Der Ring

Pamelas Eingeweide verkrampften sich, ihr Magen zog sich zusammen, bis er die Grösse eines Pingpongballes erreicht hatte. Gleichzeitig wurden ihre Fingerspitzen kalt und ihr Kopf heiss. Sie liess ihren Blick prüfend umherirren, über die Kücheninsel, den Wohnzimmertisch, die Kommode im Flur, wo sie stets ihre Schlüssel und ihr Handy deponierte, wenn sie nach Hause kam.

Wo war der verdammte Ring?

Konzentrier dich, ermahnte sie sich und kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in die dünne Haut an der Innenseite des linken Oberarms. Ein angenehmer Schmerz flutete ihren Körper, sie schloss die Augen und überlegte. Sie war nach Hause gekommen, hatte sich im Schlafzimmer umgezogen, dann geduscht und sich nackt aufs Bett gelegt. Sie musste den Ring im Bad abgestreift haben. Noch einmal kontrollierte sie den breiten Rand des Doppelwaschbeckens, das Regal mit den sorgfältig gefalteten Handtüchern und den Korb mit den Autozeitschriften neben der Toilette, in denen Peter stets blätterte, wenn er für längere Zeit im Bad verschwand.

Normalerweise liess sie den Ring beim Duschen an. Doch im Sommer, wenn ihre Finger abends geschwollen waren, zog sie ihn gerne auch mal ab. Damit die feucht-weisse Stelle am oberen Ende ihres rechten Zeigefingers frische Luft bekam. Den wuchtigen Ring aus Weissgold mit Brillantbesatz legte sie stets an den oberen Waschbeckenrand. Achtete peinlich darauf, dass er nicht davonrollen konnte. Meist zog sie ihn nach dem Abtrocknen wieder an. Manchmal auch erst später. Jedoch immer, bevor Peter kam. Er merkte schon an der Tür, ob sie den Ring trug. So kam es Pamela zumindest vor. Sie hatte ihn nur einmal, ganz am Anfang ihrer Ehe, nach dem Kneten eines Teiges auf der Küchenablage vergessen. Er war ausgerastet. Sie hatte viel Abdeckcreme benötigt, um ihre gerötete und geschwollene Wange am nächsten Tag im Büro zu verbergen.

Sie blickte nervös auf ihre Uhr. In einer halben Stunde würde er da sein. Sie rieb sich mit dem Zeigefinger über die Stirn, bis ihre Haut brannte. Dann lief sie noch einmal durch die Wohnung, robbte auf den Knien durchs Bad, untersuchte den muffig riechenden Abfluss in der Dusche und tastete den Boden in der Toilettenschüssel ab. Als sie gerade überlegte, ob sie das Siphon des Waschbeckens auseinanderschrauben sollte, hörte sie den Schlüssel im Schloss. Versteinert blieb sie auf den kalten Badfliessen sitzen, die rechte Hand, noch feucht von Toilettenwasser, hielt sie verkrampft hinter ihrem Rücken.

„Hallo, Pamela, wo steckst du?“ vernahm sie Peters Stimme gedämpft durch die Badtür. Sie hielt den Atem an und verkroch sich in der Ecke zwischen Toilette und Wand.

„Was machst du hier am Boden?“ Peter schaute sie irritiert an, nachdem er durch die halb offene Badtür geschlüpft war und Pamela in der Ecke kauern sah.

Pamelas Unterkiefer begann zu zittern, sie schlug ihre Stirn seitlich gegen die Wand, immer fester, immer wieder. Sie wollte, dass er wegging, sie wollte alleine sein.

In ihrem Kopf explodierte eine Supernova, ihre verkrampften Glieder schmerzten wie bei einem heftigem Muskelkater. Pamela lag auf ihrem Bett, als sie ihre tonnenschweren Lieder öffnete. Unter grosser Anstrengung tastete sie ihre rechte Hand ab. Der Ring. Er wog schwer an ihrem Finger, zog sie hinab in die dicke Matratze, Richtung Boden, hinunter in die Nachbarswohnung, in den Keller des Mietshauses und dann immer weiter, dorthin, wo es kein Licht gab. Dort wollte sie für immer bleiben.

„Pamela, nimm die Tablette, die wird dir gut tun.“ Peter schob ihr eine blassrosa Pille durch die halb geöffneten Lippen und hielt ihr ein Glas Wasser hin. Pamelas Gedanken summten durch ihren Kopf, sie englitten ihr wie Kaulquappen, die sie als Kind immer fangen wollte.

Bevor sie protestieren konnte, hatte ihr Peter den Arm um die Schultern gelegt und ihr einen Schluck Wasser eingeflösst. Morgen, sagte sie sich, bevor sie langsam in Morpheus sanfte Arme glitt, morgen, werde ich es ihm sagen. Morgen werde ich Schluss machen. Dann schlief sie mit einem Lächeln ein, während das Blut auf ihrer Stirn langsam verkrustete.