Kondensstreifen

Marco blickte in den Himmel. Er war trüb, wie eingenebelt, weisse Schlieren hatten sich vor das herbstliche Blau geschoben. Vielleicht stimmte es doch, überlegte er und vergrub die Hände tiefer in seinen Jackentaschen. Vielleicht waren das die Rückstände von Schwermetallen, die mittels Flugzeugen in die Atmosphäre befördert wurden. Vielleicht war das aber auch alles Unsinn.

Zunächst hatte er gelacht. Hatte das Mail, das ihm ein Arbeitskollege weitergeleitet hatte, als Unsinn abgetan. Darin stand, dass Kondensstreifen am Himmel der Beweis dafür wären, dass das Wetter seit den 1950er Jahren von verschiedenen Regierungen systematisch manipuliert werde. Die Chemikalien würden das Wetter beeinflussen und nebenbei unsere Umwelt und uns selber vergiften. Marco hatte die E-Mail rasch gelöscht und sich dem Bezahlen seiner Rechnungen gewidmet. Schon mehrere Wochen hatte er den wachsenden Papier- und Mailstapel ignoriert. Es war höchste Eisenbahn, sich um seine Finanzen zu kümmern. Er tat es nicht gerne. Sein Konto spiegelte ungeschönt wieder, dass er als Logistiker auf Abruf nah am Existenzminimum lebte.

Als er ein paar Tage später während einer Zugfahrt den Himmel betrachtete, fiel im das Mail wieder ein. Marcos Blick blieb an den Kondensstreifen hängen, die sich kreuz und quer über den Himmel verteilten, mit der Zeit breiter und heller wurden, jedoch nicht ganz verschwanden. In dem Mail hatte es geheissen, Flugzeuge könnten auf dieser Höhe keine so anhaltenden Eiswolken bilden – es sei denn, es handele sich nicht nur um Abgase und Wasserdampf, sondern um Gift. Marco knetete seine Unterlippe, zog dann ein liegengebliebenes „20 Minuten“ vom leeren Nachbarsitz heran und vertiefte sich in die Witzeseite.

Es war Zufall, dass er in der Woche darauf einen ehemaligen Mitschüler auf einem Geburtstagsfest traf. Dieser war beim Meteorologischen Institut angestellt, er leitete die Abteilung für Luftqualität – Marco hatte es sich gemerkt, da er bei LinkedIn mit ihm vernetzt war und sich über sein Arbeitsgebiet amüsiert hatte. „Tim, kann ich dich etwas fragen?“, fing Marco zögernd an, als er später an diesem Abend neben ihm auf dem Sofa zu sitzen kam. Tim nickte und nippte an seinem Bier. „Habt ihr eigentlich schon mal die Kondensstreifen am Himmel untersucht? Sind die alle natürlich?“ Marco sprach leise und blickte sich verstohlen um. Tims Augenbrauen wanderten nach oben. „Die Flugzeugstreifen entstehen in der Regel erst ab acht Kilometer Höhe; mein Team führt Messungen in tieferen Luftschichten durch.“ Er fingerte am Etikett seiner Bierflasche herum, das sich an einer Ecke löste. Dann legte er den Kopf schief und sagte, ohne Marco anzublicken: „Man weiss, dass sie schlecht fürs Klima sind, vor allem ab einer gewissen Höhe. Ich selber kenne mich da aber zu wenig aus.“ Kurz darauf entschuldigte er sich und stand auf.

Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Ist sie aber nicht. Das Thema liess Marco keine Ruhe mehr. Er las im Internet nach, wo er erstaunlich viele Artikel und Beiträge fand, die verschiedene Beweise für die Existenz der Giftstreifen lieferten. So oft wie möglich betrachtete Marco den Himmel und machte sich Notizen, wie lange es dauerte, bis einer der Streifen sich vollends aufgelöst hatte. Und er stellte zunehmend fest, dass der Himmel nicht länger tiefblau war, sondern grau, mit weisslichem Filter, so als wäre eine Haube darüber gestülpt worden.

Marco vernachlässigte seine sozialen Kontakte, meldete sich bei seinem Arbeitgeber krank und liess seine Rechnungen liegen. Er schloss alle Storen und zog die Vorhänge in seiner Wohnung zu, damit er den Himmel nicht länger sehen musste. Er schaffte sich einen Luftreiniger für die Wohnung an und verliess das Haus nur noch mit Atemschutzmaske.

Die weltweite Coronapandemie verschaffte ihm eine Atempause – keine Kondensstreifen am Himmel und überall Schutzmasken. Marco blühte auf. Er ging nach dem Lockdown wieder zur Arbeit und bezahlte seine Rechnungen. Er hoffte, die Pandemie würde ewig anhalten. Als die Regierung zwei Jahre später alle Schutzmassnahmen aufhob, setzte er seinen lang im Voraus geschmiedeten Plan in die Tat um. Er kündigte seine Wohnung, löste sein Konto auf und setzte sich in den nächsten Zug nach Osten. Und dann in den nächsten Zug nach Osten. Immer der aufgehenden Sonne entgegen. Irgendwann würde er ankommen, dort, wo Schutzmasken schon vor der Pandemie zum Alltag gehörten. Wo die Luft so voller Smog war, dass der Himmel sich nur noch an wenigen Tagen zeigte. Wo die Pandemie nie aufhören würde. Marco hoffte, dass es dort einen Platz für ihn gäbe. Und er auf Gleichgesinnte treffen würde. Ob Marco in China jemals ankam und was er dort erlebte, ist eine andere Geschichte. Vielleicht erzähle ich sie eines Tages.