Karten

Christian König liebte Karten. Nicht Spielkarten, nicht Grusskarten, sondern Landkarten. Er besass viele davon, ja ganze Berge. In seiner Wohnung waren drei deckenhohe Regale gefüllt mit seinen Schätzen. Er hatte Reisekarten und Autoatlanten, die einen sehr kleinen Massstab besassen, plastifizierte Wanderkarten aus Regionen in den Voralpen und Alpen, die er in seinem 50-jährigen Leben besucht hatte. Zudem Pläne verschiedenster Städte im In- und Ausland, mit grossem Massstab, die jede Gasse in der Altstadt abbildeten.

Herr König besuchte sein Landkartenzimmer, wie er es nannte – eigentlich war es sein überwiegend ungenutztes Gästezimmer – täglich. Dann strich er über die papierenen oder plastifizierten Oberflächen, klappte einzelne Exemplare vorsichtig auf, sog den vertrauten, dumpfen Geruch ein und studierte sie, lief in Gedanken die Wege und Strassen auf und ab. Er achtete sorgfältig darauf, die Abnutzung der Knickkanten möglichst gering zu halten. Wer wusste schon, ob die Karte ersetzbar wäre?

Wenn der begeisterte Fahrradfahrer einen Ausflug machte, bereitete er diesen stets seriös vor – egal, ob es sich um eine kleine Tour zu einem nahen Weiher oder eine mehrtägige Radwanderung handelte. In Gedanken wusste er stets, wo auf der Karte er sich gerade befand, so als hätte er ein GPS-Gerät eingebaut. Wenn sich unterwegs unerwartete Streckenänderungen ergaben, beispielsweise eine Umleitung, verursacht durch eine Baustelle, oder eine gesperrte Strasse wegen wandernder Frösche, erschrak Christian König jeweils und brauchte einen Moment, um seine innere Karte neu zu laden. Sobald dies erledigt war, fuhr er unbeschwert weiter, seinem Ziel entgegen.

Als Papierkarten zunehmend zu einem Auslaufmodell wurden, da sie vermehrt digital verkauft wurden, betrübte dies den Kartenliebhaber zutiefst. Er schrieb enervierte Leserbriefe, wandte sich an die Behörden und plante sogar – obwohl er von Natur aus eher ein Misanthrop war – einen Club Pro physische Landkarte zu gründen. Er gab sein Vorhaben jedoch schon bald mangels interessierten Mitstreitern auf. Gleichzeitig weigerte er sich vehement, seine papierenen Lieblinge durch Onlinekarten zu ersetzen. Er installierte absichtlich keine Programme auf seinem Computer und seinem Handy. Wehret den Anfängen! war stets sein Kommentar, wenn ein Bekannter die Vorzüge der Online-Nutzung von Karten rühmte.

Da jedoch schon bald keine aktuellen Papierkarten, vor allem aus der Region, zur Verfügung standen, geriet Herrn Königs innere Landkarte zunehmend in Unordnung. Er machte es sich zur Aufgabe, sich über neue Strassen, Fahrradwege und grössere Baustellen zu informieren, damit er sein gedankliches Kartenmaterial auf den neuesten Stand bringen konnte. Schon bald musste er sich eingestehen, dass sich die Recherche als zu aufwändig gestaltete, obwohl er jede freie Minute zu Fuss und mit dem Fahrrad die Richtigkeit der inneren Karte überprüfte.

Immer grössere, weisse Löcher taten sich auf seiner gedanklichen Landkarte auf. Die papierenen benutze er schon länger nicht mehr, schnupperte nur noch von Zeit zu Zeit daran und schwelgte in Erinnerungen. Er unternahm immer seltener Ausflüge, da sie zu grossen Frustrationen führten und blieb immer öfter zu Hause. Seine Verzweiflung wuchs von Tag zu Tag. Als die Baumaschinen in seinem Viertel auffuhren und eine kinderfreundliche Begegnungszone sowie einen separaten Fahrradweg errichteten, ging Christian König nicht mehr aus dem Haus. Er zog sich in seine innere Welt zurück, lief die Wege dort auf und ab und genoss es, den Überblick zu haben.

Seinem Arbeitgeber fiel es längere Zeit nicht auf, dass Herr König nicht mehr am Arbeitsplatz erschien. Heutzutage arbeiteten eh die meisten im Homeoffice. Ein Bekannter, der Herrn König zum Geburtstag gratulieren wollte, trat durch die unverschlossene Haustüre und fand seinen ehemaligen Schulfreund friedlich im Gästebett liegend. Um ihn herum lagen viele verschiedene Karten ausgebreitet, einige besonders grosse Exemplare hatte er sogar als Decke benutzt.

Wecken liess sich Herr König nicht mehr. Er hatte beschlossen, fortan in seiner inneren Kartenwelt weiterzuleben. Es geht ihm dort prima, wie ich gehört habe. Es heisst, er steht einmal pro Jahr auf, um Darm und Blase zu entleeren. Vielleicht ist das aber auch nur dummes Gerede.