Das Fischbesteck

Der Zweifel nagte an ihr wie ein Hund an einem glänzenden Knochen.

Da lag es vor ihr, das zwölfteilige Besteck aus poliertem Silber. Die Esstischlampe zauberte blitzende Stellen auf die eleganten Rundungen. An den Griffen der zierlichen Gabeln und der tortenheberförmigen Messer waren die Buchstaben TL eingraviert. Thea Ludwigsburg, so hatte ihre Mutter geheissen. Sie erinnerte sich noch an den Moment, als ihr die Mutter das Fischbesteck übergeben hatte. Obwohl sie erst Mitte 20 war und wegen ihrer Kinderlähmung selten kochte, wusste sie, dass es hier um mehr als nur ein Besteck ging. Es ging um ein Familienritual, um Tradition. Das Fischbesteck ging jeweils an die älteste Tochter. So wie in anderen Familien die Perlenohrringe der Urgrossmutter. Oder eine spezielle Printenbackform aus Holz, die jedes Jahr im Advent feierlich vom Estrich geholt und aus ihrer gut gepolsterten Schachtel befreit wird.

Doch sie war sich nach wie vor nicht sicher, ob sie das Besteck wirklich verschenken sollte. Sie war nun knapp 80, es wurde höchste Zeit. Aber sie hatte Zweifel an ihrer Wahl. War ihre Tochter die richtige Person? Diese lebte mit ihrem Partner und dem Stiefkind zusammen. Das Stiefkind würde also, wenn alles so bliebe wie es war, eines Tages das Besteck erhalten. Es hiess Tonia Lehner, wie es der Zufall wollte. Es passte alles.

Sie hatte ein leibliches Enkelkind, ein einziges. Und es interessierte sich sehr für alles, was glänzte. Es war mit sechs Jahren noch zu jung für das Fischbesteck. Doch später einmal hätte es sicher Freude daran. Vielleicht würde das Geschenk sie auch dem Vater des Mädchens, ihrem Sohn, wieder näher bringen.

Sie betrachtete das Besteck noch einmal eingehend. Sah die vielen kleinen Kratzer im Metall, die die Jahrzehnte hinterlassen hatten. Erinnerte sich, wie sie als Kind, dessen Füsse noch ein gutes Stück über dem Esstischboden baumelten, vom Vater mit leisen, knappen Worten in die Benutzung eingeführt worden war. Sie hatte sich stets bemüht, ihre Forelle richtig zu teilen. Diese hatte es meist am Sonntag gegeben. „Nur einfache Leute essen Schweinebraten“, hatte ihr Vater jeweils statt eines Tischgebets zu sagen gepflegt.

Sie legte das Besteck wieder in das schwarze Samttuch, schloss die Holzschatulle und entschied sich, darüber zu schlafen.

Aus einer Nacht wurde eine Woche, dann ein Monat. Als ihre Tochter besorgt bei der Mutter vorbeiging, um nach dem Rechten zu sehen, stolperte sie im Flur über einen Stapel Post und Werbeblätter, deren Reise auf dieser Seite des Briefkastenschlitzes zu Ende gewesen war. Sie brach sich fast lautlos das Genick. Die Mutter, die mit ausgebreiteten Armen auf dem Esstisch lag, fanden andere. Ihr Kopf war auf eine Holzkiste gebettet, daneben lag ein Zettel, der schwungvoll mit Füllfeder beschriftet war. „Für TL“ stand darauf.