Harald

Ich würde mich als zurückhaltenden Menschen bezeichnen. Eigentlich bin ich schüchtern, versuche es aber zu verbergen, indem ich viel rede. Mein Zuhause ist mein kleines, weisses Zelt, das ich nur im Vierfüsslergang betreten und verlassen kann. Ansonsten brauche ich nicht viel: Eine Plastiktüte mit Baguette, Käse und Trauben, eine Flasche Wasser, eine Flasche Wein. Meine Matte, meinen Schlafsack, meine Zahnbürste. Und natürlich meinen Kugelschreiber, mit dem ich, den Rücken durchgestreckt, an dem kleinen Metalltisch sitze und sorgfältig Postkarten schreibe.

Ich habe überall Bekannte. In Italien, Deutschland, der Schweiz. Und natürlich in Frankreich, wo ich am liebsten bin. Seit fast einem Monat schlafe ich auf einem Zeltplatz am Meer. Einer der wenigen, die im Herbst noch offen haben und wo Zelter nicht zwischen Wohnmobilen und Camping-Bussen eingequetscht sind, sondern ihr eigenes, erhöhtes Revier haben. Beim Frühstück und beim Abendessen habe ich Meerblick – was für ein Privileg! Nachts schlafe ich mit dem Rauschen der Wellen im Ohr ein.

Ich beobachte genau, wer an- und abreist. Wobei mich die motorisierten Gäste weniger interessieren. Die anderen Zelter begrüsse ich freundlich; sobald ein neues Gesicht auftaucht, versuche ich herauszufinden, woher die temporären Nachbarn auf dem Kiesplatz stammen. Gestern Abend habe ich meinen Tisch und mein Brot mit einem jungen Franzosen geteilt, der sein Lager übers Wochenende neben mir aufgeschlagen hat. Er hat tagsüber mit dem Rennrad und den Laufschuhen grosse Strecken entlang der Küste zurückgelegt. Eine richtige Sportskanone! Wir haben Adressen ausgetauscht, vielleicht besuche ich ihn, sobald ich Ende Oktober weiterreise.

Meine Frau war eine schöne Frau, Italienerin. Seit vier Jahren ist sie oben beim Herrn. Viel zu früh ist sie gestorben. Doch ich hadere nicht. Ich weiss, dass sie es gut hat, dort oben.

Umso mehr geniesse ich nun die Zeit, die mir noch bleibt. Seit drei Jahren bin ich pensioniert, meine Arbeit als Umwelttechniker fehlt mir nicht. Ich geniesse es, unterwegs zu sein, fremde Sprachen zu sprechen, Menschen zu treffen, in den Himmel zu blicken, Pinienduft und Meeresluft zu atmen. Es gibt noch so viele Orte, die ich besuchen möchte. Da ich ausschliesslich mit Bus und Bahn unterwegs bin, brauche ich manchmal Geduld und muss früh aufstehen. Doch für einen Ausflug in die französische Trüffelhauptstadt oder ins italienische San Remo nehme ich das gerne in Kauf. Abends erzähle ich dann meinen Zeltnachbarn, was ich erlebt habe, zeige Fotos, verschenke frische, süsse Trauben vom Markt, die immer noch nach Sommer schmecken.

Abends gehe ich früh schlafen, da die Sonne schon während meines kalten Abendessens im Freien hinter den roten Felsen versinkt. Manchmal betrachte ich den Sternenhimmel, bevor ich ins Zelt krieche. Sobald ich den Reissverschluss geräuschvoll hinter mir zugezogen habe, kuschele ich mich in meinen Schlafsack, strecke meine müden Glieder, verpacke meine Brille sorgfältig in das bruchsichere Etui und schliesse die Augen. Ich wünsche mir selber eine gute Nacht und freue mich wie ein kleines Kind auf den nächsten Tag. Ich bin sicher, er hält wieder eine Menge für mich bereit. Hinauf zum Herrn komme ich noch früh genug.