Sockentage

Heute ist eindeutig ein Sockentag. Emilie beobachtet das Prasseln der Regens auf dem Gehsteig vor ihrer kleinen Souterrainwohnung. Sobald ein Tropfen den nassen Teer berührt, bildet sich für den Bruchteil einer Sekunde eine helle Delle, die sofort wieder verschwindet. So als hätte es sie nie gegeben.

Emilie seufzt und lehnt den Kopf zurück. Dann winkelt sie die Beine auf ihrem Schreibtischstuhl an und massiert ihre Zehen in den bunt geringelten Socken. Es sind ihre Lieblingssocken. Trotzdem findet sie es schade, sie heute angezogen zu haben. Im Sommer sollten Sockentage verboten sein.

Das fand Emilie schon als Kind. Am liebsten war sie in der warmen Jahreszeit barfuss unterwegs. Socken zog sie nur an, wenn ihre Mutter es verlangte. Inzwischen macht sie es freiwillig, sie hasst kalte Füsse. So was sollte es im Sommer einfach nicht geben.

Emilie beugt sich wieder über ihr Buch. Sie muss noch 51 Seiten lesen und dann eine Zusammenfassung für ihr Englischseminar schreiben. Wenn die Geschichte wenigstens spannend wäre.

Ein Paar Stöckelschuhe, das sich körperlos an ihrem Fenster vorbeibewegt, lässt sie aufsehen. Sie betrachtet fasziniert die roten Schuhe, an deren Spitze zwei rot lackierte Zehennägel hervorblitzen. Voll Neunziger, denkt Emilie noch, dann bleiben die Schuhe unerwartet vor ihrem Fenster stehen. Emilie sieht Wassertropfen von dem roten Plastik abperlen, denkt darüber nach, ob die Frau vom schlechten Wetter überrascht worden ist und nun überlegt, ob sie den Bus nehmen oder sich irgendwo unterstellen soll. Dann verdunkelt sich Emilies Welt und ein Männergesicht mit groben Bartstoppeln erscheint direkt vor der Fensterscheibe. Wasser läuft in feinen Rinnsalen über das grob gehauene Gesicht, die dunklen, langen Haare kleben unvorteilhaft am Kopf.

Emilie zuckt zusammen und weicht zurück. Als die Person jedoch in die Hocke geht und sie sie als Ganzes sieht, sammelt sie sich. Der Mann klopft vorsichtig mit den Fingerknöcheln an die Fensterscheibe. Emilie versucht ihm mit Gesten klar zu machen, dass sie an die Eingangstüre kommen wird.

Wenige Sekunden später steht ein tropfender, mittelalter Mann im Flur des Mietshauses, in dem Emilie seit Beginn ihres Studiums letzten Sommer wohnt. Seine Lippen glänzen im gleichen Farbton wie die Stöckelschuhe, wirken nun im schummrigen Gang aber fahl. Ein strenger Geruch nach nassen und nicht richtig getrockneten Handtüchern umgibt ihn.

Noch während Emilie überlegt, wie sie den Mann wieder loswerden kann, stützt sich dieser an der Wand ab und lächelt verlegen. „Ich wollte schon länger bei dir klingeln, hab mich bisher aber nicht getraut.“ Der Mann blickt beschämt zu Boden. Dann strafft er unvermittelt seine breiten Schulten in dem dünnen, regenfleckigen Trenchcoat und streckt Emilie die Hand hin. „Ich heisse Fabienne“.

Irritiert schaut Emilie die Hand an, greift dann aber danach. „Emilie“, sagt sie leise und legt abwartend den Kopf schief.

„Ich weiss“, antwortet Fabienne mit einem Lächeln. Emilies Gedanken galoppieren wie Rennpferde durch ihr Gehirn. Ist der Mann, oder besser, die Frau gefährlich? Ein Stalker? Verwirrt? Sie betrachtet seine klobrillengrossen Hände und tritt unwillkürlich einen Schritt zurück. Ihre Wohnungstür steht ein Stück offen. Sie tritt einen weiteren Schritt zurück.

Fabienne mustert sie. „Du musst keine Angst vor mir haben. Wir kennen uns noch nicht, haben aber viel gemeinsam.“ Sie bückt sich und schlüpft stöhnend aus ihren Stöckelschuhen. Ihre Zehen haben rote Abdrücke, eine ihrer Fersen ist verfärbt. „Ich liebe diese Schuhe, aber sie sind Gift für meine Halluxe. Am schönsten ist es eh mit nackten Füssen.“ Fabienne zwinkert Emilie zu.

Emilie starrt Fabienne an, die nun barfuss auf dem abgetretenen Spannteppich steht und mit den Zehen wackelt. Sie hat an beiden Füssen einen übergrossen Zehenballen, die grossen Zehen zeigen nach aussen. Sie blickt auf ihre Ringelsocken, die ebenfalls unschöne Wölbungen aufgrund der Zehenfehlstellung aufweisen. Dann schaut sie Fabienne prüfend ins Gesicht.

„Du bist…“, fängt sie stammelnd an. Fabienne unterbricht sie mit einer Handbewegung. „Ja, dein Halbbruder oder -schwester, was dir lieber ist.“ Sie blickt an Emilie vorbei zur Wohnung. „Können wir reingehen? Ich würde mich gerne abtrocknen. Und hättest du ein Paar Socken für mich? Ich hasse kalte Füsse.“ Noch während sie spricht, zieht Fabienne die Wohnungstür ganz auf und ist im Inneren verschwunden.

Emilie bleibt eine gefühlte Ewigkeit im Flur stehen, bis sie die Puzzleteile in ihrem Kopf grob sortiert hat. Dann dreht sie sich wie ein Roboter um und betritt ihre Wohnung. „Mensch, Harry, ich hatte doch keine Ahnung!“, dringt ihre leiser werdende Stimme hinaus in den Flur. Dann fällt die Tür ins Schloss und im menschenleeren, schummrigen Gang ist nur noch das leise Prasseln der Regentropfen zu hören.