es funktioniert mehr nach dem Prinzip des Magnetismus. Wir ziehen uns an. Linksradikale hingegen stossen uns ab. So einfach ist das.

    Schmeissen Sie uns aber bitte nicht in einen Topf mit unseren Kollegen aus Deutschland. Klar, unsere Überzeugungen sind ähnlich. Doch wir Nazis hier in der Schweiz ticken anders. Haben andere Intentionen, sind nicht so einfache Gemüter. Wir sind halt Wohlstand-Nazis. (lacht)

    Ausserdem sind wir viel besser integriert. Im Alltag fällt es wahrscheinlich niemandem auf, wo ich politisch stehe. Und meine Meinung will ich auch niemandem andrehen. Ich bin eher der zurückhaltende Typ. Wenn ich jedoch die Gelegenheit habe, mit meinen Kumpels etwas zu unternehmen, drehen wir gerne auf. Streifen die typische schweizerische Zurückhaltung wie ein Kleidungsstück ab und zeigen unser wahres Ich. Sagen, was wir wirklich denken. Schimpfen auf die Politik, die viel zu nett zu all dem Pack ist, das unser Land überschwemmt. Eine Katastrophe! Wenn es nach uns ginge, wäre vieles anders. Wir hätten ein sauberes Land, ohne Gesindel.

    So, jetzt höre ich besser auf, sonst rege ich mich zu sehr auf. Meine Frau guckt schon zu mir rüber. Sie will, dass unser Badeausflug friedlich abläuft. Keine Schlägereien, hat sie mir heute morgen beim Einsteigen ins Auto zugezischt. Pfff. Als hätte ich sowas im Sinn. Ich besorge besser noch eine Runde Bier für alle. Vorne am Kiosk, bei dem Affen mit den Dreadlocks. Doch heute ist Sonntag, da legen auch wir Nazis einen Ruhetag ein.

  • Der Ring

    Pamelas Eingeweide verkrampften sich, ihr Magen zog sich zusammen, bis er die Grösse eines Pingpongballes erreicht hatte. Gleichzeitig wurden ihre Fingerspitzen kalt und ihr Kopf heiss. Sie liess ihren Blick prüfend umherirren, über die Kücheninsel, den Wohnzimmertisch, die Kommode im Flur, wo sie stets ihre Schlüssel und ihr Handy deponierte, wenn sie nach Hause kam.

    Wo war der verdammte Ring?

    Konzentrier dich, ermahnte sie sich und kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in die dünne Haut an der Innenseite des linken Oberarms. Ein angenehmer Schmerz flutete ihren Körper, sie schloss die Augen und überlegte. Sie war nach Hause gekommen, hatte sich im Schlafzimmer umgezogen, dann geduscht und sich nackt aufs Bett gelegt. Sie musste den Ring im Bad abgestreift haben. Noch einmal kontrollierte sie den breiten Rand des Doppelwaschbeckens, das Regal mit den sorgfältig gefalteten Handtüchern und den Korb mit den Autozeitschriften neben der Toilette, in denen Peter stets blätterte, wenn er für längere Zeit im Bad verschwand.

    Normalerweise liess sie den Ring beim Duschen an. Doch im Sommer, wenn ihre Finger abends geschwollen waren, zog sie ihn gerne auch mal ab. Damit die feucht-weisse Stelle am oberen Ende ihres rechten Zeigefingers frische Luft bekam. Den wuchtigen Ring aus Weissgold mit Brillantbesatz legte sie stets an den oberen Waschbeckenrand. Achtete peinlich darauf, dass er nicht davonrollen konnte. Meist zog sie ihn nach dem Abtrocknen wieder an. Manchmal auch erst später. Jedoch immer, bevor Peter kam. Er merkte schon an der Tür, ob sie den Ring trug. So kam es Pamela zumindest vor. Sie hatte ihn nur einmal, ganz am Anfang ihrer Ehe, nach dem Kneten eines Teiges auf der Küchenablage vergessen. Er war ausgerastet. Sie hatte viel Abdeckcreme benötigt, um ihre gerötete und geschwollene Wange am nächsten Tag im Büro zu verbergen.

    Sie blickte nervös auf ihre Uhr. In einer halben Stunde würde er da sein. Sie rieb sich mit dem Zeigefinger über die Stirn, bis ihre Haut brannte. Dann lief sie noch einmal durch die Wohnung, robbte auf den Knien durchs Bad, untersuchte den muffig riechenden Abfluss in der Dusche und tastete den Boden in der Toilettenschüssel ab. Als sie gerade überlegte, ob sie das Siphon des Waschbeckens auseinanderschrauben sollte, hörte sie den Schlüssel im Schloss. Versteinert blieb sie auf den kalten Badfliessen sitzen, die rechte Hand, noch feucht von Toilettenwasser, hielt sie verkrampft hinter ihrem Rücken.

    „Hallo, Pamela, wo steckst du?“ vernahm sie Peters Stimme gedämpft durch die Badtür. Sie hielt den Atem an und verkroch sich in der Ecke zwischen Toilette und Wand.

    „Was machst du hier am Boden?“ Peter schaute sie irritiert an, nachdem er durch die halb offene Badtür geschlüpft war und Pamela in der Ecke kauern sah.

    Pamelas Unterkiefer begann zu zittern, sie schlug ihre Stirn seitlich gegen die Wand, immer fester, immer wieder. Sie wollte, dass er wegging, sie wollte alleine sein.

    In ihrem Kopf explodierte eine Supernova, ihre verkrampften Glieder schmerzten wie bei einem heftigem Muskelkater. Pamela lag auf ihrem Bett, als sie ihre tonnenschweren Lieder öffnete. Unter grosser Anstrengung tastete sie ihre rechte Hand ab. Der Ring. Er wog schwer an ihrem Finger, zog sie hinab in die dicke Matratze, Richtung Boden, hinunter in die Nachbarswohnung, in den Keller des Mietshauses und dann immer weiter, dorthin, wo es kein Licht gab. Dort wollte sie für immer bleiben.

    „Pamela, nimm die Tablette, die wird dir gut tun.“ Peter schob ihr eine blassrosa Pille durch die halb geöffneten Lippen und hielt ihr ein Glas Wasser hin. Pamelas Gedanken summten durch ihren Kopf, sie englitten ihr wie Kaulquappen, die sie als Kind immer fangen wollte.

    Bevor sie protestieren konnte, hatte ihr Peter den Arm um die Schultern gelegt und ihr einen Schluck Wasser eingeflösst. Morgen, sagte sie sich, bevor sie langsam in Morpheus sanfte Arme glitt, morgen, werde ich es ihm sagen. Morgen werde ich Schluss machen. Dann schlief sie mit einem Lächeln ein, während das Blut auf ihrer Stirn langsam verkrustete.

  • Karten

    Christian König liebte Karten. Nicht Spielkarten, nicht Grusskarten, sondern Landkarten. Er besass viele davon, ja ganze Berge. In seiner Wohnung waren drei deckenhohe Regale gefüllt mit seinen Schätzen. Er hatte Reisekarten und Autoatlanten, die einen sehr kleinen Massstab besassen, plastifizierte Wanderkarten aus Regionen in den Voralpen und Alpen, die er in seinem 50-jährigen Leben besucht hatte. Zudem Pläne verschiedenster Städte im In- und Ausland, mit grossem Massstab, die jede Gasse in der Altstadt abbildeten.

    Herr König besuchte sein Landkartenzimmer, wie er es nannte – eigentlich war es sein überwiegend ungenutztes Gästezimmer – täglich. Dann strich er über die papierenen oder plastifizierten Oberflächen, klappte einzelne Exemplare vorsichtig auf, sog den vertrauten, dumpfen Geruch ein und studierte sie, lief in Gedanken die Wege und Strassen auf und ab. Er achtete sorgfältig darauf, die Abnutzung der Knickkanten möglichst gering zu halten. Wer wusste schon, ob die Karte ersetzbar wäre?

    Wenn der begeisterte Fahrradfahrer einen Ausflug machte, bereitete er diesen stets seriös vor – egal, ob es sich um eine kleine Tour zu einem nahen Weiher oder eine mehrtägige Radwanderung handelte. In Gedanken wusste er stets, wo auf der Karte er sich gerade befand, so als hätte er ein GPS-Gerät eingebaut. Wenn sich unterwegs unerwartete Streckenänderungen ergaben, beispielsweise eine Umleitung, verursacht durch eine Baustelle, oder eine gesperrte Strasse wegen wandernder Frösche, erschrak Christian König jeweils und brauchte einen Moment, um seine innere Karte neu zu laden. Sobald dies erledigt war, fuhr er unbeschwert weiter, seinem Ziel entgegen.

    Als Papierkarten zunehmend zu einem Auslaufmodell wurden, da sie vermehrt digital verkauft wurden, betrübte dies den Kartenliebhaber zutiefst. Er schrieb enervierte Leserbriefe, wandte sich an die Behörden und plante sogar – obwohl er von Natur aus eher ein Misanthrop war – einen Club Pro physische Landkarte zu gründen. Er gab sein Vorhaben jedoch schon bald mangels interessierten Mitstreitern auf. Gleichzeitig weigerte er sich vehement, seine papierenen Lieblinge durch Onlinekarten zu ersetzen. Er installierte absichtlich keine Programme auf seinem Computer und seinem Handy. Wehret den Anfängen! war stets sein Kommentar, wenn ein Bekannter die Vorzüge der Online-Nutzung von Karten rühmte.

    Da jedoch schon bald keine aktuellen Papierkarten, vor allem aus der Region, zur Verfügung standen, geriet Herrn Königs innere Landkarte zunehmend in Unordnung. Er machte es sich zur Aufgabe, sich über neue Strassen, Fahrradwege und grössere Baustellen zu informieren, damit er sein gedankliches Kartenmaterial auf den neuesten Stand bringen konnte. Schon bald musste er sich eingestehen, dass sich die Recherche als zu aufwändig gestaltete, obwohl er jede freie Minute zu Fuss und mit dem Fahrrad die Richtigkeit der inneren Karte überprüfte.

    Immer grössere, weisse Löcher taten sich auf seiner gedanklichen Landkarte auf. Die papierenen benutze er schon länger nicht mehr, schnupperte nur noch von Zeit zu Zeit daran und schwelgte in Erinnerungen. Er unternahm immer seltener Ausflüge, da sie zu grossen Frustrationen führten und blieb immer öfter zu Hause. Seine Verzweiflung wuchs von Tag zu Tag. Als die Baumaschinen in seinem Viertel auffuhren und eine kinderfreundliche Begegnungszone sowie einen separaten Fahrradweg errichteten, ging Christian König nicht mehr aus dem Haus. Er zog sich in seine innere Welt zurück, lief die Wege dort auf und ab und genoss es, den Überblick zu haben.

    Seinem Arbeitgeber fiel es längere Zeit nicht auf, dass Herr König nicht mehr am Arbeitsplatz erschien. Heutzutage arbeiteten eh die meisten im Homeoffice. Ein Bekannter, der Herrn König zum Geburtstag gratulieren wollte, trat durch die unverschlossene Haustüre und fand seinen ehemaligen Schulfreund friedlich im Gästebett liegend. Um ihn herum lagen viele verschiedene Karten ausgebreitet, einige besonders grosse Exemplare hatte er sogar als Decke benutzt.

    Wecken liess sich Herr König nicht mehr. Er hatte beschlossen, fortan in seiner inneren Kartenwelt weiterzuleben. Es geht ihm dort prima, wie ich gehört habe. Es heisst, er steht einmal pro Jahr auf, um Darm und Blase zu entleeren. Vielleicht ist das aber auch nur dummes Gerede.

  • Sockentage

    Heute ist eindeutig ein Sockentag. Emilie beobachtet das Prasseln der Regens auf dem Gehsteig vor ihrer kleinen Souterrainwohnung. Sobald ein Tropfen den nassen Teer berührt, bildet sich für den Bruchteil einer Sekunde eine helle Delle, die sofort wieder verschwindet. So als hätte es sie nie gegeben.

    Emilie seufzt und lehnt den Kopf zurück. Dann winkelt sie die Beine auf ihrem Schreibtischstuhl an und massiert ihre Zehen in den bunt geringelten Socken. Es sind ihre Lieblingssocken. Trotzdem findet sie es schade, sie heute angezogen zu haben. Im Sommer sollten Sockentage verboten sein.

    Das fand Emilie schon als Kind. Am liebsten war sie in der warmen Jahreszeit barfuss unterwegs. Socken zog sie nur an, wenn ihre Mutter es verlangte. Inzwischen macht sie es freiwillig, sie hasst kalte Füsse. So was sollte es im Sommer einfach nicht geben.

    Emilie beugt sich wieder über ihr Buch. Sie muss noch 51 Seiten lesen und dann eine Zusammenfassung für ihr Englischseminar schreiben. Wenn die Geschichte wenigstens spannend wäre.

    Ein Paar Stöckelschuhe, das sich körperlos an ihrem Fenster vorbeibewegt, lässt sie aufsehen. Sie betrachtet fasziniert die roten Schuhe, an deren Spitze zwei rot lackierte Zehennägel hervorblitzen. Voll Neunziger, denkt Emilie noch, dann bleiben die Schuhe unerwartet vor ihrem Fenster stehen. Emilie sieht Wassertropfen von dem roten Plastik abperlen, denkt darüber nach, ob die Frau vom schlechten Wetter überrascht worden ist und nun überlegt, ob sie den Bus nehmen oder sich irgendwo unterstellen soll. Dann verdunkelt sich Emilies Welt und ein Männergesicht mit groben Bartstoppeln erscheint direkt vor der Fensterscheibe. Wasser läuft in feinen Rinnsalen über das grob gehauene Gesicht, die dunklen, langen Haare kleben unvorteilhaft am Kopf.

    Emilie zuckt zusammen und weicht zurück. Als die Person jedoch in die Hocke geht und sie sie als Ganzes sieht, sammelt sie sich. Der Mann klopft vorsichtig mit den Fingerknöcheln an die Fensterscheibe. Emilie versucht ihm mit Gesten klar zu machen, dass sie an die Eingangstüre kommen wird.

    Wenige Sekunden später steht ein tropfender, mittelalter Mann im Flur des Mietshauses, in dem Emilie seit Beginn ihres Studiums letzten Sommer wohnt. Seine Lippen glänzen im gleichen Farbton wie die Stöckelschuhe, wirken nun im schummrigen Gang aber fahl. Ein strenger Geruch nach nassen und nicht richtig getrockneten Handtüchern umgibt ihn.

    Noch während Emilie überlegt, wie sie den Mann wieder loswerden kann, stützt sich dieser an der Wand ab und lächelt verlegen. „Ich wollte schon länger bei dir klingeln, hab mich bisher aber nicht getraut.“ Der Mann blickt beschämt zu Boden. Dann strafft er unvermittelt seine breiten Schulten in dem dünnen, regenfleckigen Trenchcoat und streckt Emilie die Hand hin. „Ich heisse Fabienne“.

    Irritiert schaut Emilie die Hand an, greift dann aber danach. „Emilie“, sagt sie leise und legt abwartend den Kopf schief.

    „Ich weiss“, antwortet Fabienne mit einem Lächeln. Emilies Gedanken galoppieren wie Rennpferde durch ihr Gehirn. Ist der Mann, oder besser, die Frau gefährlich? Ein Stalker? Verwirrt? Sie betrachtet seine klobrillengrossen Hände und tritt unwillkürlich einen Schritt zurück. Ihre Wohnungstür steht ein Stück offen. Sie tritt einen weiteren Schritt zurück.

    Fabienne mustert sie. „Du musst keine Angst vor mir haben. Wir kennen uns noch nicht, haben aber viel gemeinsam.“ Sie bückt sich und schlüpft stöhnend aus ihren Stöckelschuhen. Ihre Zehen haben rote Abdrücke, eine ihrer Fersen ist verfärbt. „Ich liebe diese Schuhe, aber sie sind Gift für meine Halluxe. Am schönsten ist es eh mit nackten Füssen.“ Fabienne zwinkert Emilie zu.

    Emilie starrt Fabienne an, die nun barfuss auf dem abgetretenen Spannteppich steht und mit den Zehen wackelt. Sie hat an beiden Füssen einen übergrossen Zehenballen, die grossen Zehen zeigen nach aussen. Sie blickt auf ihre Ringelsocken, die ebenfalls unschöne Wölbungen aufgrund der Zehenfehlstellung aufweisen. Dann schaut sie Fabienne prüfend ins Gesicht.

    „Du bist…“, fängt sie stammelnd an. Fabienne unterbricht sie mit einer Handbewegung. „Ja, dein Halbbruder oder -schwester, was dir lieber ist.“ Sie blickt an Emilie vorbei zur Wohnung. „Können wir reingehen? Ich würde mich gerne abtrocknen. Und hättest du ein Paar Socken für mich? Ich hasse kalte Füsse.“ Noch während sie spricht, zieht Fabienne die Wohnungstür ganz auf und ist im Inneren verschwunden.

    Emilie bleibt eine gefühlte Ewigkeit im Flur stehen, bis sie die Puzzleteile in ihrem Kopf grob sortiert hat. Dann dreht sie sich wie ein Roboter um und betritt ihre Wohnung. „Mensch, Harry, ich hatte doch keine Ahnung!“, dringt ihre leiser werdende Stimme hinaus in den Flur. Dann fällt die Tür ins Schloss und im menschenleeren, schummrigen Gang ist nur noch das leise Prasseln der Regentropfen zu hören.

  • Das Jubiläum

    Er kennt hier jeden Grashalm. Weiss, wo der Türkenbund im Juli blüht und wo er weiter oben büschelweise Edelraute findet. Seine Mutter hat die samtigen gelben Blüten mit ihm als Kind gesammelt und bitteren Schnaps daraus gebrannt. Sie verkaufte den Génépi immer samstags im Dorf. Ihr Stand war eingeklemmt zwischen dem von Familie Brand, die im Verdacht stand, ihre Käselaibe auf der Alp nur unzureichend zu pflegen und dem von Meieli. Wie sie mit Nachnamen hiess, weiss er nicht mehr. Sie verkaufte Klöppelwaren und schien ihm als Kind alterslos, wie eine Schaufensterpuppe. Weisse Deckchen mit filigranen Mustern breitete sie jede Woche sorgfältig auf ihrem wackeligen Holztisch aus. Sie sprach nicht, sass stets tief gebeugt über ihre Stickarbeit und bewegte die Hände in Lichtgeschwindigkeit. Nur das helle Klackern der Holzklöppel war zu hören.

    Heute undenkbar, überlegt er, und betrachtet im Vorbeigehen den grossen Felsblock, der im Jahr 1969 vom Grat heruntergepoltert und unterhalb des Wanderweges liegen geblieben war. Moos wächst auf seiner Wetterseite, der Kalk ist verwittert und splittrig. Heute dürfte seine Mutter keinen Génépi mehr verkaufen. Die Edelraute ist im Kanton Bern geschützt. Vieles hat sich verändert, seit er ein Bub war. Nur der Weg auf seinen Hausberg scheint ihm gleich geblieben zu sein. Obwohl, denkt er, während er konzentriert ein steiles, ausgewaschenes Bachbett traversiert, nein. Das stimmt nicht ganz. Der Berg hat sich verändert, nimmt immer wieder neue Gestalt an. Starke Regenfälle haben tiefe Rinnen in die Hänge gegraben. Die Ärlen, sie strecken ihre Äste nun viel weiter oben in den Himmel als früher. Legföhren erschweren den Alptieren das Grasen.

    Für ihn ist die Besteigung immer wieder etwas Besonderes. Er freut sich auf den ersten Abschnitt im nach Harz duftenden Wald, den Teppich aus federnden Fichtennadeln. Dann darauf, erstmals hinunter ins Tal zu blicken, einen Schluck Wasser aus dem glucksenden, versteckten Bach zu nehmen. In letzter Zeit setzt er sich gerne für eine Verschnaufspause auf die Bank, die er früher nicht beachtet hat. Sobald er das offene Alpgelände erreicht hat, hält er nach Ivan, dem Älpler, Ausschau und hofft auf einen Schwatz. Für ein gutes Stück Käse hat er immer Platz im Rucksack. Zum Schluss wird es felsiger, der Pfad verliert sich, Steinmännchen weisen den Weg hinauf zum windschiefen Gipfelkreuz. Er schnauft, wischt sich den Schweiss von der Stirn, sein Herz hämmert. Dann endlich ist er da, sein Puls beruhigt sich. Er geht zum Kreuz, küsst das splittrige Holz und lehnt seine salzverkrustete Stirn dagegen. Für den Eintrag ins Gipfelbuch holt er seinen lila Filzstift aus dem Rucksack. Damit unterscheiden sich seine Einträge von all jenen, die den Kugelschreiber benutzen, der mit einem Bindfaden am Buch befestigt ist.

    Für den heutigen Eintrag lässt er sich Zeit. Schliesslich ist es ein besonderer. Ein Jubiläum. Er löst die Kappe vom Stift und lässt ihn einen kurzen Moment über den von Feuchtigkeit gewellten Seiten schweben. Er spürt den leichten Wind, der sein Wandershirt zum Flattern bringt, die brennenden Fusssohlen in den verschwitzten Socken, den harten Fels unter seinem Gesäss. Er prüft noch einmal den Sonnenstand. Er hat genügend Zeit. Dann färbt die Spitze des Stiftes die Fasern und er zeichnet schwungvoll eine Eins und zwei Nullen auf das gräuliche Papier. Er beginnt zu strahlen, ein Glucksen dringt aus seiner Kehle, das zu einem lauten Lachen wird. Er hat es geschafft. Er wusste immer, dass er es schaffen würde. Auch wenn ihm das als Asthmatiker keiner zugetraut hat. Mutters ängstlich hervorgestossene Dauerwarnung „Nein, Paul, das ist viel zu anstrengend für dich“, hat er auch Jahre nach ihrem Tod im Ohr.

    Siehst du, Mutter, ich kann es doch, sagt er halblaut und lehnt sich ans Gipfelkreuz. Er schliesst die Augen und lässt seine Gedanken ziehen wie die Schäfchenwolken am Himmel. Erst als sich der Schatten des Kreuzes weit über den Gipfel legt und der Wind ihn frösteln lässt, schultert er seinen Rucksack und macht sich langsam auf den Rückweg. Vor der Dunkelheit hat er keine Angst. Er kennt hier jeden Grashalm.

  • Über Kuhgitter

    Was, du weisst nicht, was ein Kuhgitter ist? Das sind dicke Metallstäbe oder auch -rohre, die auf Bodenhöhe über einer Art Schacht angebracht sind. Durch ihre Form und die Aussparung von fünf bis zehn Zentimeter zwischen den einzelnen Stäben stellen sie für Kühe und andere grosse Tiere ein Hindernis dar. Diese finden keinen Halt, rutschen ab und treten kurzerhand den Rückzug an. Sie werden oft auf Strassen und als Abgrenzung zu Weiden eingesetzt.

    Für Fahrzeuge sind die Gitter problemlos passierbar. Wer schon mal über eines gefahren ist, weiss, was für ein lustig-lautes Geräusch die Autoreifen auf dem Gitter machen. Okay, mit dem Fahrrad würde ich ein wenig aufpassen, vor allem bei Nässe.

    Auch Menschen können sie grundsätzlich gefahrlos überqueren – sofern man sich an gewisse Regeln hält. Zum Beispiel immer gegen die Richtung zu laufen, in der die Stäbe liegen. Gerade kleinere Füsse drohen ansonsten in einen der Zwischenräume zu rutschen.

    Ich gehöre zu der verschwindend kleinen Minderheit, der dies mal mit üblen Folgen passiert ist. Auf dem Walberg, einem Ausflugsberg in Oberbayern. Ich war elf Jahre alt und kam wohl mit ziemlichem Karacho, sonst wäre meine Haut auf der Innenseite des Knies nicht aufgeplatzt. Zu allem Überfluss blieb ich dann mit dem Oberschenkel auch noch im Gitter stecken. Ich hatte rund 45 Minuten einen freien Blick auf mein weiches, weisses Fleisch am Knie, das an der aufgeplatzten Stelle hervorquoll, bevor ich mit einer Trennscheibe aus meiner misslichen Lage befreit wurde.

    Seitdem meide ich Kuhgitter wie der Teufel das Weihwasser und mache, sofern möglich, einen grossen Bogen um sie. Ich finde, sie sollten verboten werden. Denn auch für kleinere Tiere stellen sie eine meist tödliche Falle dar.

    Ob ich ein Einzelfall bin oder ob es regelmässig Unfälle im Zusammenhang mit Kuhgittern gibt? Das würde mich interessieren. Gehört habe ich noch nie von anderen ernsthaften Verletzungen.

    Spannend eigentlich, dass ich trotz dieses Unfalls später ein Bergmensch wurde. Am liebsten abseits von Strassen und Weiden, das stimmt. Vermeiden lässt es sich aber nie ganz. Am besten wäre es, Kühe auf dem Berg würden abgeschafft. Aber dann gäbe es keinen Alpkäse mehr. Hmm.

    Dann behalten wir eben die Kuhgitter.

  • Die neuen Nachbarn

    Über Nacht hatte sich zu den Lounge-Möbeln aus Rattan ein grosser Gasgrill gesellt. Die Abstellflächen links und rechts neben der Grillhaube erinnerten an einen Pinguin, der erfolglos mit den Flügeln flattert. Der fabrikneue Chromstahl glänzte in der Morgensonne.

    „Guck mal, die Terrasse wird immer voller.“ Leo öffnete das Fenster, um frische Luft herein zu lassen und gähnte geräuschvoll. Ronja, die sich eben einen Seidenschal, passend zu ihrem beigen Hosenanzug umgelegt hatte, trat neben ihn. Sie klimperte mit den Autoschlüsseln und blickte hinab zur Erdgeschosswohnung gegenüber. Der graue, wetterfeste Tisch mit den sechs farblich passenden Stühlen war an den Rand der 25 Quadratmeter grossen Fläche geschoben worden, damit der Grill und die Loungemöbel Platz hatten. Drei der Stühle berührten nun die Hecke, die den mit Platten ausgelegten Sitzplatz auf drei Seiten umgab und von den Nachbarn abschirmte. Zumindest von jenen, die ebenerdig wohnten.

    „Vielleicht haben Sie die Grösse der Terrasse unterschätzt“, überlegte Ronja, war aber mit ihren Gedanken woanders. Wohl schon im Büro, beim Meeting mit der Geschäftsleitung, mutmasste Leo. Er schloss das Fenster und kratzte sich im Schritt. Ronja war bereits dabei, in ihre Stilettos zu schlüpfen. Oha, heute scheint ein wichtiger Tag zu sein, schloss Leo aus Ronjas Schuhwahl.

    „Viel Spass im Büro“, rief er über die Schulter, während er sich einen Grüntee zubereitete. Dann setzte er sich ans Fenster und genoss schlürfend das bittere Getränk. Und die Tatsache, dass er nirgends hin musste. Nicht mehr, seit er vor zwei Monaten auf die Strasse gestellt worden war. Und das nur, weil er in einem der Särge vor dem Hinablassen ins Grab nach Beweisen gesucht hatte. Er hatte auf sein Gefühl vertraut, dafür musste er sich ja wohl nicht rechtfertigen. Doch kein Problem, er konnte jederzeit etwas Neues finden. Friedhofsgärtner wurden immer gebraucht, da war er sich sicher.

    Ronja fand ihn in der gleichen Position, als sie gegen Abend schwer schnaufend die Wohnung im dritten Stock betrat. Sie stellte die prall gefüllte Einkaufstasche auf den Boden und schlüpfte stöhnend aus ihren hochhakigen Schuhen. Dann liess sie sich aufs Sofa plumpsen.

    „Wie war dein Tag?“, fragte Leo und liess das Fernglas sinken.

    „Frag nicht. Sag mir lieber, was du zum Abendessen kochst“, antwortete Ronja mit kokettem Lächeln und blinzelte Leo vom Sofa aus zu.

    „Ich kann heute nicht kochen. Ich muss hier bleiben“, sagte Leo und hob das Fernglas vor die Augen. „Ich habe bei unseren neuen Nachbarn ein ganz komisches Gefühl. Jetzt haben sie auch noch einen Rasenmäher auf die Terrasse gestellt. Dabei haben sie gar keine Grünfläche!“ Aus Leos Mund drangen feine Spucketröpfchen, die sich im Gegenlicht wie kleine Geschosse Richtung Fensterscheibe bewegten.

    „Ein Rasenmäher? Das ist ja wohl nicht verboten.“ Ronja stand auf und schlurfte Richtung Küche. Sie schenkte sich ein Glas gekühlten Pinot Grigio ein und trat dann ans Fenster.

    „Vielleicht sollten wir rüber gehen und klingeln. Uns vorstellen. Dann wüssten wir, wer dort eingezogen ist. Die Wohnung stand nach dem Tod von Frau Maier viel zu lange her.“

    „Kein Wunder. Die Blutspuren von den Wänden und vom Boden zu entfernen, war wohl nicht ganz einfach“, brummelte Leo und dachte an die merkwürdigen Umstände, unter denen ihre reizende Nachbarin vor zwei Jahren ums Leben gekommen war. Die Polizei tippte auf einen Selbstmord. Leo zweifelte aber stark daran. Die Waffe war nie gefunden worden. Eine echt komische Geschichte.

    Ein lautes Klingeln liess die beiden zusammenzucken. Sie sahen sich einen kurzen Moment ratlos an, bis Ronja mit „Ich geh schon“ barfuss zur Tür eilte. Leo, der ihr langsam folgte, sah über Ronjas Kopf ein Paar mit einem kleinen Hund stehen. Cocker-Spaniel vermutete er und rümpfte die Nase.

    „Das ist Leo, mein Mann“, hörte er Ronja sagen. „Leo, das sind unsere neuen Nachbarn von gegenüber. Sie wohnen dort, wo früher Frau Maier gewohnt hat.“ Ronja schaute Leo erwartungsvoll an. Dieser schloss den Mund und brachte ein gemurmeltes „Hallo“ zustande. Dann schob er die Hände in die Hosentaschen und starrte den Mann und die Frau an. Sie wirkten wie aus dem Ei gepellt, als hätten sie eben geduscht und sich für eine Cocktailparty zurecht gemachten. Die Frau trug eine kompliziert aussehende Hochsteckfrisur, die Leo an ein Vogelnest erinnerte.

    „Nein, wir haben leider keinen Balkon oder einen Garten“, hörte er Ronja soeben sagen. „Aber vielen Dank für das nette Angebot. Ich hör mich mal bei unseren Freunden um, vielleicht kann da jemand einen Rasenmäher oder Loungemöbel gebrauchen.“

    „Herzlich willkommen in der Nachbarschaft“, rief Ronja dem Paar noch nach, als sie die Türe langsam schloss.

    Leo stand noch eine Weile da und starrte das Türblatt an. Die Farbe blätterte am Rand ab. Dann schnaubte er. „Ich glaube, ich war nun genug lange zu Hause. Morgen mache ich mich auf Jobsuche.“ Er kratzte sich erneut im Schritt und ging dann zu Ronja in die Küche. Mal sehen, ob noch Pinot Grigio da war.

  • Über das Küssen

    Der Kuss auf den Mund ist den Liebenden vorbehalten. Meine Kinder, meine Schwester, meine Eltern oder meine beste Freundin würde ich niemals auf den Mund küssen.

    In anderen Kulturkreisen, aber auch in Familien mit ähnlich sozialem Hintergrund beobachte ich jedoch immer wieder, dass das Sich-auf-den-Mund-Küssen zum normalen Abschiedsritual gehört, vor allem zwischen Müttern und Kindern.

    Ich frage mich: Wann hören sie damit auf? Wenn das Kind in die Pubertät kommt und die Eltern abartig findet? Oder hören sie gar nicht damit auf? Schreckliche Vorstellung.

    Auf einer Party beobachtete eine Freundin, wie der Vater seinem elfjährigen Sohn einen Zungenkuss gab. Ist das Pädophilie?

    Wo genau ist die Grenze? Dort, wo man sie selber zieht? Wann wird aus einem harmlosen Küsschen eine übergriffige Handlung?

    Und: Bin ich prüde und verklemmt, weil ich das Mund-zu-Mund-Geküsse innerhalb der Familie nicht mag? Jedesmal zusammenzucke, wenn ich es in der Öffentlichkeit beobachte?

    Gut, ich finde es auch eklig, sich von einem Hund im Gesicht, speziell am Mund, abschlabbern zu lassen (das geht nicht allen so).

    Die Lippen zu spitzen und – meistens leicht feucht – die Haut seiner Mitmenschen an unterschiedlichen Orten laut schmatzend zu berühren, scheint eine instinktive Handlung zu sein, wenn man jemanden liebt. Auch Tiere tun es teilweise; wenn auch meist nur aus dem Grund, anderen Nahrung aus dem Mund zu klauen oder dem Rivalen zu zeigen, wo der Hammer hängt.

    Letztlich hat Küssen also auch ein wenig mit Macht zu tun. Daher ist es umso wichtiger: Wehrt euch gegen die Feuchtitäten! Du willst nicht geküsst werden? Sag es, zeig es, trau dich! Das gilt besonders für Frauen und Kinder.

    Amen.

  • Das Fischbesteck

    Der Zweifel nagte an ihr wie ein Hund an einem glänzenden Knochen.

    Da lag es vor ihr, das zwölfteilige Besteck aus poliertem Silber. Die Esstischlampe zauberte blitzende Stellen auf die eleganten Rundungen. An den Griffen der zierlichen Gabeln und der tortenheberförmigen Messer waren die Buchstaben TL eingraviert. Thea Ludwigsburg, so hatte ihre Mutter geheissen. Sie erinnerte sich noch an den Moment, als ihr die Mutter das Fischbesteck übergeben hatte. Obwohl sie erst Mitte 20 war und wegen ihrer Kinderlähmung selten kochte, wusste sie, dass es hier um mehr als nur ein Besteck ging. Es ging um ein Familienritual, um Tradition. Das Fischbesteck ging jeweils an die älteste Tochter. So wie in anderen Familien die Perlenohrringe der Urgrossmutter. Oder eine spezielle Printenbackform aus Holz, die jedes Jahr im Advent feierlich vom Estrich geholt und aus ihrer gut gepolsterten Schachtel befreit wird.

    Doch sie war sich nach wie vor nicht sicher, ob sie das Besteck wirklich verschenken sollte. Sie war nun knapp 80, es wurde höchste Zeit. Aber sie hatte Zweifel an ihrer Wahl. War ihre Tochter die richtige Person? Diese lebte mit ihrem Partner und dem Stiefkind zusammen. Das Stiefkind würde also, wenn alles so bliebe wie es war, eines Tages das Besteck erhalten. Es hiess Tonia Lehner, wie es der Zufall wollte. Es passte alles.

    Sie hatte ein leibliches Enkelkind, ein einziges. Und es interessierte sich sehr für alles, was glänzte. Es war mit sechs Jahren noch zu jung für das Fischbesteck. Doch später einmal hätte es sicher Freude daran. Vielleicht würde das Geschenk sie auch dem Vater des Mädchens, ihrem Sohn, wieder näher bringen.

    Sie betrachtete das Besteck noch einmal eingehend. Sah die vielen kleinen Kratzer im Metall, die die Jahrzehnte hinterlassen hatten. Erinnerte sich, wie sie als Kind, dessen Füsse noch ein gutes Stück über dem Esstischboden baumelten, vom Vater mit leisen, knappen Worten in die Benutzung eingeführt worden war. Sie hatte sich stets bemüht, ihre Forelle richtig zu teilen. Diese hatte es meist am Sonntag gegeben. „Nur einfache Leute essen Schweinebraten“, hatte ihr Vater jeweils statt eines Tischgebets zu sagen gepflegt.

    Sie legte das Besteck wieder in das schwarze Samttuch, schloss die Holzschatulle und entschied sich, darüber zu schlafen.

    Aus einer Nacht wurde eine Woche, dann ein Monat. Als ihre Tochter besorgt bei der Mutter vorbeiging, um nach dem Rechten zu sehen, stolperte sie im Flur über einen Stapel Post und Werbeblätter, deren Reise auf dieser Seite des Briefkastenschlitzes zu Ende gewesen war. Sie brach sich fast lautlos das Genick. Die Mutter, die mit ausgebreiteten Armen auf dem Esstisch lag, fanden andere. Ihr Kopf war auf eine Holzkiste gebettet, daneben lag ein Zettel, der schwungvoll mit Füllfeder beschriftet war. „Für TL“ stand darauf.

  • Die Nachricht

    Nichts. Die spiegelnde Oberfläche, auf der, je nach Lichteinfall, verschmierte Fingerabdrücke zu sehen waren, blieb dunkel. Marius aktivierte sein Handy sicherheitshalber und schaute in seine Nachrichtenapps. Manchmal gingen neue Mitteilungen ja unter. Man übersah sie, wenn man das Gerät für etwas anderes benutzte. Zum Beispiel im Internet surfen, gamen, chatten. Oder, was selten vorkam, telefonieren.

    Marius legte sein Handy beiseite und widmete sich widerwillig dem Text, den er bis heute Abend fertig stellen musste. „Die Wirkung von Kunst auf den Betrachter“. So ein dämliches Thema konnte sich nur Glaus-Graus ausdenken. Zwei Seiten sollte die Erörterung mindestens umfassen, Schriftgrösse 12 Punkt, Zeilenabstand 1,5. Er hatte erst fünf Sätze. Und bereits alles aufgeschrieben, was er über den Besuch der Pinakothek letzte Woche zu sagen hatte. Er war beim Klassenausflug nach München meist mit den Jungs zusammen gewesen und hatte Tik-Tok-Videos geschaut. Und die übrige Zeit die Mädchen beobachtet. Vor allem sie.

    Er legte seine Finger auf die Tastatur, tippte mit den Kuppen vorsichtig auf die Plastikkästchen, ohne sie ganz zu drücken. Er lauschte dem sanften Trommelwirbel. Dann lehnt er sich in seinen Bürostuhl zurück, die Lehne gab zunächst nach, schubste ihn dann aber wieder zurück in die Ausgangsposition.
    Sie meldete sich nicht. Er kontrollierte rasch zum dritten Mal, wann er die Nachricht an sie verschickt hatte. Gestern Abend, 19.41 Uhr. Sie hatte sie gelesen, das signalisierten ihm die beiden ausgefüllten Kreise mit den Häkchen. Er sah auf die Uhr. Schon nach Mittag.

    Hatte er die Nachricht nicht klar genug formuliert? Oder war er mit seiner Frage zu forsch aufgetreten? Hatte sie einfach vergessen, ihm zu antworten? Ignorierte sie ihn bewusst?
    Dabei hatte sie ihn am Freitag in der grossen Pause angelächelt. Es gab keinen Zweifel. Er hatte sich extra umgedreht, um sicher zu gehen. Und nun das. Hatte er sich getäuscht?

    Marius fuhr sich durch die Haare, bohrte kurz erfolglos in der Nase, rieb mit den Handflächen über seine Jeans. Dann wurde ihm kalt. Was sollte er tun, wenn sie sich einfach nicht meldete? Er müsste ihr aus dem Weg gehen und so tun, als wäre nichts passiert. Alles, nur das nicht. Er würde lieber freiwillig eine Woche auf sein Handy verzichten, als diese Schmach zu ertragen. Nun gut, sagen wir vier Tage. Maximal.

    Eine Stunde später war er davon überzeugt, dass sie ihn absichtlich mied. Ihn total doof fand. Sie ihn am Freitag ausgelacht hatte. Er hatte seinen Kopf auf die Schreibtischplatte gelegt und atmete eine Wolke aus Radiergummikrümeln und Spitzerresten ein.

    Ein sanftes Brummen weckte ihn. Was, schon Morgen? Marius‘ Nacken schmerzte. Er war ja gar nicht im Bett gewesen. Und hatte die Arbeit nicht fertig geschrieben. Glaus-Graus würde ihm den Kopf abreissen!
    Er wischte mit dem Ärmel den Sabberfleck von der Tischplatte und griff nach dem Handy. Ohne Nachzudenken wischte er darüber.
    „Hallo, da ist Lisa“, hörte er von weit weg. Nach einer Pause: „Marius, bist du da?“
    Verwirrt presste er sich das Handy ans Ohr und rieb sich den Schlaf aus den Augen. „Lisa, du bist das“, sagte Marius und lehnt sich zurück. Ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht, breitete sich aus wie eine Supernova im Weltall, erreichte seine Haarspitzen und seine Zehennägel, füllte ihn mit Wärme.
    „Du hast meine Nachricht gelesen.“
    „Ja, klar. Ich kann dir die Fotos der Pinakothek schicken. Sie sind leider ein bisschen unscharf. Wolltest du sonst noch etwas?“
    „Ne, das passt. Danke“, flötete Marius. Nach einem gemurmelten Abschied legte er das Handy in seinen Schoss und blickte verträumt aus dem Fenster. Sie hatte ihn angerufen. Sie. Ihn. Unglaublich. Sie mochte ihn. Er aktivierte seinen Bildschirm und las seine mageren Sätze. Nach kurzem Überlegen klapperten seine Finger auf der Tastatur. Er würde den Text rasch fertig schreiben. Und sich dann ihre Fotos anschauen. Und nett antworten. Ja, genau so würde er es machen.

  • Der Baum

    Als Eva am Sonntag ihre Küche betrat, war etwas anders. Sie liess ihren Blick über den Holztisch schweifen, auf dem noch ein paar Krümel lagen. Sven war schon lange weg, er hatte eine längere Bergtour geplant. Wohin, wusste Eva nicht. Sie bevorzugte Landschaften mit Horizont.
    Sie betrachtete die Anrichte. Eine benutzte Kaffeetasse stand im Spülbecken. Daneben lag ein Messer, an dessen Klinge Butterreste klebten. Die Kaffeemaschine blinkte, Sven hatte sie nicht ausgeschaltet. Oder für sie angelassen. Ihr dauerte das Aufstarten mit dem umständlichen Spülvorgang immer zu lange.
    Eva stellte ihre Lieblingstasse mit dem Fotodruck der blauen Grotte unter den Auslauf der Maschine und liess das Mahlwerk brummen. Kurz darauf spuckte das Gerät schnaufend und röchelnd das braune Gebräu aus, ohne das Evas morgens nicht ansprechbar war.
    Sie blickte aus dem Fenster. Von ihrer Wohnung im 2. Stock konnten sie den gepflegten Garten des angrenzenden Einfamilienhauses sehen. Ein älteres Ehepaar wohnte dort, eine Armee von Gartenzwergen bewachte das kleine Häuschen mit der gelben Türe. Wassertröpfchen glitzerten im Rasen, die Steinplatten waren nass. In der Nacht musste es geregnet haben.
    Das Licht. Etwas stimmte damit nicht. Eva blies in ihren Kaffee, saugte den betörenden Duft ein und nahm vorsichtig schlürfend einen Schluck. Wie eine Maschine, die geölt wird, nahm sie die Einzelheiten nun klarer war. Ja, mit dem Licht war irgendetwas anders. Aber was?
    Sie betrachtete den blauen Himmel, ein wunderschöner Tag kündigte sich an. Sie könnte einen Ausflug in den Park unternehmen. Ihre Freundin Kerstin anrufen. Oder mit dem Fahrrad am Fluss entlang bis zum Nistplatz der Störche fahren. Vielleicht blieb sie aber einfach zu Hause und genoss den freien Tag.
    Eva nahm den letzten Schluck Kaffee. Dann traf es sie wie ein Stromschlag. Der Baum. Er war weg. Wo gestern noch die grosse Blutbuche gestanden hatte, war nun – ja, was? Sie sah keinen Baumstumpf oder ein Loch. Die Thujahecke war zu hoch. Eva stellte sich auf die Zehenspitzen, öffnete schliesslich das Fenster, stieg aufs Fensterbrett und richtete sich vorsichtig auf. Nichts.
    Sie kletterte zurück in die Küche und hielt sich an der Anrichte fest. Die Welt schwankte.
    Eva nahm sich vor, zu frühstücken. Gegen ihre Gewohnheit. Vor dem Mittag ass sie selten.
    An den Rest des Tages erinnerte sie sich später nur noch vage. Wie an Traumfetzen, die man nach dem Aufstehen nicht mehr greifen kann. Ganz genau hingegen hat sie noch die Szene vor Augen, wie Sven am späten Nachmittag mit von der Sonne gerötetem Gesicht und verschwitzten Haaren durch die Wohnungstür trat und ächzend den schweren Wanderrucksack abstellte.
    „Was ist mit der Blutbuche passiert?“, fragte Eva nach einer flüchtigen Begrüssung.
    „Wovon redest du?“, erwiderte Sven und holte sein kariertes Taschentuch aus der Wanderhose. Er wischte sich über die Stirn, dann schnäuzte er trompetend.
    „Na der Baum bei den Gartenzwerg-Nachbarn. Der im Herbst sein Laub überall in unseren Gemeinschaftsbeeten verteilt.“ Eva ging zum Küchenfenster und zeigte hinaus.
    Sven runzelte die Stirn und legte Eva seine Hand auf den Rücken. „Komm, wir setzen uns ins Wohnzimmer.“ Dann schob er seine Schwester sanft vom Fenster weg. Später würde er kontrollieren, ob sie ihre Medikamente genommen hatte.
    Eva ging gehorsam zum Sofa. Sie wusste, dass sie Sven nicht zu sehr aufregen durfte. Seit seinem Kletterunfall hatte er Erinnerungslücken. Es gab nun gute und schlechte Tage. Heute war offensichtlich kein guter.

  • Haiku – Erwartungen

    Erwartungen sind
    Fallstricke, der Aufprall hart.
    Ohne wärs trostlos.

  • Die Maus

    Der Schnappbügel hatte die Maus nicht sofort getötet, sondern ihre Vorderbeine und ihre Nase eingeklemmt. Nun lag sie halb auf der Seite und zappelte mit ihren kleinen Füsschen. Blut klebte in den grauen Barthaaren und an den Pfoten. Lars beobachtete das Tier neugierig. Das verzweifelte Fiepen der Maus wurde lauter, als er sich der Mausefalle näherte.
    Graubraun war das Fell der Maus, am Bauch war es heller. Es sah weich aus. Die hübsch geformten Ohren erinnerten den Jungen an die mit Samt ausgepolsterte Schatulle, die seine Schwester in ihrer Geheimschublade aufbewahrte. Nur beschriftete, bunte Zettel lagen darin, voll langweilig. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, alle zu lesen. Weiberkram, hatte er gedacht und den Holzbehälter wieder leise im Nachtkästchen von Lea verstaut.
    Wenn seine jüngere Schwester nun mit ihm hier auf dem Speicher wäre, würde sie sicher anfangen zu kreischen. Oh je, eine Maus. Ui, sieh mal, die lebt ja noch. Du musst etwas tun. Tu etwas, Lars! Er konnte sie förmlich vor sich sehen, die haselnussbraunen Augen aufgerissen, die Wangen gerötet. Gut, dass sie gerade bei ihrer Freundin war, um miteinander Mathe-Hausaufgaben zu machen. Eine Leuchte war Lea nicht. Im Gegensatz zu Lars.
    Knobelaufgaben liebte er. Seine Mutter behauptete immer stolz, er habe ihre Geduld geerbt. Dabei flippte sie in letzter Zeit wegen jeder Kleinigkeit aus. Geduld? Eltern redeten so viel Unsinn.
    Lars ging vor der Maus in die Hocke und beugte sich über sie. Das kleine Tier winselte noch lauter, die zappelnden Beinchen hinterliessen dunkle Striche auf dem staubigen Boden. Ob sie schneller an einem Herzinfarkt stirbt oder an ihrer Verletzung? Lars kratzte sich am nackten Bein und überlegte.
    Ein Speckstück hatte sein Vater in die Falle gelegt. Es glänzte fettig, war ein wenig zur Seite, fast auf den Boden gerutscht, schien aber unberührt. Die Maus hatte wohl gerade den Rückzug angetreten, bevor die Falle zugeschnappt hatte. Schade, dass sein Vater so selten zu Hause war. Er hätte ihm gerne erzählt, dass die Mäusejagd erfolgreich war.
    Ein grummelndes Geräusch übertönte für einen Moment das Fiepen auf dem Dachboden. Es kam aus Lars‘ Bauch. Fürs Abendessen war es noch zu früh. Und Zwischenmahlzeiten gab es nicht mehr bei ihnen, seit seine Mutter ihre Arbeit verloren hatte. Höchstens eine Scheibe Brot.
    Lars nahm das Stück Speck und wischte es an seinem Oberschenkel ab. Es hinterliess eine ölige Spur auf seinen Shorts. Dann steckte er es sich in den Mund und kaute bedächtig darauf herum. Fleisch gab es bei ihnen nur noch selten. Zu teuer, sagte seine Mutter immer, wenn er danach fragte.
    Lars legte den Kopf schief. Das Fiepen war in leises Gewimmer übergegangen. Die Beinchen der Maus strampelten nur noch ganz wenig. Er zog den Bügel der Falle dort, wo kein Blut klebte, vorsichtig hoch. Dann liess er die Maus auf den Boden gleiten.
    Er hob das Tier, das mit den gesunden Beinen von ihm wegzukriechen versuchte, am Schwanz hoch. Der Junge beobachtete, wie sie sich hin und her drehte und nach Halt suchte. Mal sehen, was er mit der Maus anfangen würde. Vielleicht Lea ins Bett legen? Oder in ihre Schatulle?
    Die Speichertüre fiel klickend ins Schloss und der aufgewirbelte Staub sank langsam wieder zu Boden, wo er auf dem Fettfleck in der Mitte der Falle kleben blieb.

  • Der Besuch

    Zwei Jungen gingen mit ihrer Grossmutter eine Strasse entlang. Genau genommen ging nur die grauhaarige Frau, die Kinder tanzten und sprangen um sie herum, drehten sich, hüpften und jagten einander auf dem Gehweg, der an Einfamilienhäusern mit Gartenzwergen und akkurat gestutzten Hecken entlang führte.
    Der grösser und der kleinere Junge waren von Kopf bis Fuss identisch gekleidet. Auf ihren Caps die gleichen Schriftzüge, die gleichen Streifen auf den weissen Turnschuhen.

    „Tim“, rief die Grossmutter und beide Jungen blickten sie an. „Wir müssen hier abbiegen.“ Die ältere Frau mit der schwarzen Sonnenbrille deutete auf eine kleine Quartierstrasse, die am Waldrand entlang führte. Die Jungs liefen in das Strässchen mit dem Sackgassen-Schild und waren schon bald hinter der nächsten Biegung verschwunden.

    Am Ende der Strasse warteten sie auf die Grossmutter. „Und jetzt?“, fragten sie und blickten sich um. Nichts als Garagenzufahrten, hohe Kirschlorbeerhecken und Bretterzäune.

    „Hier gehts lang“, sagte die Grossmutter und deutete auf ein unscheinbares, schmiedeeisernes Tor, das von Efeu überwachsen war. Beim Öffnen zerschnitt ein unangenehmes Quietschen die Stille.

    Die beiden Jungen blieben dicht bei der älteren Frau, der Jüngere griff nach ihrer Hand. Sie gingen durch einen verwachsenen Garten. Hohe, knorrige Obstbäume schoben sich vor die Sonne und streckten ihre Äste wie Finger nach den Besuchern aus.

    Immer tiefer führte der Weg aus Steinplatten in den Garten hinein. Lianen spannten sich zwischen den Baumkronen und verschluckten das Licht. Auf dem Boden erspähte der Jüngere grün schimmernde Käfer in der Grösse von Tischtennisbällen, die raschelnd im Laub verschwanden, sobald er sich näherte. Aus der Ferne war das Kreischen und Schreien von Vögeln zu hören.

    „Ist es noch weit?“, fragte der ältere der beiden Jungen und blickte in das Dickicht, das sich rund um sie ausbreitete. „Ich habe Durst“, quengelte der Jüngere und strich sich über die schweissnasse Stirn. Seinen Pullover hatte er um die Hüfte gebunden.

    „Wir sind da“, flüsterte die Grossmutter und blieb vor einer grossen Türe aus Holz stehen. Sie hatte keine Türklinke. Die Frau klopfte dreimal lang, dann dreimal kurz. Die Türe schwang wie von Geisterhand auf.

    „Willkommen im Paradies“, erklang eine Stimme aus dem gleissenden Licht, als sie eintraten.

    „Wir besuchen Hans Graber. Wir bleiben nicht lange“, sagte die Grossmutter und ging auf die weisse Theke zu, hinter der eine fast durchsichtige Frau stand.

    „Schön. In diesem Fall bitte ich euch, dieses Formular hier auszufüllen. Und diese hier ebenfalls.“ Die Frau mit den Haaren wie gekochte Glasnudeln schob ihnen mehrere verschiedenfarbige Papiere zu. Dann bückte sie sich, kramte unter der Theke und tauchte mit Besucherausweisen wieder auf. „Bitte sichtbar tragen und pünktlich abgeben.“ Die Frau blickte auf ihre transparente Armbanduhr, deren Zeiger golden leuchteten. „Ich bin jetzt in der Mittagspause.“ Sie löschte das Licht oberhalb der Theke und verschwand im Gang auf der rechten Seite. Ihr bodenlanges, weisses Kleid schien über den hellen Fliesen zu schweben.

    „Hier gehts zu Opa“, sagte die Grossmutter und deutete auf den linken Gang. „Wir beeilen uns besser.“ Sie nahm die beiden Jungen an der Hand und verschwand mit ihnen im hellen Licht.

  • Der Wunsch

    Eine gute Fee kam einmal zufällig an der Erde vorbei. Da sie gerade sehr gute Laune hatte – so wie immer, wenn sie auf Reisen war – , sagte sie zu den Menschen: „Ihr habt einen Wunsch frei. Was möchtet ihr?“

    Die Menschen überlegten kurz und begannen dann, wild durcheinanderzurufen. „Wir wollen keine Kriege mehr auf der Erde!“, sagten einige. Andere schrien: „Genug Essen und sauberes Wasser für alle!“ Wieder andere: „Der Klimawandel soll aufhören!“ Ein paar kleinere Menschen johlten: „5G für alle!“

    Die Fee kratzte sich am Kopf und schwieg. Da sie ihr Reiseziel pünktlich erreichen wollte, meinte sie schliesslich: „Ich komme auf dem Rückweg wieder hier vorbei. Einigt euch bis dahin auf einen Wunsch.“ Dann nahm sie ihren Reisekoffer in die Hand, breitete ihre zarten Flügelchen aus und bog hinter den Ringen des Saturns scharf nach links ab.

    Kaum war sie verschwunden, ging auf der Erde das Geschrei wieder los. Neue Menschen kamen mit neuen Wünschen hinzu. „Gleichberechtigung“, forderten sie, „Mehr Rechte für Tiere“, „Nie mehr Pandemie“, „Keine soziale Ungleichheit mehr“, „Die Antwort auf alle Fragen“ und „Abschaffung der Geburtenkontrolle“. Es bildeten sich in kürzester Zeit verschiedene Interessensgruppen, die um Mitglieder warben. Zur Arbeit ging niemand mehr, die Ernte vertrocknete auf den Feldern, Schulen waren verwaist, die Bewohner der Krankenhäuser und Altenheime diskutierten rege, während sie sich Tee kochten.

    Eine Woche später war es dann soweit: Die Fee kam auf ihrem Heimweg wie versprochen wieder an der Erde vorbei. Sie war gespannt, aber auch ein wenig besorgt, was sie dort erwarten würde.

    Was sie sah, verschlug ihr die Sprache. Die Menschen waren noch zerstrittener als vorher. Sie drängelten um die besten Plätze, manchen benutzten ihre Transparente und Pappschilder als Waffe.

    „Und, habt ihr euren Wunsch gewählt?“, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

    „Ja“, sagte ein vorwitziges Bürschchen und trat hervor. „Wir wollen mehr Wünsche. Für jeden Mensch einen. Oder sagen wir zwei. Das macht also 16 Milliarden Wünsche.“

    „Das übersteigt meine Fähigkeiten“, stammelte die Fee und bereute ihren unüberlegten Halt bei der Erde zutiefst. Sie murmelte eine Entschuldigung und suchte das Weite, was sonst nicht ihre Art war.

    Die Menschen ballten die Fäuste und murrten. Sie fühlten sich betrogen. Dann gingen sie nach Hause, ihre Plakate warfen sie auf den Boden. Manche trampelten noch ein wenig auf den gegnerischen herum.

    Die Fee machte bei ihren Reisen künftig einen grossen Bogen um die Erde. Sie wollte sich ihre gute Laune nicht verderben.

  • Überlebenskampf

    Der Wind weht um meine kalten Spitzen, die ich nach wie vor unerschrocken in den Himmel strecke. Doch sie werden kleiner, Tag für Tag. Entsetzt habe ich festgestellt, dass die Kraft der Märzsonne an meinem Volumen saugt. Von meiner ursprünglichen Schneemasse ist nur noch ein kläglicher Rest geblieben. Mein strahlendes Weiss hat einen grauen Schleier erhalten. Wie eine Braut, die zu Grabe getragen wird.

    Die Leute gehen an mir vorbei, wenn sie ihr Altglas und ihre Dosen an der Sammelstelle entsorgen. Die wenigsten schenken mir einen Blick. Manchmal trampeln Kinder auf mir herum, davon bekomme ich Kopfschmerzen. Wenn mich die Sonnenstrahlen berühren, weine ich bittere Tränen, die sich zu einem kleinen Bach vereinigen und sich ihren Weg Richtung Gully bahnen.

    Sobald das Klirren der Weinflaschen und das dumpfe Klappern der Bierdosen verstummt, finde ich endlich zur Ruhe. Während der Dunkelheit schöpfe ich neue Kraft. Die Eiskristalle auf meiner Oberfläche gefrieren. Sehnsüchtig blicke ich in den Himmel und halte nach Wolken Ausschau, die mir Unterstützung schicken. Doch meine Hoffnung zerplatzt schon am nächsten Tag wie eine Seifenblase im Wind. Die Sonne scheint wieder unerbittlich auf mich herab und lässt mich verzweifelte Tränen vergiessen.

    Hat denn niemand Mitleid mit mir? Meine Stimme wird immer leiser, geht unter im zersplitterten Glas, das die hungrigen Mäuler der Sammelbehälter füllt. Bald wird sie ganz verstummen. Nur ein paar Steine werden mein Grab markieren, an dem Ort, an dem ich während mehreren Wochen gelebt habe.

    Doch ich weiss: Ich komme wieder. Irgendwann wird die Sonne wieder an Kraft verlieren und es kaum über die Berge am Horizont schaffen. Dann schlägt meine Stunde. Vielleicht suche ich mir im nächsten Jahr einen andere Ort aus. Einen ruhigeren.

    Bis baaaaaaaaa….

  • Die Abkürzung

    Irene Jungmann war sich sicher: Es ging noch schneller. Sie blickte keuchend auf ihre Sportuhr, wischte sich mit dem Handrücken über die schweissnasse Stirn. 1 Stunde und 10 Minuten hatte sie für ihren Lauf gebraucht. Nur zwei Minuten schneller als letztes Mal. Sie verzog den Mund.
    Jede Woche, immer am Sonntagvormittag, schlüpfte Irene Jungmann in ihre Nike-Laufschuhe und rannte den Wanderweg hoch in das Nachbardorf, das sich über dem Talboden an den Berg schmiegte. Der Pfad war gut, an manchen Orten schraubte er sich in steilen Serpentinen nach oben. Zwei Mal verlief der Wanderweg auf der flachen Strasse, zum grossen Missfallen der Läuferin. Sie hatte bereits mehrmals die Karte studiert, ob man diese zeitraubenden Passagen umgehen könnte.
    Beim lockeren Hinabtraben (der Rückweg zählte nicht zur Joggingrunde, sondern war für Irene Jungmann nur Mittel zum Zweck, nämlich, nach Hause und unter die Dusche zu kommen) suchte sie in der Umgebung nach möglichen, kaum sichtbaren Trittspuren im Wald, die ihr die Möglichkeit einer Abkürzung böten.
    Mehrmals verliess sie beim Hochlaufen den bekannten Weg und tauchte ins Unterholz ab. Wenn sich ein Weg als Sackgasse erwies, drehte sie jedoch nicht um, sondern rannte unerschrocken weiter, benutzte ihre Hände, um sich an Zweigen und Wurzeln festzuhalten und arbeitete sich verbissen im steilen Wald nach oben.
    Im Laufe der Zeit schuf sie auf diese Weise Pfade, die sich immer tiefer ins Erdreich eingruben. Sobald Irene Jungmann aus dem Wald auftauchte und beim Brunnen des Nachbardorfes angekommen auf die Stoppfunktion ihrer Uhr drückte, waren ihre Haare zerzaust, Zweige und Blätter steckten darin, die Erde an ihren Händen trocknete bereits.
    Viele Jahre ging dies so. Manche Bewohner des Bergdorfes, das Irene Jungmann als Ziel ihrer Läufe auserkoren hatte, nahmen das sonntagvormittägliche Schauspiel, das die ehrgeizige Sportlerin ihnen bot, schmunzelnd, später dann spöttisch zur Kenntnis. An manchen Tagen ähnelte sie mehr einem Tier als einem Menschen, wenn sie schlammverkrustet den Wald verliess und sich nach Beendigung ihres Laufs flüchtig am Dorfbrunnen wusch.
    Eines Sonntags tauchte sie nicht mehr im Nachbardorf auf. Die Suche nach ihr entlang der Schneisen, die sie in den Wald gegraben hatte, verlief erfolglos. Manche behaupteten, sie hätte die Strecke zuletzt unter 30 Minuten geschafft. Trotzdem sei sie weiterhin auf der Suche nach einer Abkürzung gewesen. Wahrscheinlich hat sie sie gefunden.

  • Schluss machen

    Als sie die Tür öffnete, stand die Unruhe vor ihr und begrüsste sie wie eine alte Freundin. Sandra zögerte. Am liebsten hätte sie die Tür wieder zugeworfen. Sie der Unruhe mitten ins Gesicht geknallt. Ha!
    Stattdessen trat sie einen Schritt auf die Unruhe zu, legte den Kopf schief und fragte: „Was willst du denn schon wieder hier?“

    Die Unruhe war sichtlich beleidigt. „Nennst du das eine anständige Begrüssung?“ Sie versuchte, Sandra in ihre Arme zu ziehen. Diese wehrte sich und trat zurück.
    „Hey, wir sind alte Vertraute. Hab dich doch nicht so!“, meckerte die Unruhe.

    Sandra verschränkte die Arme. „Ja, wir haben viel miteinander erlebt. Doch seither ist eine Menge passiert. Ich habe mich verändert.“

    Die Unruhe sah sie zunächst verärgert, dann besorgt an. „Was soll das heissen? Magst du mich etwa nicht mehr?“ Sie setzte ihren Hundeblick auf und schob die Unterlippe vor.

    Oh nein, gleich fängt sie an zu weinen, dachte Sandra. Sie wippte auf den Zehenballen, kaute auf ihrer Lippe und sagte dann. „Ich brauche einfach mal eine Auszeit. Abstand. Das heisst nicht, dass ich dich nicht mehr gern habe“, beeilte sie sich, hinzuzufügen.

    Der Unterkiefer der Unruhe fing an zu zittern. „Du machst Schluss mit mir!“ Tränen liefen wie kleine Bäche über ihre rosigen Wangen. Dann wurde sie wütend. „Das darfst du nicht! Ich erlaube es nicht!“ Sie packte Sandra am Handgelenk.

    Sandra biss ohne zu zögern in die Faust, die sie umklammert hielt. Ihre Zähne drangen in das weiche Fleisch, bis sie auf Widerstand stiessen.

    Die Unruhe schrie und zog ihre Hand zurück, in der Sandras Zahnabdrücke zu sehen waren. Das Blut rann über ihr Handgelenk und troff auf die Matte vor der Haustür.

    „Spinnst du!“ Ungläubig starrte sie auf ihre Verletzung. „Du kannst doch nicht einfach wie ein Rottweiler zubeissen! Das lasse ich mir nicht gefallen!“ Die Unruhe raffte ihren Umhang und suchte leise wimmernd das Weite.

    Sandra spuckte neben den Briefkasten und klopfte sich die Hände an der Hose ab. „Ich mir auch nicht“, sagte sie, während sie gegen die Klappe des Metallkastens drückte, um nachzusehen, ob Post gekommen war.

    Keine Post. Auch gut. Pfeifend schloss sie die Tür und verschwand im Haus.

  • Schwiegermütter – ein Essay

    Warum gibt es zwischen Schwiegertöchtern und Schwiegermüttern immer wieder Konflikte? Warum nicht zwischen Schwiegersöhnen und Schwiegervätern? Diese lassen es ganz einfach gar nicht erst so weit kommen – sie trinken ein paar Bier miteinander, bauen gemeinsam den Hasenstall für die Enkeltochter und aus die Maus.

    Bei Schwiegermüttern und -töchtern geht es um mehr: Um den Platz innerhalb der Familie. Wie im Tierreich wird dann gekämpft – wobei sich bei Wildtieren wie Steinbock, Hirsch und Reh nur die Männchen Rangkämpfe liefern. Die Weibchen, um deren Gunst  hier gestritten wird, sehen wiederkäuend von einem bequemen Platz aus zu und denken sich ihren Teil.

    Gebissen, getreten und gekratzt hingegen wird interessanterweise vor allem bei weiblichen Nutz- und Haustieren. Mastsauen und Hennen, aber auch Meerschweinchen, sind besonders brutal, wenn es darum geht, ihren Platz im Stall zu verteidigen.

    Was sagt uns das? Dass Frauen bis aufs Blut böse, rachsüchtig und gemein sein können?
    Eine gewagte Theorie. Fest steht: Konflikte zwischen Schwiegertöchtern und -müttern sind schnell hochemotional. Es geht hier nicht nur um den Platz, also die Wichtigkeit innerhalb der Familie, sondern gleichzeitig auch um die Furcht vor dem Verlust von Liebe und Anerkennung. Nicht umsonst beginnen die meisten innerfamiliären Unruhezustände mit der Hochzeit des Sohnemannes oder spätestens bei der Geburt des ersten Enkelkindes.

    Ich stelle mir vor, dass es sich für Schwiegermütter so anfühlt, als würden sie ihr Kind an eine andere Frau verlieren. Als wären sie nun nicht mehr die Nummer eins.

    Doch: Ein Kind erziehen heisst aus meiner Sicht ständig loszulassen; dieses als Baby zunächst in fremde Betreuung, dann in Kindergarten und Schule, später an Freunde, Vereine etc. zu übergeben. Und irgendwann an eine Partnerin oder einen Partner. Punkt. Nicht einfach, aber das gehört dazu. Alles andere wäre ungerecht.

    Ein weiterer Streitpunkt sind oft Erziehungsfragen. Doch dass das Kind beim Grosi andere Sachen darf als zu Hause, finde ich in Ordnung. Schwamm drüber. Sofern dies andersherum auch gilt, natürlich.

    Schwierig wird es dann, wenn der Partner gegenüber den eigenen Eltern keine Position bezieht. Denn dies hilft ungemein, wenn der Haussegen beim weiblichen Teil der Familie schief hängt. Offenbar ist es für manche Söhne schwierig, den Eltern Widerworte zu geben respektive sie in ihre Schranken zu verweisen.

    Letztlich geht es darum, das grosse Ganze zu sehen: Was wünsche ich mir für mich und meine Familie? Welche Beziehung möchte ich zu den Grosseltern? Um welchen Preis? Wo kann ich Kompromisse schliessen und wo nicht?

    Wichtig ist, bei sich selbst zu bleiben. Auch wenn andere es so oder ganz anders machen und in Fritz & Fränzi steht, welche Fehler und Fettnäpfchen man als Schwiegertochter unbedingt vermeiden sollte.

    Bleibt zu hoffen, dass ich eine passable Schwiegermutter abgebe, sofern ich in den Genuss komme – bei drei Töchtern bin ich, statistisch gesehen, schon mal fein raus 🙂

  • Der Nebel

    Einem grauen Kokon gleich schmiegte sich die Nebelwolke über das Dorf. Aus der Ferne wirkte sie wie ein grauer Ball, dem langsam die Luft ausging. Das Innere war dunkelgrau, an den Rändern wurde die Wolke heller. Der blaue Himmel zeichnete sich scharf darüber ab.

    Anita sah die graue Kugel über ihrem Wohnort schon von weitem. Sie stutzte, folgte aber wie ferngesteuert weiter der Strasse über kleine Hügel und durch Felder. Sie war noch etwa 500 Meter von der Nebelwand entfernt, als sie, einer inneren Stimme folgend, ihr Auto am Strassenrand vor dem Ortsschild ausrollen liess.

    Sie drehte den Zündschlüssel, sass dann bewegungslos im Auto und hörte dem leisen Klackern des Motors zu, der langsam abkühlte.

    Sollte sie in die kugelförmige Nebelwolke hineinfahren? Es handelte sich doch nur um feine Wassertröpfchen, versuchte sie sich zu beruhigen. Nebel war in dieser Jahreszeit nicht unüblich, wenn in ihrem Dorf auch selten. Und dann bildete er sich eher über dem Bach, der sich linkerhand um die Häuser schlängelte.

    Sie kramte in ihrer Handtasche auf dem Beifahrersitz und zog ihr Handy heraus. Zu ihrer Verwunderung liess es sich nicht einschalten. Tot. Der Akku ist wohl leer, überlegte Anita. Obwohl sie es heute morgen vor der Arbeit noch aufgeladen hatte. Seltsam.

    Ein Auto fuhr an ihr vorbei, tauchte in den Nebel ein und verschwand.

    Anita stieg aus ihrem roten Fiat, zog fröstelnd die Schultern nach oben und lauschte. Stille. Keine Verkehrsgeräusche, kein Lärm von der Tankstelle mit Waschanlage, die sich eingangs Dorf befand, jetzt aber unsichtbar war.

    Sie schritt zunächst langsam, dann immer schneller auf die graue Wand zu. Kurz nach dem Ortsschild blieb sie stehen. Die Nebelwolke war nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Sie waberte, schlingerte vor ihr auf und ab.

    Anita streckte ihre Hand aus, in Erwartung, feine Tröpfchen auf der Haut zu spüren. Als ihre Fingerspitzen in den Nebel eintauchten, verschwanden sie, so, als wären sie abgeschnitten worden. Anita zuckte zusammen, zog ihre Hand abrupt zurück. Die Haut an den Fingern war gerötet und kribbelte unangenehm.

    Sie stolperte rückwärts, fiel beinahe über einen Grasbüschel und rannte zu ihrem Auto zurück. Panisch verriegelte sie die Türen, sobald sie in ihrem Fahrzeug sass.

    Dann legte sie den Rückwärtsgang ein und drehte um. Gras und Erdklumpen spritzten auf. Im Rückspiegel kontrollierte sie nervös, ob die graue Wand sich ausdehnte und mit ihren feuchten Fingern nach ihr schnappte.

    Als der Nebel sich am nächsten Tag auflöste, waren das Dorf und alle seine Bewohner von der Bildfläche verschwunden. Die Leute wunderten sich und bedauerten es; sie waren gerne zur Tankstelle mit der Waschanlage gefahren.

    Anita kehrte nie wieder dorthin zurück. Ihre Fingerspitzen kribbeln noch heute, wenn sie Nebelbänke sieht.

  • Das Loch

    Und wieder tat sich das Loch im Boden auf. Es wurde grösser und tiefer, je länger man hinein sah. Anna stand am Rand des gähnenden Abgrundes und beobachtete, wie der Parkettboden des Wohnzimmers barst und krachend im dunklen Inneren verschwand.

    Sie genoss es. Umso mehr, weil sie eigentlich genau wusste, wie sie das Loch zum Verschwinden bringen und den Holzboden wieder makellos glänzen lassen könnte. Doch sie hatte genug. Genug vom Zusammenreissen. Vom Nettsein. Sich Anpassen. Ihre Tabletten nahm sie schon seit einigen Tagen nicht mehr. Keiner hatte es gemerkt. Sie zog ihre Mundwinkel nach oben und liess sich fallen. Hinein in den dunklen Strudel, der sie immer tiefer hinab zog.

    Mit einem Ruck wurde Anna wach. Sie lag auf dem Parkettboden im Wohnzimmer. Sonnenstrahlen liessen sie blinzeln. In ihrem Kopf hämmerte es.

    Sie stand mühevoll auf, rieb sich den Hinterkopf, trank ein Glas Wasser und nahm eine Tablette. Nicht die erste heute. Und auch nicht die letzte. Es war ihr gleichgültig. Sie liess sich in ihren Sessel am Fenster fallen und starrte hinaus, ohne etwas zu sehen.

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