Das Jubiläum

Er kennt hier jeden Grashalm. Weiss, wo der Türkenbund im Juli blüht und wo er weiter oben büschelweise Edelraute findet. Seine Mutter hat die samtigen gelben Blüten mit ihm als Kind gesammelt und bitteren Schnaps daraus gebrannt. Sie verkaufte den Génépi immer samstags im Dorf. Ihr Stand war eingeklemmt zwischen dem von Familie Brand, die im Verdacht stand, ihre Käselaibe auf der Alp nur unzureichend zu pflegen und dem von Meieli. Wie sie mit Nachnamen hiess, weiss er nicht mehr. Sie verkaufte Klöppelwaren und schien ihm als Kind alterslos, wie eine Schaufensterpuppe. Weisse Deckchen mit filigranen Mustern breitete sie jede Woche sorgfältig auf ihrem wackeligen Holztisch aus. Sie sprach nicht, sass stets tief gebeugt über ihre Stickarbeit und bewegte die Hände in Lichtgeschwindigkeit. Nur das helle Klackern der Holzklöppel war zu hören.

Heute undenkbar, überlegt er, und betrachtet im Vorbeigehen den grossen Felsblock, der im Jahr 1969 vom Grat heruntergepoltert und unterhalb des Wanderweges liegen geblieben war. Moos wächst auf seiner Wetterseite, der Kalk ist verwittert und splittrig. Heute dürfte seine Mutter keinen Génépi mehr verkaufen. Die Edelraute ist im Kanton Bern geschützt. Vieles hat sich verändert, seit er ein Bub war. Nur der Weg auf seinen Hausberg scheint ihm gleich geblieben zu sein. Obwohl, denkt er, während er konzentriert ein steiles, ausgewaschenes Bachbett traversiert, nein. Das stimmt nicht ganz. Der Berg hat sich verändert, nimmt immer wieder neue Gestalt an. Starke Regenfälle haben tiefe Rinnen in die Hänge gegraben. Die Ärlen, sie strecken ihre Äste nun viel weiter oben in den Himmel als früher. Legföhren erschweren den Alptieren das Grasen.

Für ihn ist die Besteigung immer wieder etwas Besonderes. Er freut sich auf den ersten Abschnitt im nach Harz duftenden Wald, den Teppich aus federnden Fichtennadeln. Dann darauf, erstmals hinunter ins Tal zu blicken, einen Schluck Wasser aus dem glucksenden, versteckten Bach zu nehmen. In letzter Zeit setzt er sich gerne für eine Verschnaufspause auf die Bank, die er früher nicht beachtet hat. Sobald er das offene Alpgelände erreicht hat, hält er nach Ivan, dem Älpler, Ausschau und hofft auf einen Schwatz. Für ein gutes Stück Käse hat er immer Platz im Rucksack. Zum Schluss wird es felsiger, der Pfad verliert sich, Steinmännchen weisen den Weg hinauf zum windschiefen Gipfelkreuz. Er schnauft, wischt sich den Schweiss von der Stirn, sein Herz hämmert. Dann endlich ist er da, sein Puls beruhigt sich. Er geht zum Kreuz, küsst das splittrige Holz und lehnt seine salzverkrustete Stirn dagegen. Für den Eintrag ins Gipfelbuch holt er seinen lila Filzstift aus dem Rucksack. Damit unterscheiden sich seine Einträge von all jenen, die den Kugelschreiber benutzen, der mit einem Bindfaden am Buch befestigt ist.

Für den heutigen Eintrag lässt er sich Zeit. Schliesslich ist es ein besonderer. Ein Jubiläum. Er löst die Kappe vom Stift und lässt ihn einen kurzen Moment über den von Feuchtigkeit gewellten Seiten schweben. Er spürt den leichten Wind, der sein Wandershirt zum Flattern bringt, die brennenden Fusssohlen in den verschwitzten Socken, den harten Fels unter seinem Gesäss. Er prüft noch einmal den Sonnenstand. Er hat genügend Zeit. Dann färbt die Spitze des Stiftes die Fasern und er zeichnet schwungvoll eine Eins und zwei Nullen auf das gräuliche Papier. Er beginnt zu strahlen, ein Glucksen dringt aus seiner Kehle, das zu einem lauten Lachen wird. Er hat es geschafft. Er wusste immer, dass er es schaffen würde. Auch wenn ihm das als Asthmatiker keiner zugetraut hat. Mutters ängstlich hervorgestossene Dauerwarnung „Nein, Paul, das ist viel zu anstrengend für dich“, hat er auch Jahre nach ihrem Tod im Ohr.

Siehst du, Mutter, ich kann es doch, sagt er halblaut und lehnt sich ans Gipfelkreuz. Er schliesst die Augen und lässt seine Gedanken ziehen wie die Schäfchenwolken am Himmel. Erst als sich der Schatten des Kreuzes weit über den Gipfel legt und der Wind ihn frösteln lässt, schultert er seinen Rucksack und macht sich langsam auf den Rückweg. Vor der Dunkelheit hat er keine Angst. Er kennt hier jeden Grashalm.