Die Erde ist eine Scheibe

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als wir zu viert am Strand sassen und die Wellen beobachteten, die den Sand kontinuierlich nässten, sich aber immer weiter zurückzogen. „Wie erklärt ihr Flat Earthler eigentlich die Gezeiten?“, fragte Nina und wandte sich Jonas zu, der links von ihr auf seinem Handtuch sass. Sie blickte dabei ernst, so als würde auch sie glauben, dass die Erde eine Scheibe wäre. Ich brauchte einen Moment bis ich begriff. Mit offenem Mund lauschte ich Jonas‘ Erklärung: „Die Sonne und der Mond erzeugen wie Elektromagnete ein Magnetfeld im Wasser. So gibt es Ebbe und Flut“, sagte Jonas und malte mit seinem Zeigefinger zwei Kugeln in den Sand, darunter eine Linie. Das sollten wohl die Himmelskörper sein und das Meer.

Ich drehte meine leere Bierflasche zwischen den Händen und beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Jonas war seit zwei Jahren mein Bike-Kollege, wir hatten einige richtig tolle Touren unternommen. Erst vor zwei Wochen waren wir von einer anstrengenden, aber superschönen Alpenüberquerung zurückgekehrt. Viele Stunden hatten wir unsere Räder über Pässe getragen, waren die Wanderwege hinuntergerauscht und hatten auf den Hüttenterrassen gemeinsam auf unseren Tag angestossen, bevor wir unter die kratzigen Decken im Matratzenlager gekrochen waren und uns vor dem Einschlafen bereits auf den nächsten Tag gefreut hatten.

„Wie jetzt“, sagte ich an Jonas gewandt. „Du glaubst das wirklich?“ Ich grub mit meinen nackten Zehen kleine Kuhlen in den warmen Sand. Ich hatte ihn immer für einen nüchternen Menschen gehalten. Seine Vorliebe für Zahlen hatte ihn Buchhalter werden lassen, in seiner Freizeit bastelte er gerne an seinem Bike herum. Okay, er war ein Einzelgänger und hing viel im Internet herum. Insgesamt jedoch unauffällig.

Jonas starrte auf die Wellen, die noch vor der Dämmerung Surfer anlockten, nun, am späten Nachmittag, aber flach und frei dahinrollten. „Spielt das eine Rolle für dich?“, fragte er zurück, blickte mich aber immer noch nicht an. Ich blinzelte. Tat es das? Ich wusste es nicht. Jonas war ein unkomplizierter Bike-Partner und ein netter Kerl, der mir in den letzten Monaten ans Herz gewachsen war. Machte es einen Unterschied, ob er die 400 Jahre alten Erkenntnisse von Galileo Galilei leugnete?

„Keine Ahnung“, sagte ich schulterzuckend. Ich war immer noch ein wenig perplex und musste das erst mal sacken lassen. Abrupt stiess ich eine Weile später hervor: „Warum glaubst du, dass die Erde flach ist?“ Ich legte Jonas meine Hand für einen Moment auf seinen Arm und blickte ihn durchdringend an, so als ob dies die Eine-Million-Euro Frage wäre. Obwohl ich leise gesprochen hatte, beugten sich Nina und Andreas, die wenige Meter neben uns im Sand sassen, neugierig zu uns herüber. Jonas nahm einen Schluck aus seiner Pale-Ale-Flasche und zuckte dann mit den Schultern. „Schau dich mal genau um. Es liegt doch auf der Hand, dass die Erde keine Kugel sein kann. Alle Beweise sind gefälscht oder mehrmals widerlegt worden.“ Er blickte wieder hinaus aufs Meer. „Die Fotos aus dem Weltraum sind gefaked. Und: Wieso sähen wir hier die Spiegelung der untergehenden Sonne, wenn die Erde wirklich gekrümmt wäre?“ Er streckte seinen Rücken durch und sah mich an. „Ich habe mich länger damit beschäftigt. Es ist ein klarer Fall. Und es gibt noch viele, die ebenso denken wie ich. Irgendwann wird es auch der Rest der Menschheit merken.“ Er zog die Mundwinkel nach oben, als ob er lächeln wollte.

Ich starrte ihn an und schluckte. Okay, das war mir jetzt gerade alles ein wenig zu viel. Ich schnappte mir meine Tasche und die leere Bierflasche, stand auf und schlüpfte in meine Flip-Flops. „Was ist los? Willst du schon gehen?“ fragte Jonas und seine Augen waren in der zunehmenden Dämmerung ganz dunkel.

„Ja, ich muss los“, murmelte ich, schüttelte mein Handtuch aus und stopfte es achtlos in meine Tasche. „Bis bald“, rief ich Nina und Andreas zu und winkte kurz in die Runde. Dann drehte ich mich um und stapfte durch den feinkörnigen Sand, der meine Füsse nur ungern freigab. Als ich bei den betonierten Stufen ankam, die hinauf zur Strasse und zu meinem Fahrrad führten, drehte ich mich noch einmal um. Jonas hatte sich im Sand ausgestreckt, Andreas ein neues Bier aufgemacht. Eine friedliche Szene. Wie lange wusste Nina wohl schon, dass Jonas an Verschwörungstheorien glaubte? Wieso hatte sie ihr nichts gesagt? Vielleicht fand sie es nicht weiter schlimm, sie verbrachte nicht viel Zeit mit ihm. Doch sie hätte es mir sagen müssen, bevor sie ihre Verkupplungsversuche gestartet hatte. Sie hätte mich warnen müssen. Denn ich war auf dem besten Weg, mich in Jonas zu verlieben. Zumindest bis eben. Wenn die Erde für ihn wirklich flach war, würde ich mir das noch mal überlegen.

Ich schüttelte den Sand aus meinen Flip-Flops und kippte den Dynamo an meinem alten Damenfahrrad Richtung Reifen. Ein verlässlicher kleiner Elektromagnet, der mir nun ratternd Licht bis nach Hause spenden würde, jetzt, da Jonas‘ Gezeiten-Magnet unter der Erdscheibe verschwunden war. Nein, das Thema war für mich definitiv noch nicht erledigt, überlegte ich, während ich kräftig in die Pedale trat. Dafür war er einfach ein zu toller Bike-Partner. Wahrscheinlich aber nicht mehr als das. Obwohl, wir würden sehen. Ich lächelte immer noch, als ich zu Hause ankam.