Das Maisfeld

Die geblichen Stängel bohren sich wie Zahnstocher in die staubige Erde. An einigen Stellen sieht man fahle Wurzeln, die sich tintenfischartig über dem Boden winden. Saras Hunderunde führt wie üblich am Maisfeld von Bauer Jens vorbei. Sie hat den Blick auf den überwachsenen Feldweg vor sich gerichtet, die Grashalme sind noch morgenfeucht, die Spitzen ihrer leichten Turnschuhe bereits durchnässt. Sie zögert. Soll sie ihre Hündin Lissi von der Leine lassen? Oder wird sie, wie die letzten Male, ins Maisfeld laufen?

Seit die Pflanzen mannshoch stehen und die dicht gesäten Reihen undurchdringlich wirken, geht Sara nicht mehr gerne diesen Weg. Doch die Alternative wäre ein Gassigang entlang einer viel befahrenen Teerstrasse. Das gefällt weder ihr noch Lissi, die dort vor allem Abgase erschnüffeln kann.

Seufzend beugt sich Sara zu Lissi hinunter und gibt sie mit einem leisen Klicken frei. Lissi spitzt die Ohren, beschleunigt sogleich ihren Gang, dann biegt die Labradorhündin ab. Hinein ins Maisfeld.

Sara schluckt und blickt dem braunen Fellfleck nach, der im Feld verschwindet. An manchen Orten glaubt sie zwischen den Stängeln Eingänge zu entdecken, die wie Tunnel hinein in den Pflanzendschungel führen. Wahrscheinlich eine optische Täuschung, mahnt sie sich und wendet den Blick ab. Lissi ist im Dickicht der Stängel verschwunden. Nur das leichte Rauschen des Windes in den trockenen Blättern ist zu hören. Bald werden sie geerntet. Wenn es nicht regnet, wahrscheinlich noch diese Woche. Alarmiert hält Sara nach einem Mähdrescher Ausschau, doch sie sieht weit und breit keines der Riesenfahrzeuge. Lissi wäre nicht das erste Lebewesen, das bei der Maisernte unter die Räder kommt. Oder eher in die Schneidearme, die die Maschinen kammartig vor sich her schiebt. Sara verdrängt den Gedanken und geht dann langsam weiter.

Bisher ist Lissi immer wieder aufgetaucht, wenn sie sie am Ende des Feldes nach ihr gerufen hat. Warum sollte es heute anders sein? Sie lässt sich Zeit für die holprigen 300 Meter, die noch vor ihr liegen, bevor der Feldweg in eine Teerstrasse übergeht, die zu den Häusern am Dorfrand führt. Die Sonne wirft an diesem Augusttag noch lange Schatten. Lissi blickt auf die Uhr. Schon bald muss sie los ins Krankenhaus, ihre Schicht startet um 8 Uhr. Sie blinzelt und überlegt, mit wem sie heute eingeteilt ist. Hoffentlich nicht mit Maria, dieser Trantüte. Da wechselt sie Bettwäsche und Verbände lieber alleine.

Saras Pfiff auf zwei Fingern zerreisst die Stille. Sie lauscht. Pfeift erneut. Eigentlich ist sie nicht überrascht, dass Lissi nicht kommt. Sie hat damit gerechnet. Irgendwann musste das ja passieren. Sie pfeift erneut, schreit Lissis Namen. Nichts. Dann blickt sie wieder auf die Uhr. Zögernd biegt sie zwei Maispflanzen auseinander, späht in den Stängelwirrwar, der irgendwann zu einer braunen, undurchdringlichen Masse wird. Sie lässt die Pflanzen los, die sich ächzend in ihre Ausgangsposition zurückbewegen und pfeift erneut. Es macht keinen Sinn, nach Lissi zu suchen. Das Feld ist zu gross. Und bisher ist sie ja immer wieder gekommen. Vielleicht hat sie etwas Interessantes erschnuppert oder ein Reh aufgespürt?

Sara macht ein paar Schritte rückwärts, stolpert über eine büschelige Graspflanze und fällt unsanft auf ihren Po. Mit Tränen in den Augen bleibt sie sitzen. Da! War da nicht ein leises Winseln zu hören? Sie lauscht angestrengt. Da ist es wieder! Das ist sicher Lissi. Sie braucht Hilfe!

Sara läuft zielgerichtet hinein in den gelbbraunen Urwald, biegt hektisch Stängel um Stängel zur Seite, wischt Blätter weg und stolpert immer weiter zwischen den Reihen hinein in das Feld. Zwischendurch lauscht sie. Das Winseln wird lauter. Die Richtung stimmt! Sie rennt hektisch weiter, die Pflanzen schneiden ihr in die nackte Haut an den Armen, ihre Turnschuhe sind an den Spitzen vom Staub gefärbt.

Verschwitzt und mit Staub auf den Haaren findet sie schliesslich ihren Hund. Lissi wedelt bei Saras Anblick kurz mit dem Schwanz, dann blickt sie wieder konzentriert auf ein grosses Loch vor ihr im Boden. Mehrere Maisstauden sind umgeknickt, Erdhaufen sind neben der gullydeckelgrossen Vertiefung jedoch keine zu sehen. Sara beugt sich darüber und späht hinein. Das Loch scheint tief zu sein. Sie nimmt einen der herumliegenden Maiskolben und wirft ihn hinein. Wartet. Sie meint, ein Plätschern aus weiter Ferne zu hören. Sara blickt zu Lissi. „Komm, wir gehen.“ Sie steht auf und entfernt sich vom Loch. Lissi jedoch winselt wieder und bleibt sitzen. Nach einem entsetzten Blick auf die Uhr packt Sara den Labrador schliesslich am Halsband, klickt die Leine ein und zieht. Lissi stemmt sich in den Boden, winselt und pfeift. Nach zehn Metern gibt Sara entnervt auf. „Ich gehe jetzt, Lissi. Ich muss zur Arbeit. Komm doch bitte mit“, versucht sie es noch einmal mit weinerlicher Stimme. Doch Lissi sitzt inzwischen wieder am Erdloch, gräbt mit den Pfoten und steckt die Schnauze in die staubige Erde.

Als Sara nach einem anstrengenden Tag im Krankenhaus – sie war mit Maria auf der Station eingeteilt – nach Hause kommt, hofft sie fest, Lissi bei ihrer Hundehütte im Vorgarten zu erblicken. Doch Fehlanzeige. Sie erbleicht, als sie zum Maisfeld eilt und dort zwei Mähdrescher bei der Arbeit erblickt. Diese haben den Pflanzendschungel in ein karges Stoppelfeld verwandelt. Nur ein Streifen in der Mitte steht noch. Sara stolpert quer über das Feld, winkt den Fahrern, schreit nach Lissi. Als sie die Fahrzeuge erreicht, ist auch der letzte Mais unter lautem Gedröhn gemäht. Einer der Fahrer runzelt die Brauen. „Einen braunen Hund? Ne, hab ich nicht gesehen.“ Ein grosses Loch im Boden schon gar nicht. Der Hund sei wohl hineingefallen, sagt der Mann noch mit einem höhnischen Lachen.

Im nächsten Jahr pflanzte Bauer Jens keinen Mais sondern Weizen. Sara meidet den Feldweg, es schmerzt sie zu sehr. Sie fragt sich oft, was sie hätte anders machen sollen, an dem Tag, als Lissi verschwand. Nach Hause gehen, um ein Stück Wurst zu holen? Verstärkung organisieren und Lissi abtransportieren? Die Polizei rufen? Sie weiss nur eines sicher: Sie würde auf die Arbeit pfeifen an diesem Tag. Maria könnte die Nachttöpfe auf der geriatrischen Abteilung alleine leeren.