Der Baum

Als Eva am Sonntag ihre Küche betrat, war etwas anders. Sie liess ihren Blick über den Holztisch schweifen, auf dem noch ein paar Krümel lagen. Sven war schon lange weg, er hatte eine längere Bergtour geplant. Wohin, wusste Eva nicht. Sie bevorzugte Landschaften mit Horizont.
Sie betrachtete die Anrichte. Eine benutzte Kaffeetasse stand im Spülbecken. Daneben lag ein Messer, an dessen Klinge Butterreste klebten. Die Kaffeemaschine blinkte, Sven hatte sie nicht ausgeschaltet. Oder für sie angelassen. Ihr dauerte das Aufstarten mit dem umständlichen Spülvorgang immer zu lange.
Eva stellte ihre Lieblingstasse mit dem Fotodruck der blauen Grotte unter den Auslauf der Maschine und liess das Mahlwerk brummen. Kurz darauf spuckte das Gerät schnaufend und röchelnd das braune Gebräu aus, ohne das Evas morgens nicht ansprechbar war.
Sie blickte aus dem Fenster. Von ihrer Wohnung im 2. Stock konnten sie den gepflegten Garten des angrenzenden Einfamilienhauses sehen. Ein älteres Ehepaar wohnte dort, eine Armee von Gartenzwergen bewachte das kleine Häuschen mit der gelben Türe. Wassertröpfchen glitzerten im Rasen, die Steinplatten waren nass. In der Nacht musste es geregnet haben.
Das Licht. Etwas stimmte damit nicht. Eva blies in ihren Kaffee, saugte den betörenden Duft ein und nahm vorsichtig schlürfend einen Schluck. Wie eine Maschine, die geölt wird, nahm sie die Einzelheiten nun klarer war. Ja, mit dem Licht war irgendetwas anders. Aber was?
Sie betrachtete den blauen Himmel, ein wunderschöner Tag kündigte sich an. Sie könnte einen Ausflug in den Park unternehmen. Ihre Freundin Kerstin anrufen. Oder mit dem Fahrrad am Fluss entlang bis zum Nistplatz der Störche fahren. Vielleicht blieb sie aber einfach zu Hause und genoss den freien Tag.
Eva nahm den letzten Schluck Kaffee. Dann traf es sie wie ein Stromschlag. Der Baum. Er war weg. Wo gestern noch die grosse Blutbuche gestanden hatte, war nun – ja, was? Sie sah keinen Baumstumpf oder ein Loch. Die Thujahecke war zu hoch. Eva stellte sich auf die Zehenspitzen, öffnete schliesslich das Fenster, stieg aufs Fensterbrett und richtete sich vorsichtig auf. Nichts.
Sie kletterte zurück in die Küche und hielt sich an der Anrichte fest. Die Welt schwankte.
Eva nahm sich vor, zu frühstücken. Gegen ihre Gewohnheit. Vor dem Mittag ass sie selten.
An den Rest des Tages erinnerte sie sich später nur noch vage. Wie an Traumfetzen, die man nach dem Aufstehen nicht mehr greifen kann. Ganz genau hingegen hat sie noch die Szene vor Augen, wie Sven am späten Nachmittag mit von der Sonne gerötetem Gesicht und verschwitzten Haaren durch die Wohnungstür trat und ächzend den schweren Wanderrucksack abstellte.
„Was ist mit der Blutbuche passiert?“, fragte Eva nach einer flüchtigen Begrüssung.
„Wovon redest du?“, erwiderte Sven und holte sein kariertes Taschentuch aus der Wanderhose. Er wischte sich über die Stirn, dann schnäuzte er trompetend.
„Na der Baum bei den Gartenzwerg-Nachbarn. Der im Herbst sein Laub überall in unseren Gemeinschaftsbeeten verteilt.“ Eva ging zum Küchenfenster und zeigte hinaus.
Sven runzelte die Stirn und legte Eva seine Hand auf den Rücken. „Komm, wir setzen uns ins Wohnzimmer.“ Dann schob er seine Schwester sanft vom Fenster weg. Später würde er kontrollieren, ob sie ihre Medikamente genommen hatte.
Eva ging gehorsam zum Sofa. Sie wusste, dass sie Sven nicht zu sehr aufregen durfte. Seit seinem Kletterunfall hatte er Erinnerungslücken. Es gab nun gute und schlechte Tage. Heute war offensichtlich kein guter.