Im Frühstücksraum

Manuel Blocard blieb auf der Schwelle stehen. Oh je. Gar nicht gut. Der Raum mass nur etwa sieben auf sechs Meter, er war vollgestellt mit Stühlen und Tischen, an der Wand befand sich ein Buffet, auf dem er aus den Augenwinkeln eine Käseglocke, hartgekochte Eier und verschiedenfarbige, klumpige Marmeladen erkennen konnte.

Was ihn am Eintreten in den Frühstücksraum hinderte, waren die sechs Personen, die sich zu zweit oder alleine an den verschiedenen Tischen befanden. Manuel Blocard holte umständlich sein Stofftaschentuch aus der Jeanstasche, faltete es auseinander und wischte sich über die Stirn.

Je länger er im Türrahmen stand, desto stiller wurde es im Raum. Köpfe wandten sich ihm zu, die Augenbrauen wanderten nach oben, während die Münder unablässig Kaubewegungen ausführten, Speisebrei wurde geschluckt.

Manuel Blocard ging seine Optionen durch: So tun, als hätte er etwas im Zimmer vergessen, sich umdrehen und den Raum verlassen. Eintreten und sich unauffällig einen der letzten freien Tische aussuchen, ein Brötchen hinunterwürgen und eiligst wieder gehen. Auf der Schwelle stehen bleiben war definitiv keine Option, denn nun näherte sich die Pensionswirtin von hinten.

„Guten Morgen Herr Blocard, haben Sie gut geschlafen?“, zwitscherte die kleine Frau, deren Augen ihn an Rosinen in einem Hefeteig erinnerten.

„Danke, Frau Brenner.“ Manuel Blocard nickte der Frau förmlich zu und duckte sich weg, bevor sie ihm weitere Fragen stellen konnte. Er stakste um die besetzten Tische, peinlich darauf bedacht, nichts zu berühren. Dann setzte er sich an den Tisch unmittelbar neben der Toilettentüre. Er verstand nicht, warum diese Tische in Restaurants so unbeliebt waren. Für ihn waren sie ein Segen. Unbeachtet konnte er dort seine Mahlzeit einnehmen.

Manuel Blocard wischte sich erneut über die Stirn. Dann ging er wiederum seine Möglichkeiten durch. Zeit hatte er mehr als genug. Sein Treffen war erst in 1,5 Stunden angesetzt. Hunger? Ein wenig. Da der heutige Tag anstrengend werden würde, zwang er sich jedoch, zwei Scheiben Brot, Butter, Käse und Marmelade auf seinen Teller zu laden und das gerade freie Buffet schnellstmöglich wieder zu verlassen. Sein Nachbar zur rechten Hand, dessen Bauchumfang ihn daran hinderte, nahe an den Tisch heranzurücken, hatte bereits seine Wanderstiefel an, die Waden krebsrot. Nun schob er keuchend seinen Stuhl zurück und polterte durch den Raum Richtung Toilette. Manuel Blocard rutschte auf seinem Stuhl nach hinten, bis er die Wand berührte und schloss die Augen. Die Vorstellung, der Wandervogel könnte beim Vorbeigehen winzige Hautschüppchen oder – noch schlimmer – Bart- oder Armhaare verstreuen, verursachte ihm einen Knoten im Magen. Der Platz neben der Toilette war doch keine gute Idee gewesen.

Er war erleichtert, dass die Wirtin nach der Kaffeebestellung den Raum verliess und ihm das gewünschte Getränk ohne weiteren Kommentar brachte. Manuel Blocard schaffte es, eine Scheibe Brot mit Butter und Käse zu essen, bevor sich die Toilettentür wieder öffnete und sein Tischnachbar schwer schnaufend zurück zu seinem Platz ging, wo dessen Frau inzwischen ihr zweites 5-Minuten-Ei geräuschvoll auskratzte.

„Na, Sportsfreund, gehts auch zum Wandern?“ Der Mann stand breitbeinig vor Manuel Blocard und klopfte mit den Knöcheln auf seinen Tisch, genauer gesagt auf den Rand seiner Serviette. Manuel Blocard starrte zunächst auf die Serviette, dann in das rot geäderte Gesicht des Mannes. Ohne einen Kommentar stand er auf und durchquerte den Raum auf dem schnellsten Weg, schlängelte sich um Stuhllehnen und Tischecken und warf sich schliesslich über die Schwelle. Ob sein Handeln als unhöflich taxiert wurde, war in diesem Moment zweitrangig. Er sah immer noch die feinen Spucketröpfchen, die der Mann beim Sprechen auf seine Kaffeetasse und die verbliebenen Brotscheibe hatte herabregnen lassen.

In seinem Zimmer angekommen, schloss er die Tür hinter sich ab und packte eiligst seine Tasche. Er würde schon früher gehen. Das Ensemble traf sich zwar erst in rund einer Stunde. Es schadete jedoch nicht, wenn er sich ein wenig länger aufwärmte. Heute fand schliesslich die Hauptprobe statt, ab übermorgen würde es dann ernst. Schwanensee zu tanzen war schon immer sein Traum gewesen.

Er würde dem Choreograf Bescheid geben, dass er bei der Tournee in keinem Fall in einer Frühstückspension untergebracht werden wollte. Am besten an einem Ort ohne gemeinsame Verpflegung der Gäste. Essen wurde seiner Meinung nach eh überbewertet. Nach einem zufriedenen Blick in den Spiegel zog Manuel Blocard die Türe ins Schloss und legte seinen Zimmerschlüssel leise klirrend auf die verwaiste Reception. Dann tänzelte er Tschaikowski pfeifend Richtung Theater.