Grasekel

Wann es genau anfing, weiss Martin nicht mehr. Als kleines Kind war es definitiv noch nicht so gewesen, er war viel und oft barfuss gelaufen, über Kies, Erde, Sand und Wiesen. Nacktschnecken an den blossen Füssen ekelten ihn, verständlicherweise. Aber Gras? Nein, das muss irgendwann später angefangen haben.

Als er mit seinen Schulfreunden Handstände im Freibad übte, fiel es ihm zum ersten Mal auf. Er wischte sich jedes Mal gründlich die Handflächen an seinen Badeshorts ab, nachdem er sie in das kurze Gras, das von weissen Kleeblumen durchsetzt war, gepresst hatte. Irgendwann widerstrebte es ihm dann, durch den Rasen bis zum Schwimmbecken zu gehen; er liess seine Turnschuhe an und zog sie stets erst am Beckenrand aus. Seine Mitschüler zogen ihn deswegen auf; sie behaupteten, er habe gelbe Zehennägel und haarige Füsse wie ein Hobbit. Martin sagte nicht viel dazu. Er konnte sich seine Abneigung, den angesäten Rasen im Freibad zu betreten, ja selbst nicht erklären.

Später gab es für Martin weniger Gelegenheiten zum Barfussgehen. Er zog in die Stadt, studierte, traf sich mit Freunden am See oder am Fluss. Er wohnte in einer Wohngemeinschaft ohne Garten und ging in seiner Freizeit zum Badmintonspielen. An seine Widerstände wurde er erst wieder erinnert, als er Jahre später Vater wurde. Es kam, wie es so oft kommt: Er zog mit seiner Partnerin und dem Söhnchen in eine Parterrewohnung mit kleinem Gartenanteil, reduzierte sein Arbeitspensum und ging ins Babyschwimmen.

Im Sommer pumpte er ein Bassin auf und füllte es mit Wasser aus dem Gartenschlauch. Sein Sohn mochte es, dort zu planschen, er strampelte mit seinen stämmigen Beinchen im Wasser, schüttete Eimerchen um Eimerchen Wasser unermüdlich ins Gras und patschte anschliessend darauf herum, dass es nur so spritzte. Martin liebte es, ihm dabei zuzusehen. Nur ins Wasser wollte er nicht. Denn dafür hätte er ein kurzes Stück über das Gras bis zum Bassin laufen müssen. Er probierte es mit Flip-Flops und Sandalen, stellte aber fest, dass er den grünen Teppich mittlerweile auch mit Schuhwerk nicht mehr betreten konnte. Als sein Sohn eines Tages unglücklich stürzte und sich den Kopf anschlug, musste Martin eine Nachbarin holen, die das weinende Kind vom Bassin auf die Terrasse trug. Es ging soweit, dass er das Planschbecken schliesslich nicht mehr aufpumpte und auch die Wohnung am liebsten nicht mehr verliess. Sein Arbeitsweg wurde zum Spiessrutenlauf; er mied jede noch so kleine Grünfläche, ging nicht mehr durch Parks. Bald kannte er eine Strecke, die zwar mit einigen Umwegen verbunden war, bei der seine Füsse aber nur Asphalt und Teer berührten.

Seine Partnerin wunderte sich, schüttelte aber den Kopf, als er ihr die Ursache für sein Verhalten erklären wollte. Er solle sich Hilfe holen, meinte sie, sie kenne da eine gute Mentaltrainerin, die habe auch ihrer Arbeitskollegin geholfen. Während den Sitzungen überlegte sich Martin, wie er den Nachhauseweg ohne Graskontakt gestalten würde – kurzum: Sein Leiden blieb.

Martin vereinsamte. Er traf sich nicht mehr mit Freunden, besuchte keine Spielplätze, auch das Badmintonspielen gab er auf – der Weg zur Halle war zu kompliziert, sogar mit dem Fahrrad (dessen Reifen im Übrigen auch kein Gras berühren durften). Seine Partnerin verliess ihn mitsamt dem Sohn, der inzwischen zur Schule ging und seinen Vater wie ein exotisches Tier betrachtete, sofern er ihn zu Gesicht bekam.

Martin verliess seine Wohnung nicht mehr. Die Fensterläden schloss er, um ja nirgends einen Grashalm zu sehen (ja, selbst der blosse Anblick war für ihn inzwischen unerträglich geworden). Er suchte sich eine Arbeit, die er von zu Hause erledigen konnte, bestellte sein Essen online und wurde immer bleicher, da er wie ein Maulwurf im Dunkeln lebte.

Als die Miete nicht mehr bezahlt wurde, brach der Hausmeister nach tagelangem Klingeln und Klopfen die Wohnungstür auf. Er blieb auf der Schwelle abrupt stehen. Statt dem Parkettboden war ein grosses Loch im Boden, die komplette Wohnung war zu einer Grube mutiert, die durch die aufgesprengte Bodenplatte der kellerlosen Wohnung hinunter ins dunkle Erdreich führte. In einer aufwändigen Suchaktion stiegen Freiwillige die engen Gänge hinab, die schräg nach unten führten und sich immer wieder verzweigten, so dass die Suchmannschaft rasch die Orientierung verlor. Der Hausmeister grübelte noch lange darüber nach, wo all die Erde geblieben war, die beim Graben entstanden sein musste.

Schliesslich beschloss man, die Löcher zuzuschütten, mit Beton zu verschliessen und die Wohnung zu renovieren. Es wäre schade gewesen, diese leer stehen zu lassen. Mit ihrem Gartenanteil war sie gerade für eine junge Familie bestens geeignet.