Onkel Alfreds Geburtstag

Eins vorneweg: Ich kann nicht kochen. Backen schon gar nicht. Trotzdem versuche ich es immer wieder. Schliesslich gehört es heute zum guten Ton, Freunden ein mehrgängiges Menu vorzusetzen, natürlich alles selbstgekocht, regional, saisonal, bio.

Gekauften Kuchen zu verschenken, wird als komplettes Versagen angesehen. Ich sehe heute noch meine Bekannte Irmhild vor mir, wie sie die mitgebrachte Cremetorte – immerhin vom Bäcker im Ort – schweigend auspackte. Ihre Brauen verschwanden unter ihrem frisch geföhnten Pony.

Was aber tun, wenn man in der Küche gänzlich unbegabt ist, jedoch der Geburtstag des Patenonkels ansteht? Dazu muss man wissen: Alfred, ein angegrauter, aber immer noch rüstiger Senior liebt Süsses. Er braucht es wie Popeye den Spinat. Wie eine Rakete den Treibstoff. So ungefähr. Ich überlegte mehrere lange Tage, was ich ihm zu seinem runden Jahrestag schenken könnte. Schliesslich landete ich bei Brunsli – Sie wissen schon, diese Schweizer Nuss-Schokoladen-Kekse, die es klassischerweise in der Adventszeit gibt. Auch für Anfänger geeignet, hiess es.

Ich band mir also meine blau-weiss-gestreifte Kochschürze um, holte Mehl, Eier, Mandeln, Zucker und dunkle Schokolade aus meinem meist gähnend leeren Vorratsschrank und begann, die Zutaten vorsichtig in einer Schüssel zu mischen. Ein klein wenig Mehl landete auf den Ärmeln meines Mohairpullis, die ich sogleich hektisch nach oben krempelte. Der Rest verlief erstaunlich ereignislos: Ich trennte die Eier, schlug das Eiweiss zu Schnee und formte einen dunkelbraunen, fettig glänzenden Klumpen, den ich in den Kühlschrank stellte.

Ich war stolz, dass das Auswallen des Teiges ohne grössere Zwischenfälle gelang und die ausgestochenen Herzen, Kleeblätter und Sterne als solche erkennbar waren.

Als ich zwei Kuchenbleche gefüllt hatte und der Backofen summend sein Gebläse anwarf, seufzte ich, band die Schürze ab und verliess erleichtert die Küche. Dann klingelte es an der Tür. Ehe ich mich versah, war ich mit meinem Nachbarn Hans in ein Gespräch über Neophyten verwickelt. Kleine Klammerbemerkung: Ich mag Hans wirklich sehr, aber der immer grösser werdende Busch Berufkraut am Zaun zwischen unseren Grundstücken, ist mir ein Dorn im Auge. Warum er an diesem Tag eigentlich klingelte, habe ich vergessen. Klammer zu.

Um es kurz zu machen: Ich vergass die Brunsli. Der dunkle Teig war fast schwarz, als ich Alfred die Tür vor der Nase zuschlug und alarmiert zum Backofen sprintete. Es roch, nein, es stank. Ich beförderte die beiden Bleche unsanft auf den Balkon, riss alle Fenster und Türen auf und verdrückte eine Träne.

Onkel Alfred habe ich schliesslich doch noch Kekse mitgebracht. Keine Sorge, ich habe nicht nochmal gebacken. Mein Nachbar Hans hat sie mir geschenkt. Ich glaube, er hatte Mitleid mit mir. Dafür durfte er sein Berufkraut behalten. Zumindest noch ein bisschen.