Traubensaison

Wieder ein knackendes Geräusch. Thomas erinnerte es an die Verpackung der dreieckigen, blassen Supermarkt-Sandwiches, die er während der Ausbildung mittags oft gegessen hatte. Der klackernde Ton entstand, wenn man die leere Plastikhülle zusammendrückte, bevor man sie im nächsten Abfalleimer entsorgte. Er drehte sich nach links. Der Typ auf der Sitzreihe gegenüber schob sich eine weitere Traube in den Mund. Die Farbe hatte gewechselt, stellte Thomas fest und zog die Augenbrauen zusammen. Jetzt waren die Trauben rötlich, mit einem grünen Schimmer rund um den Stilansatz.

Thomas blickte auf den Monitor hinter dem Fahrer, der die Haltestellen und die Uhrzeit anzeigte. Noch 15 Minuten bis zu seiner Haltestelle. Der Bus erreichte die ausgesetzte Passage mit der luftigen Talbrücke. Thomas starrte in den Abgrund, die Räder des Postautos schienen in der Luft zu hängen. Dann drehte er den Kopf erneut nach links. Eigentlich sah der Kerl ganz sympathisch aus. Schwarzes Baseball-Cap, eine gebogene Nase über einem Drei-Tage-Bart, Turnschuhe, Kapuzenpulli und Joggingschuhe. Kopfhörer in den Ohren, nun das Handy in der Hand, wie Thomas feststellte. Der konnte also während so einer kurvigen Fahrt aufs Display schauen, dachte er ein wenig neidisch. Ihm wurde schon schlecht, wenn er zu lange auf den Boden schaute. Dass seine Eltern auch ausgerechnet in dieses Bergdorf ziehen mussten? In einer Stadt hätte er sie lieber besucht. Wahrscheinlich auch öfter als ein paar Mal im Jahr. Tja.

Ein leiser Knall war zu hören. Der Mann zerbiss eine Traube. Thomas stellte sich vor, wie der süsse Geschmack die Mundhöhle flutete, der Saft von der Zunge Richtung Kehlkopf transportiert wurde. Speichel sammelte sich in seinem Mund. Er schluckte. Schon wieder griff der Typ in seinen Rucksack, den er neben sich auf den freien Sitz gestellt hatte. Der Reissverschluss auf der Oberseite war halb geöffnet, der Inhalt für Thomas jedoch nicht zu sehen. Es musste sich um eine 500-Gramm-Packung Weintrauben handeln, so seine Vermutung. Einer von diesen durchsichtigen Plastikbehältern, bei der man den Deckel an zwei Vertiefungen rechts und links am oberen Rand öffnen und schliessen konnte. Der Kerl hatte sie vielleicht in der Migros beim Busbahnhof gekauft und verspeiste sie nun als Mittagessen. Thomas blickte erneut auf die Uhr. Noch zehn Minuten.

Bald ging seine Irritation in Ärger über. Wie konnte man nur so viele Trauben in sich hineinstopfen? Immer und immer wieder griff sein Nachbar in den Rucksack und holte frische Munition für seinen Rachen heraus. Die einzelnen Trauben waren gross; es musste sich um eine Mischung aus grünen und roten handeln. Hatten diese in Italien immer noch Saison, jetzt, Ende November? Oder kamen die aus Israel? Oder Ägypten? Thomas presste die Zähne zusammen und wünschte, er könnte sich irgendwie ablenken. Er ballte die Hände zu Fäusten und klemmte sie zwischen seine Beine. Dann drehte er sich weg und blickte angestrengt in den Talgrund, der nun immer näher rückte. Er zwang sich, nicht mehr nach links zu schauen. Als es dort längere Zeit still blieb, riskierte er dennoch einen Blick. Der Mann hatte sich ihm zugewandt. „Ist es noch weit bis zum Bahnhof?“, fragte er Thomas und sah auf seine Uhr. „Ich darf meinen Anschluss nicht verpassen.“

Thomas Gesichtsfarbe nahm den Ton der Traube an, die der Mann zwischen seinen schlanken Fingern rollte. „Noch fünf Minuten“, stammelte er und wandte sich rasch ab. Der Typ hatte leuchtend blaue Augen, sie schienen ein Loch in Thomas zu brennen. Er war noch damit beschäftigt, die Situation einzuordnen, als ein knisternd-knackendes Geräusch ihn erneut nach links schauen liess. „Willst du auch?“, fragte ihn der Mann, der nun auf den Gangsitz gerutscht war und ihm die offene Plastikpackung mit den übrig gebliebenen Trauben anbot. „Ich bin übrigens der Uli“, fügte er hinzu und streckte die Hand aus. Bevor Thomas wusste, was geschah, war er ebenfalls auf den Gangsitz gerutscht, hatte Uli die Hand gereicht und sich eine Traube genommen, eine grüne. „Danke. Thomas“, sagte er kauend und war froh, dass Uli das Reden übernahm. Einen neuen Job habe er soeben angenommen, erzählte er, in der Küche der Alpenruhe, ganz oben im Dorf. Geregelte Arbeitszeiten, das sei ihm wichtig gewesen.

Als der Bus wenig später am Regionalbahnhof einfuhr, verabschiedete sich Uli hastig und sprang leichtfüssig aus dem Fahrzeug, sobald der brummende Dieselmotor erstorben war. Thomas blickte ihm nach, eine fast leere Packung Trauben in der Hand und rote Flecken am Hals. Den Ausflug ins Bergdorf würde er bald wieder unternehmen. Und eine Packung Trauben mitnehmen. Egal, ob diese aus Italien oder Ägypten kamen. Uli würde sich sicher darüber freuen.