Der Brand

Der Aschenbecher in Form eines Alienkopfes. Laura schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihren Atem. So wie man es ihr früher in der Schule gezeigt hatte, wenn sie wieder einmal wie ein Dampfkochtopf kurz vor dem Explodieren war und ihre Mitschüler verprügeln wollte. Einatmen, warten, ausatmen, warten. Sie hatte ihn in einem Second-Hand-Laden in London entdeckt; er war schwarz, aus Onyx. Am Rand räkelte sich ein überlanger, larvenähnlicher Kopf.

Er war auch im Bus gewesen. Zusammen mit so vielen anderen Sachen, die ihr am Herzen lagen. Jedes Mal, wenn sie darüber nachdachte, sackte sie mehr in sich zusammen. Immer neue Dinge fielen ihr ein, die es nicht mehr gab. Sie waren verglüht, verbrannt, angekokelt. Genauso wie ihr heiss geliebter Bus, ein Citroën Jumpy. Sie hatte ihn selbst umgebaut, Keilriemen ersetzt, das Loch in der Ölwanne geflickt – eben alles, was so eine alte Lady brauchte. Der beige Bus war von fettigem Russ überzogen, die Türen waren von der Hitze verbogen und liessen sich nicht mehr öffnen. Es würde sich eh nicht lohnen. Der Blick durch die zerborstene Windschutzscheibe erinnerte Laura an Dantes Inferno. So zumindest stellte sie sich die Hölle vor.

Sie hatte den Bus nach dem Aufstehen nur kurz verlassen. Mit ihrem Handy in der Hand war sie auf den Hügel gestiegen. Von dort oben sollte das Netz reichen. Was sie zuerst roch, später sah, überrollte sie wie ein Schwertransporter: Rauch, vermischt mit verbranntem Harz. Die Flammen leckten knisternd an den ausgetrockneten Stämmen. Der Wald brannte. Lichterloh.

Während sie zurück zu ihrem Bus lief, überlegte sie fieberhaft, in welche Richtung sie den Wald verlassen könnte. Weiter bergab war ausgeschlossen, sie würde direkt in die Flammen fahren. Sie musste den Holperweg um den Hügel herum nehmen, so hätte sie die Chance, auf die Strasse und damit weg vom Feuer zu kommen. Warum hatte sie ihren Bus nur hier in der Pampas stehen lassen? Nach Hause wäre es nur noch eine gute Stunde Fahrt gewesen. Doch sie war müde gewesen nach dem Konzert in Faro, es hatte lange gedauert, das Band-Material abzubauen. Laura fluchte laut, kickte beim Bergabrennen einen Stein zur Seite und schlug mit den Händen Äste weg, die ihr den Weg versperrten.

Ein Grollen und Bersten liess sie langsamer werden. Sie zog ihr ehemals weisses Herrenhemd aus und band es sich um die Hüften. Dann blieb sie abrupt stehen. Sie kniff die Augen zusammen und wich zurück. Der Wald vor ihr brannte, sie drehte sich um ihre eigene Achse und stolperte blindlings los, nur weg von den Flammen.

Erst drei Tage später konnte sie zurückkehren. Zurück zu ihrem Bus, der ausgebrannt auf einer verkohlten Lichtung stand. Abgebrannte Baumstämme ragten wie Zahnstocher rund um ihn herum auf. Laura presste ein Taschentuch vor Mund und Nase, der Rauchgestank liess sie würgen.

Auch vier Monate später wartete ihre ehemalige Wohnung darauf, abgeschleppt und entsorgt zu werden. Doch Laura brachte es nicht übers Herz. Noch immer fielen ihr Gegenstände ein, die sie, liebevoll gehütet, in ihrem Bus aufbewahrt hatte. Ihr Zuhause in den letzten zehn Jahren, ihr fahrbarer Untersatz. Ihr ganzes Leben.

Dabei hatte sie immer gedacht, sie bräuchte nicht viel, um glücklich zu sein. Minimalismus war ihr Motto. Doch gewisse Dinge konnte man nicht ersetzen. Zum Beispiel das Gefühl, zu Hause zu sein. Zu wissen, wohin man gehörte.

Ihre Freunde in der deutschsprachigen Community hier am Südzipfel von Portugal hatten für sie Geld gesammelt. Denn auch ihre ganzen Ersparnisse waren im Bus gewesen und verbrannt. Ein Bankkonto besass sie nach wie vor nicht. Und sie würde auch jetzt keines eröffnen.

Sie hatte sich von dem Geld einen neuen Bus gekauft. Einen VW, schon ein älteres Modell. Guter Motor, er schnurrte wie ein Kätzchen. Doch wenn sie nachts auf ihrer Matratze lag und die Decke bis ans Kinn zog, träumte sie sich weg, in ihren alten Citroën, dachte an das Kiss-T-Shirt, dass sie 1995 an einem Konzert gekauft hatte, an das vergilbte Foto ihres kleinen Bruders, den sie im Kinderwagen spazieren fuhr. Und natürlich an den Alien-Aschenbecher. Besonders an ihn. Sie hatte es gemocht, die Fingerspitzen über den glatten, dunklen Kopf gleiten zu lassen. Geraucht hat sie nie. Im Bus viel zu gefährlich, fand sie immer. Er könnte ja abbrennen.