Schluss machen

Als sie die Tür öffnete, stand die Unruhe vor ihr und begrüsste sie wie eine alte Freundin. Sandra zögerte. Am liebsten hätte sie die Tür wieder zugeworfen. Sie der Unruhe mitten ins Gesicht geknallt. Ha!
Stattdessen trat sie einen Schritt auf die Unruhe zu, legte den Kopf schief und fragte: „Was willst du denn schon wieder hier?“

Die Unruhe war sichtlich beleidigt. „Nennst du das eine anständige Begrüssung?“ Sie versuchte, Sandra in ihre Arme zu ziehen. Diese wehrte sich und trat zurück.
„Hey, wir sind alte Vertraute. Hab dich doch nicht so!“, meckerte die Unruhe.

Sandra verschränkte die Arme. „Ja, wir haben viel miteinander erlebt. Doch seither ist eine Menge passiert. Ich habe mich verändert.“

Die Unruhe sah sie zunächst verärgert, dann besorgt an. „Was soll das heissen? Magst du mich etwa nicht mehr?“ Sie setzte ihren Hundeblick auf und schob die Unterlippe vor.

Oh nein, gleich fängt sie an zu weinen, dachte Sandra. Sie wippte auf den Zehenballen, kaute auf ihrer Lippe und sagte dann. „Ich brauche einfach mal eine Auszeit. Abstand. Das heisst nicht, dass ich dich nicht mehr gern habe“, beeilte sie sich, hinzuzufügen.

Der Unterkiefer der Unruhe fing an zu zittern. „Du machst Schluss mit mir!“ Tränen liefen wie kleine Bäche über ihre rosigen Wangen. Dann wurde sie wütend. „Das darfst du nicht! Ich erlaube es nicht!“ Sie packte Sandra am Handgelenk.

Sandra biss ohne zu zögern in die Faust, die sie umklammert hielt. Ihre Zähne drangen in das weiche Fleisch, bis sie auf Widerstand stiessen.

Die Unruhe schrie und zog ihre Hand zurück, in der Sandras Zahnabdrücke zu sehen waren. Das Blut rann über ihr Handgelenk und troff auf die Matte vor der Haustür.

„Spinnst du!“ Ungläubig starrte sie auf ihre Verletzung. „Du kannst doch nicht einfach wie ein Rottweiler zubeissen! Das lasse ich mir nicht gefallen!“ Die Unruhe raffte ihren Umhang und suchte leise wimmernd das Weite.

Sandra spuckte neben den Briefkasten und klopfte sich die Hände an der Hose ab. „Ich mir auch nicht“, sagte sie, während sie gegen die Klappe des Metallkastens drückte, um nachzusehen, ob Post gekommen war.

Keine Post. Auch gut. Pfeifend schloss sie die Tür und verschwand im Haus.