Tag am See

Guten Tag, darf ich mich kurz vorstellen? Ich heisse Stephan und bin ein Nazi. Meine Devise ist Hass. Diese vier Buchstaben habe ich mir gross auf meine linke Brust tätowieren lassen. Aber urteilen Sie nicht vorschnell, ich bin kein schlechter Mensch. Ich lebe in der Schweiz, habe eine Frau und Kinder, gehe einer ordentlichen Arbeit nach und zahle Steuern. So wie viele andere auch.

Am Wochenende unternehmen wir regelmässig Ausflüge mit unseren Kollegen. Abrasierte Schädel und nationalsozialistische Tattoos gehören bei uns dazu wie in anderen Cliquen der Ghettoblaster oder die Kiste Bier. Wobei wir Männer schon auch gerne Bier trinken. Doch nicht mehr als alle anderen. Wir sind schliesslich Familienväter.

Unsere Frauen sind gute Mütter. Sie packen Nudelsalat und Chips in die Badetaschen, Melone für die Kinder. Am Badesee bildet unsere Gruppe eine Insel, die Handtücher berühren sich, wir teilen das Essen und die Kinderbetreuung. Apropos Kinder: Um die kümmern wir uns liebevoll. Überhaupt sind wir rechte Familienmenschen. Im doppelten Sinn, kleiner Scherz.

Ob die Leute uns manchmal komisch anschauen? Kann schon sein. Doch das kümmert mich nicht. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch seine persönliche Gesinnung ausleben dürfen soll. Toleranz ist wichtig. Wir sind doch eine aufgeklärte, moderne Gesellschaft! Gerade in der Schweiz.

Unsere Community ist hier nicht riesig, trotzdem grösser, als man meint. Einen Gleichgesinnten erkennen wir sofort. Nicht, dass es geheime Zeichen oder bestimmte Losungsworte gibt – es ist eher wie eine Aura, die uns umgibt. Kein Heiligenschein, das nicht. Es funktioniert mehr nach dem Prinzip des Magnetismus. Wir ziehen uns an. Linksradikale hingegen stossen uns ab. So einfach ist das.

Schmeissen Sie uns aber bitte nicht in einen Topf mit unseren Kollegen aus Deutschland. Klar, unsere Überzeugungen sind ähnlich. Doch wir Nazis hier in der Schweiz ticken anders. Haben andere Intentionen, sind nicht so einfache Gemüter. Wir sind halt Wohlstand-Nazis. (lacht)

Ausserdem sind wir viel besser integriert. Im Alltag fällt es wahrscheinlich niemandem auf, wo ich politisch stehe. Und meine Meinung will ich auch niemandem andrehen. Ich bin eher der zurückhaltende Typ. Wenn ich jedoch die Gelegenheit habe, mit meinen Kumpels etwas zu unternehmen, drehen wir gerne auf. Streifen die typische schweizerische Zurückhaltung wie ein Kleidungsstück ab und zeigen unser wahres Ich. Sagen, was wir wirklich denken. Schimpfen auf die Politik, die viel zu nett zu all dem Pack ist, das unser Land überschwemmt. Eine Katastrophe! Wenn es nach uns ginge, wäre vieles anders. Wir hätten ein sauberes Land, ohne Gesindel.

So, jetzt höre ich besser auf, sonst rege ich mich zu sehr auf. Meine Frau guckt schon zu mir rüber. Sie will, dass unser Badeausflug friedlich abläuft. Keine Schlägereien, hat sie mir heute morgen beim Einsteigen ins Auto zugezischt. Pfff. Als hätte ich sowas im Sinn. Ich besorge besser noch eine Runde Bier für alle. Vorne am Kiosk, bei dem Affen mit den Dreadlocks. Doch heute ist Sonntag, da legen auch wir Nazis einen Ruhetag ein.