Überlebenskampf

Der Wind weht um meine kalten Spitzen, die ich nach wie vor unerschrocken in den Himmel strecke. Doch sie werden kleiner, Tag für Tag. Entsetzt habe ich festgestellt, dass die Kraft der Märzsonne an meinem Volumen saugt. Von meiner ursprünglichen Schneemasse ist nur noch ein kläglicher Rest geblieben. Mein strahlendes Weiss hat einen grauen Schleier erhalten. Wie eine Braut, die zu Grabe getragen wird.

Die Leute gehen an mir vorbei, wenn sie ihr Altglas und ihre Dosen an der Sammelstelle entsorgen. Die wenigsten schenken mir einen Blick. Manchmal trampeln Kinder auf mir herum, davon bekomme ich Kopfschmerzen. Wenn mich die Sonnenstrahlen berühren, weine ich bittere Tränen, die sich zu einem kleinen Bach vereinigen und sich ihren Weg Richtung Gully bahnen.

Sobald das Klirren der Weinflaschen und das dumpfe Klappern der Bierdosen verstummt, finde ich endlich zur Ruhe. Während der Dunkelheit schöpfe ich neue Kraft. Die Eiskristalle auf meiner Oberfläche gefrieren. Sehnsüchtig blicke ich in den Himmel und halte nach Wolken Ausschau, die mir Unterstützung schicken. Doch meine Hoffnung zerplatzt schon am nächsten Tag wie eine Seifenblase im Wind. Die Sonne scheint wieder unerbittlich auf mich herab und lässt mich verzweifelte Tränen vergiessen.

Hat denn niemand Mitleid mit mir? Meine Stimme wird immer leiser, geht unter im zersplitterten Glas, das die hungrigen Mäuler der Sammelbehälter füllt. Bald wird sie ganz verstummen. Nur ein paar Steine werden mein Grab markieren, an dem Ort, an dem ich während mehreren Wochen gelebt habe.

Doch ich weiss: Ich komme wieder. Irgendwann wird die Sonne wieder an Kraft verlieren und es kaum über die Berge am Horizont schaffen. Dann schlägt meine Stunde. Vielleicht suche ich mir im nächsten Jahr einen andere Ort aus. Einen ruhigeren.

Bis baaaaaaaaa….