Der Antrag

Plötzlich war es klar; es gab kein Zögern, kein Werweissen, kein Hinterfragen und Überlegen – sie würde um seine Hand anhalten. Sie würde ihm einen Heiratsantrag machen.

Natürlich nicht auf die altmodische Art mit Kniefall und so weiter. Das fand sie merkwürdig, auch bei Männern. So traditionell war sie dann doch nicht. Sie malte sich ein schönes Essen bei ihrem Lieblingsgriechen aus, sie würden einander zuprosten und sich anlächeln und sie würde ihm die Schatulle mit dem Ring zeigen und ihm tief in die Augen blicken…

In ihrem Bauch kribbelte es bei der Vorstellung und sie musste sich zwingen, mit der Kontrolle der Buchungsbelege fortzufahren, die sich in zwei Kartonkisten auf ihrem Schreibtisch stapelten. Bis heute Abend musste sie damit durch sein. Sie seufzte und versuchte, sich auf die Zahlen auf dem Bildschirm zu konzentrieren. Doch ihre rechte Hand machte sich selbständig und öffnete erneut die Internetseite mit den Silberringen, die ihr so gut gefielen. Genau so etwas suchte sie für sich und ihn. Heimlich hatte sie an seinem rechten Ringfinger Mass genommen, während er schlief. Schliesslich drückte sie beherzt auf den Bestell-Button, gab ihre Arbeitsadresse als Lieferort ein, damit er die Schmuckstücke nicht versehentlich aus dem Briefkasten fischen konnte. Geschafft!

Etwas beruhigter widmete sie sich dem Rest des Nachmittages den endlos scheinenden Zahlenkolonnen. Irgendwann war das letzte Blatt abgeheftet und der Stundenzeiger rückte auf die fünf zu – Feierabend!

Sie verliess beschwingt die Verwaltung, verabschiedete sich lächelnd von ihren Kolleginnen, was bei der einen oder anderen für gerunzelte Augenbrauen sorgte. Sie war für ihre französischen Abgänge bekannt, wenn nicht sogar berüchtigt.

Auf dem Nachhauseweg, den sie mit dem Auto heute in einer rekordverdächtigen Zeit zurücklegte, überlegte sie, wann ein günstiger Zeitpunkt für das besondere Abendessen wäre. Er sollte keinen Verdacht schöpfen, es müsste also am Wochenende stattfinden. Unter der Woche ging er gerne früh zu Bett, und liess sich nur unter besonderen Umständen dazu überreden, das Haus nochmals zu verlassen. Er war ein Gewohnheitstier, bestellte beim Griechen stets das Gleiche. Manchmal regte sie dieses Verhalten auf, doch in diesem Fall war sie froh darüber. So konnte sie den Abend schon ziemlich genau planen; ihr Partner war nicht so der spontane Typ.

Sie fand auf Anhieb einen Parkplatz am Strassenrand, öffnete schwungvoll die Glastüre des Mehrfamilienhauses und eilte die Stufen zu ihrer Wohnung im zweiten Stock hinauf. Als sie die Wohnungstüre hinter sich schloss, blickte sie auf die Uhr. Sie hatte Glück – er würde erst in zehn Minuten zu Hause eintreffen.

Während sie ihre Schuhe abstreifte und ihren Mantel an einen Bügel hängte, fiel ihr auf, dass die Garderobe seltsam leer wirkte. Mit einem bangen Gefühl im Bauch stellte sie fest, dass seine Jacken und Schuhe fehlten. Sie eilte ins Schlafzimmer und öffnete den gemeinsamen Schrank so schwungvoll, dass die Holztüre in den Angeln quietschte. Leer. Alle seinen Kleidungsstücke waren weg. Mit tränenverschleiertem Blick eilte sie in die Küche – sie übersah in ihrer Hektik, dass die teure Kolben-Kaffeemaschine, die er erst vor zwei Monaten gekauft hatte, auf der Anrichte fehlte. Ihr Blick saugte sich an einem lieblos aus einem Schreibblock herausgerissenen Papier fest.

„Ich kann nicht mehr so weitermachen. Ich brauche Abwechslung, etwas Neues, Leidenschaft. Es tut mir leid. Such nicht nach mir. A.“

Sie liess das Papier sinken und starrte auf die leere Anrichte, ohne etwas zu sehen. Dann zerknüllte sie den Zettel in ihrer Hand und zerriss ihn anschliessend in Mini-Fetzen, die wie Schnee auf den Boden in der Küche rieselten.

Wie konnte er es wagen! Er war doch der Langweiler in ihrer Beziehung! Sie fügte gedanklich ein gewesen hinzu. Dann entspannte sie sich, setzte sich aufs Sofa, legte die Beine auf den Salontisch, was er immer kritisiert hatte und schaltete den Fernseher ein, der – so wie der grösste Teil der Einrichtung – ihr gehörte. Alles halb so schlimm. Die Ringe konnte man zurückgeben, darauf hatte sie beim Bestellen geachtet.