Die Maus

Der Schnappbügel hatte die Maus nicht sofort getötet, sondern ihre Vorderbeine und ihre Nase eingeklemmt. Nun lag sie halb auf der Seite und zappelte mit ihren kleinen Füsschen. Blut klebte in den grauen Barthaaren und an den Pfoten. Lars beobachtete das Tier neugierig. Das verzweifelte Fiepen der Maus wurde lauter, als er sich der Mausefalle näherte.
Graubraun war das Fell der Maus, am Bauch war es heller. Es sah weich aus. Die hübsch geformten Ohren erinnerten den Jungen an die mit Samt ausgepolsterte Schatulle, die seine Schwester in ihrer Geheimschublade aufbewahrte. Nur beschriftete, bunte Zettel lagen darin, voll langweilig. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, alle zu lesen. Weiberkram, hatte er gedacht und den Holzbehälter wieder leise im Nachtkästchen von Lea verstaut.
Wenn seine jüngere Schwester nun mit ihm hier auf dem Speicher wäre, würde sie sicher anfangen zu kreischen. Oh je, eine Maus. Ui, sieh mal, die lebt ja noch. Du musst etwas tun. Tu etwas, Lars! Er konnte sie förmlich vor sich sehen, die haselnussbraunen Augen aufgerissen, die Wangen gerötet. Gut, dass sie gerade bei ihrer Freundin war, um miteinander Mathe-Hausaufgaben zu machen. Eine Leuchte war Lea nicht. Im Gegensatz zu Lars.
Knobelaufgaben liebte er. Seine Mutter behauptete immer stolz, er habe ihre Geduld geerbt. Dabei flippte sie in letzter Zeit wegen jeder Kleinigkeit aus. Geduld? Eltern redeten so viel Unsinn.
Lars ging vor der Maus in die Hocke und beugte sich über sie. Das kleine Tier winselte noch lauter, die zappelnden Beinchen hinterliessen dunkle Striche auf dem staubigen Boden. Ob sie schneller an einem Herzinfarkt stirbt oder an ihrer Verletzung? Lars kratzte sich am nackten Bein und überlegte.
Ein Speckstück hatte sein Vater in die Falle gelegt. Es glänzte fettig, war ein wenig zur Seite, fast auf den Boden gerutscht, schien aber unberührt. Die Maus hatte wohl gerade den Rückzug angetreten, bevor die Falle zugeschnappt hatte. Schade, dass sein Vater so selten zu Hause war. Er hätte ihm gerne erzählt, dass die Mäusejagd erfolgreich war.
Ein grummelndes Geräusch übertönte für einen Moment das Fiepen auf dem Dachboden. Es kam aus Lars‘ Bauch. Fürs Abendessen war es noch zu früh. Und Zwischenmahlzeiten gab es nicht mehr bei ihnen, seit seine Mutter ihre Arbeit verloren hatte. Höchstens eine Scheibe Brot.
Lars nahm das Stück Speck und wischte es an seinem Oberschenkel ab. Es hinterliess eine ölige Spur auf seinen Shorts. Dann steckte er es sich in den Mund und kaute bedächtig darauf herum. Fleisch gab es bei ihnen nur noch selten. Zu teuer, sagte seine Mutter immer, wenn er danach fragte.
Lars legte den Kopf schief. Das Fiepen war in leises Gewimmer übergegangen. Die Beinchen der Maus strampelten nur noch ganz wenig. Er zog den Bügel der Falle dort, wo kein Blut klebte, vorsichtig hoch. Dann liess er die Maus auf den Boden gleiten.
Er hob das Tier, das mit den gesunden Beinen von ihm wegzukriechen versuchte, am Schwanz hoch. Der Junge beobachtete, wie sie sich hin und her drehte und nach Halt suchte. Mal sehen, was er mit der Maus anfangen würde. Vielleicht Lea ins Bett legen? Oder in ihre Schatulle?
Die Speichertüre fiel klickend ins Schloss und der aufgewirbelte Staub sank langsam wieder zu Boden, wo er auf dem Fettfleck in der Mitte der Falle kleben blieb.